Fluch oder Segen? Viele Schauspieler fallen nach ihrer Serienrolle in ein Karrieretief. Manche allerdings starteten erst nach dem Ausstieg richtig durch.
Patrick Dempsey wird sich das schon gut überlegt haben. So leichtfertig verabschiedet man sich wahrscheinlich nicht von Dr. Derek „McDreamy“ Shepherd, einer der bekanntesten Serienfiguren der 2000er-Jahre. Vor Kurzem gab Dempsey bekannt, dass er nach sechs Jahren (und acht Staffeln) aus der Ärzteserie „Grey's Anatomy“ aussteigen wird. Er sehe sich einfach nicht mehr weiter in dieser Rolle, sagt der 45-Jährige. Und: Er wolle jetzt Actionfilme drehen.
Nun, man wird sehen. Denn so einfach ist das mit der erhofften (Film-)Karriere nach einem Serienausstieg nicht. Wie man damit scheitern kann, haben schon viele Schauspieler erleben müssen. Vielleicht, weil sie zu lange die eine Figur verkörpert haben, die sie fortan als unauslöschbares Alter Ego begleitet. Phoebe aus „Friends“ (Lisa Kudrow) bleibt immer Phoebe, James van der Beek der ewige (ein bisschen langweilige) Dawson aus „Dawson's Creek“, egal, in welchen Rollen sie sich danach versucht haben. So mancher, der in seiner Serienrolle brillierte, war für wirklich großes Popcornkino – oder gar anspruchsvollere Arthouse-Filme – dann offenbar doch nicht wandelbar genug.
Für andere freilich war eine TV-Serie erst der Anfang der großen Karriere, an den man sich oft gar nicht mehr erinnern kann. Leonardo DiCaprio etwa stieg 1991 als 16-Jähriger in die Sitcom „Unser lautes Heim“ ein: Die Serie wurde zwar kurz darauf abgesetzt, DiCaprio brachte die Rolle als Straßenjunge aber genug Aufmerksamkeit, um als Jugendlicher in viel beachteten Filmen („This Boy's Life“, „Gilbert Grape“) engagiert zu werden. George Clooney ist gleich mehrfach vorbelastet: Nach einem Kurzauftritt bei den „Golden Girls“ war er bei „Roseanne“ dabei, ehe er 1994 für „Emergency Room“ engagiert wurde. War er lange Zeit vielen Sehern nur unter seinem Seriennamen „Dr. Ross“ geläufig, wusste man spätestens nach seinem Ausstieg (und der darauf folgenden Karriere), wer George Clooney ist.
Dank einer Serie groß geworden ist auch Bruce Willis Mitte der 1980er in „Das Model und der Schnüffler“. Auch seine spätere Frau Demi Moore („General Hospital“) und deren heutiger Ehemann Ashton Kutcher („Die wilden Siebziger“) spielten zunächst in TV-Formaten. Michelle Williams gilt heute als ernst zu nehmende Schauspielerin der jüngeren Generation. Davor spielte sie jahrelang in der Teenieserie „Dawson's Creek“ und schaffte als fast einzige der Darsteller den Absprung. Ihre Serienkollegin Katie Holmes kennt man heute zwar auch noch – allerdings hauptsächlich als Ehefrau von Tom Cruise.
Auf einen Blick
Zu den vielen Schauspielern, die ihre Karriere im Fernsehen begannen, zählt Jessica Biel (Bild links) die sich nach der bieder-puritanischen US-Serie „Eine himmlische Familie“ in (weniger biederen) Filmrollen versucht. Auch Will Smith wurde dank einer Sitcom („Prinz von Bel-Air“) populär. Wenig bekannt ist, dass etwa auch Julianne Moore und Meg Ryan früher Soap-Opera-Darstellerinnen waren: Beide spielten in der hierzulande kaum bekannten Endlos-Soap „As the World Turns“. [AP]
Leonardo DiCaprio war als 16-Jähriger in der Sitcom „Unser lautes Heim“ zu sehen, dank der er (lange vor „Titanic“) für erfolgreiche Kinofilme engagiert wurde. Mithilfe einer Serie („Das Model und der Schnüffler“) schaffte auch Bruce Willis den Durchbruch. [EPA]
Michelle Williams, für „Brokeback Mountain“ für einen Oscar nominiert, spielte ab 1998 als Jugendliche eine der Hauptfiguren (Jennifer) in der Teenie-Serie „Dawson's Creek“. [EPA]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2011)