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Bildungssystem bremst Migranten

(c) Clemens Fabry
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Eltern junger Türken in Österreich haben einen überraschend hohen Bildungsstatus. Ihre Kinder schaffen den Aufstieg aber meist nicht. In anderen Ländern funktioniert das besser.

Wien/Apa/J.n. Dass vor allem Kinder mit türkischem Migrationshintergrund hierzulande Schwierigkeiten haben, einen hohen Bildungsabschluss zu erreichen, ist bekannt. Bislang wurde das vor allem auf das niedrige Bildungsniveau ihrer Eltern zurückgeführt. Die Studie „The Integration of the European Second Generation“ überrascht jetzt selbst Migrationsforscher. Denn: Das Bildungsniveau der türkischen Elterngeneration ist besser als erwartet. Dass die Kinder dennoch nicht zur restlichen Bevölkerung aufschließen können, ist enttäuschend.

Die Vergleichsstudie läuft bereits seit zehn Jahren, und das in acht europäischen Ländern. Allein in Österreich wurden 700 persönliche Interviews mit Personen zwischen 18 und 35 Jahren geführt, deren Eltern aus der Türkei stammen, die aber selbst bereits in Österreich geboren wurden. Obwohl bisher angenommen wurde, dass der überwiegende Teil der türkischen Migranten der ersten Generation maximal über Grundschulabschluss verfügt, ist das laut Studie nicht der Fall: Die Mehrheit der Elterngeneration hat eine mittlere Schule abgeschlossen. Jeder zweite türkische Vater etwa hat die Schule mindestens acht Jahre lang besucht.

 

Bildungsniveau hier am höchsten

Damit liegt das Bildungsniveau der türkischen Einwanderer erster Generation höher als in allen anderen Vergleichsländern. In Schweden etwa trifft das nur auf 29Prozent der Befragten zu. Der Anteil jener, die maximal die Volksschule besucht haben, ist in Österreich mit 28Prozent am niedrigsten. In Schweden trifft das wiederum auf fast jeden zweiten türkischen Migranten erster Generation zu.

„Das ist vor allem deshalb überraschend, da die Migranten, von denen wir hier sprechen, vor 50 oder 60Jahren die Schule in der Türkei besucht haben“, sagt die Migrationsforscherin Barbara Herzog-Punzenberger im „Presse“-Gespräch. Dass die zweite Generation trotz des überraschend guten Bildungsprofils ihrer Eltern nicht besser abschneidet, sei „schade“. Denn der Ländervergleich zeigt: Es könnte besser gehen. In Österreich schaffen es nur 22 Prozent der Türken zweiter Generation bis zur Matura. Eine postsekundäre oder eine Hochschulausbildung absolvieren nur 14 Prozent. Zum Vergleich: Obwohl der Bildungsstandard der Eltern in Schweden geringer ist, schaffen dort mehr Kinder türkischer Herkunft den Aufstieg. 57 Prozent maturieren, und ein Drittel schließt sogar eine Hochschule ab. Auch in Frankreich und Belgien fällt den Migranten der Bildungsaufstieg leichter. Den Grund dafür sieht Herzog-Punzenberger vor allem in der frühen Kindheit. In keinem anderen Vergleichsland werden Kinder so spät in den Kindergarten geschickt wie in Österreich.

Die Studie zeigt: Während in Schweden 40Prozent der Befragten bereits vor ihrem dritten Lebensjahr den Kindergarten besuchten, trifft das in Österreich nur auf vier Prozent zu. Insgesamt haben in Frankreich 89Prozent der Befragten einen Kindergarten besucht, in Österreich gilt das nur für knapp mehr als die Hälfte. In Frankreich ist der frühe Einstieg in den Kindergarten Normalität, die Betreuung kostenlos und ganztägig. Ein Vorteil, sagt Herzog-Punzenberger. Denn so könnten Migrantenkinder schon bald an die Sprache des Landes gewöhnt werden und außerdem von gut ausgebildetem Personal betreut und gefördert werden.

 

Ganztagsschule erhöht Chancen

Ein Weg, um Bildungschancen gerechter zu verteilen, sei auch der Ausbau der Ganztagsschule, sagt die Migrationsforscherin. Der Bildungserfolg würde dann nicht mehr auf die Unterstützung der Eltern aufbauen, so das Argument. „Die Chancen würden dann unabhängig von den Zeit- und Geldreserven der Eltern sein“, sagt Herzog-Punzeberger. Denn: Nachhilfe bzw. das Lernen mit den Eltern würden dann aufgrund der ganztägigen pädagogischen Betreuung nicht mehr nötig sein.

Auch die frühe Selektion der Schüler in verschiedene Schultypen sei für Migranten von Nachteil. Während etwa in Schweden alle Kinder zwölf bis 13Jahre gemeinsam in eine außerfamiliären Institution wie Schule oder Kindergarten gehen, sind es hierzulande nur fünf bis sechs – und zeigt damit die kürzeste Dauer in allen untersuchten Ländern.

Dass Migranten in anderen Ländern – obwohl ihre Eltern weniger gut ausgebildet sind – besser abschneiden, stimmt Herzog-Punzenberger optimistisch. Denn das zeige, dass Adaptionen im Schulsystem erfolgreich sein können.

Auf einen Blick

Die Studie „The Integration of the European Second Generation“ überraschte selbst Forscher. Denn die Elterngeneration junger Türken in Österreich ist besser ausgebildet als bisher vermutet. Der Großteil hat eine mittlere Schule abgeschlossen. Die Kinder scheiden dennoch oft früh aus dem Bildungssystem aus. Andere Länder beweisen: Es geht besser.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2011)