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Muss Wien Bregenz werden? Wo Integration funktioniert

Symbolbild: Integration.(c) AP (MARTIN MEISSNER)
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Dichte an kommunalen Integrationsprojekten ist in Vorarlberg sehr hoch, daher gilt das Bundesland als Vorbild in der Integrationspolitik. Die Türkische Community aber nimmt das Angebot oft zu wenig an, kritisieren Experten.

Wenn der freiheitliche Bürgermeister Florian Kasseroler durch die Straßen seiner Gemeinde Nenzing geht, dann begegnen ihm die türkischen Bewohner besonders respektvoll. Nicht, dass andere keine Achtung vor ihm hätten, aber „der Bürgermeister ist für die türkische Community eine hohe Autorität“, wie er sagt.

Das hat Kasseroler mehr als einmal erfahren, auf türkischen Hochzeiten etwa, zu denen er oft eingeladen wird. Dabei, so der Bürgermeister, beschäftige er sich nicht eingehend mit der großen Integrationsdebatte. Die Migranten in seiner knapp 6000-Seelen-Gemeinde im Vorarlberger Bezirk Bludenz – sie machen rund zehn Prozent der Einwohner aus – „gehören einfach dazu“.

Kasserolers Nenzing ist nur ein Beispiel dafür, was der Migrationsexperte Heinz Fassmann von der Uni Wien „Vorarlberger Frühling“ nennt: eine Integrationspolitik, die als Vorbild gehandelt wird. Das Bundesland hat mit 22 Prozent österreichweit den zweithöchsten Anteil von Migranten (Wien: 38 Prozent), aber „Vorarlberg zeichnet sich nicht durch Integrationsprobleme aus“, sagt Fassmann. Geht es nach den Zahlen und Studien, sind die Vorarlberger Migranten aber nicht besser oder schlechter in die Gesellschaft integriert, als im Rest von Österreich. „Auffällig ist aber, dass die Dichte an kommunalen Integrationsprojekten sehr hoch ist“, sagt Eva Grabherr, Geschäftsführerin von „okay zusammenleben“, der Drehscheibe für Integrationsfragen in Vorarlberg. Das Land sei in operativer Hinsicht aufgewacht: „Kommunen kommen zu mir und fragen: ,Was können wir machen?‘“

 

FP-Kurs jenseits von Strache

Einer dieser Fragenden war Florian Kasseroler. Man habe vor rund fünf Jahren die Idee gehabt, die Sprache in den drei Kindergärten der Gemeinde speziell zu fördern. Das Ergebnis: Deutsch wird als Muttersprache und als Zweitsprache gesondert gefördert; zudem besuchen regelmäßig englischsprachige Pädagogen die Kindergärten.

Freilich, sagt Kasseroler, gebe es auch im Gemeindealltag Reibungspunkte zwischen Migranten und Einheimischen. Als vor drei Jahren die „Türkisch-islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich“ (Atib) ihr altes Gebetshaus wegen eines Straßenbaus verlassen musste, gestaltete sich die Suche nach neuen Räumen schwierig: „Ich war verwundert über den Widerstand der Bevölkerung“, sagt der Bürgermeister. Dass aber Atib das Haus ersetzt bekommen werde, sei für ihn, auch als Freiheitlichen, selbstverständlich gewesen. „Zu Integration hat die FPÖ in Vorarlberg eine gelassene und gesunde Ausgangsposition“, sagt er. Auf Bundesebene hingegen würden Töne herrschen, „die man in Vorarlberg nicht kennt“. Im Ländle sei man insgesamt pragmatischer, das wirke sich nicht zuletzt auf die Integrationspolitik aus. Zudem, ergänzt Experte Fassmann, gebe es in Vorarlberg einen gesellschaftlichen Konsens, dass man nicht auf große Lösungen von oben warte, sondern die Sache selbst in die Hand nehme. Beispiel dafür sind die in Eigeninitiative erstellten Integrationsleitbilder von noch so kleinen Gemeinden; das erste Leitbild Österreichs hat 2002 Dornbirn beschlossen.

Die operativen Tätigkeiten im Land haben überparteiliche Zustimmung. Ist es in Nenzing der FPÖ-Bürgermeister, gehen in anderen Kommunen Impulse von der regierenden ÖVP aus, sagt Grabherr. Die anderen Parteien würden sich ebenfalls aktiv beteiligen.

Türken schwächer integriert

Wenn nun sehr viel Wert auf die Umsetzung von Integrationsplänen gelegt wird, sind die Migranten selbst oft nicht großflächig erreichbar. „Es ist mühsam“, sagt Vildan Ucar, „die Leute zu mobilisieren.“ Ucar, Kind türkischer Gastarbeitereltern erster Generation, ist erst kürzlich zur Sprecherin des neu gegründeten Integrationsrats in Hohenems gewählt worden. Besonders innerhalb der türkischen Community fehle das Bewusstsein, dass man selbst auch mitgestalten könne.

Türken sind in Vorarlberg die größte Migrantengruppe (knapp 14.000 sind türkische Staatsbürger). Gerade sie seinen schwächer integriert als vergleichsweise Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien, sagt Grabherr. War aber die Ausgangslage der ersten Generation aus der Türkei schlechter (weniger Bildungsjahre), habe die zweite „zunehmend das Bedürfnis, sich mitzuteilen. Und sie verzeichnet sehr wohl auch einen sozialen Aufstieg.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2011)