Der Bericht eines polnischen Widerstandskämpfers gegen die Nazis liegt erstmals auf Deutsch vor.
Mein Mittwoch
Eines der merkwürdigsten Bücher, das ich in den vergangenen Wochen gelesen habe, ist heuer mit 67 Jahren Verspätung auf Deutsch erschienen. „Mein Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund“ (Verlag Antje Kunstmann, München) ist die Erzählung des Widerstandskämpfers Jan Karski, der 1939 nach Hitlers und Stalins Überfall auf Polen als junger Soldat in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet, aus selbiger floh, sich der polnischen Untergrundarmee anschloss (die den vermutlich härtesten Widerstand gegen die Nazis im gesamten besetzten Europa aufbot), von der Gestapo geschnappt wurde, deren Folter sowie einen Selbstmordversuch überlebte, heimlich das Warschauer Ghetto besuchte und Izbica Lubelska, ein Außenlager des berüchtigten Todeslagers Bełżec. Karski war 1942 einer der ersten Augenzeugen, welche die Westalliierten über den Judenmord informierten. Doch auch ein Treffen mit US-Präsident Roosevelt vermochte die Westmächte nicht dazu zu bewegen, die Insassen der Vernichtungslager schneller zu befreien. Karski zog sich zutiefst verbittert auf eine Professur an der Georgetown-Universität in Washington zurück, wo er im Jahr 2000 starb.
Ich habe dieses Buch bewusst merkwürdig genannt: Würdig, gemerkt zu werden. Umso mehr, als der Völkermord an den Juden zu einer rein historischen Erinnerung verblasst. In Zeiten, in denen sich ein FP-Funktionär das Motto der Hitlerjugend „Blut und Ehre“ auf den Arm tätowieren lässt, wäre es interessant zu erfahren, wo die Jan Karskis Österreichs waren; damals, in der Zeit bis 1945, die nach Ansicht manches Zeitgenossen mit „unserer“ Niederlage endete.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2011)