Privatsphäre: 99 Dollar für die weiße Weste im Web

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Der Aufstieg der digitalen Datensammler wie Facebook und Google ruft auch Firmen auf den Plan, die den Menschen die Kontrolle über ihre Informationen im Netz zurückgeben wollen.

Wien. In jeder Sekunde gewinnt Facebook weltweit sechs neue Mitglieder. Spätestens seitdem auch der letzte Personalchef das größte Online-Netzwerk für seine Zwecke entdeckt hat, ist ein grundlegendes Problem der digitalen Welt nicht länger zu leugnen: Das Internet vergisst nicht. Einmal online, wird jedes noch so veraltete Foto vom letzten jugendlichen Vollrausch mit Sicherheit noch Jahre später gefunden.

Und dennoch ist das noch die geringste Sorge, die mit dem Aufstieg des eifrigsten Datensammlers der Welt einhergeht. Der Boom von Internetfirmen wie Google, Twitter oder eben Facebook macht noch einen zweiten strukturellen Fallstrick des Internets sichtbar: sein Geschäftsmodell an sich.

Lukrativer Exhibitionismus

Denn das Angebot vieler Firmen im Netz ist nur auf den ersten Blick kostenlos. Fast immer läuft der Deal nach dem Motto „Leistung gegen Daten“ ab. Die Internetunternehmen verdienen prächtig am digitalen Exhibitionismus ihrer Kunden. Je mehr Daten sie über ihre Nutzer ergattern können, desto genauere und damit auch teurere Informationen können sie an die Werbewirtschaft weitergeben.

Google verdient mit seiner Datensammlung längst prächtig, auch bei Facebook soll jeder der mittlerweile 600 Millionen Nutzer rund hundert Dollar zum Geschäftserfolg beitragen. Der jüngste Hype rund um Social Media hat diese Praxis für viele erst sichtbar gemacht – und auch Gegenspieler auf den Plan gerufen. Nicht nur Datenschützer und Regulatoren fühlen sich gefordert. Es schießen auch immer mehr Unternehmen aus dem Boden, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Menschen ihren guten Ruf im Internet wiederzugeben. Unternehmen wie Michael Fertiks Reputation.com.

„Daten sind das neue Erdöl“

Täglich arbeitet das 180-Mann-Unternehmen des Amerikaners daran, unerwünschte Informationen über seine Kunden zu löschen oder zumindest in den Tiefen des Internets verschwinden zu lassen. „Und alle zwei Wochen sind selbst wir völlig überrascht, über welche Tricks Internetfirmen zusätzliche Daten über uns angeln“, sagt Fertik zur „Presse“.

Auch ihm bereiten längst nicht nur die großen Datensammler wie Google, Apple oder Facebook Sorgen. Da die gesamte Infrastruktur des Internets auf das Versprechen aufbaue, dort Werbung generieren zu können, sauge „fast alles im Netz ständig Informationen über uns“. Kaum eine Firma, die nicht Kundendaten sammelt und hinterher verkauft oder tauscht. „Unsere Daten sind das Erdöl von morgen“, sagt Fertik. „Was wir verkaufen, ist Kontrolle über die eigene Information. Dabei geht es um Reputation und Datenschutz.“

Weniger Bewusstsein in Europa

Ab 99 Dollar im Jahr ist bei Reputation.com eine weiße Weste im Internet zu haben. Informationen, die unangenehm sein könnten, werden dafür in den hintersten Web-Winkel verbannt. Ein Dienst, den 2008 auch viele Wall-Street-Banker gerne in Anspruch genommen haben. Freilich für ein paar Dollar mehr. Keiner von ihnen wollte im Internet mit dem Ausbruch der Finanzkrise in Zusammenhang gebracht werden. Anders als in den USA gebe es in Europa weit weniger Bewusstsein dafür, was ein schlechter Ruf im Internet bedeutet – und was man dagegen tun kann, sagt Fertik.

Keine Lösung für Smartphones

Doch der Unternehmer verspricht mehr: Er will seine Kunden weitgehend aus der Werbemaschinerie Internet ausklinken, ohne dass diese zu digitalen Abstinenzlern werden müssen. Rund 180 Werbenetzwerke, die Daten von allen möglichen Firmen zusammensammeln und weiterverkaufen, könnten blockiert werden. Gerne wettert der Amerikaner gegen die Vorgangsweise vieler Internetfirmen, erst Nutzer zu locken und im Nachhinein alle Regeln zu ändern. Wer nicht rechtzeitig abspringe, stimme eben zu, so die reichlich krude Logik vieler Firmen, die von den Daten ihrer Kunden leben.

Wüssten die Menschen, was mit ihren Daten passiert, würden viel mehr etwas dagegen unternehmen, ist Fertik überzeugt. „Alles, was wir wollen, ist eine faire Wahl.“ Die haben freilich auch seine Kunden nicht überall. Von 101 Smartphone-Apps, die das „Wall Street Journal“ jüngst prüfte, verrieten 47 die Aufenthaltsorte der Besitzer ohne deren Wissen an Werbefirmen. Für die Fallen der mobilen Welt hat auch Michael Fertik noch keine Lösung parat.

Auf einen Blick

Michael Fertik ist der Gründer von Reputation.com, einer US-Firma, die ihren Kunden verspricht, ihren guten Ruf im Internet wiederherzustellen und die Privatsphäre im Netz zu kontrollieren.

Für Facebook-Nutzer bietet die Firma den kostenlosen Dienst uProtect.it an, der es ermöglichen soll, eigene Beiträge zu kodieren und leicht wieder zu entfernen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2011)

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