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Als ich meinen Namen vergaß

Bulgarien Mitte der Achtzigerjahre: Das Schiwkow-Regime lässt die türkische Minderheit „bulgarisieren“. Ferdie, 17 Jahre alt, leistet Widerstand – und kommt dafür ins Gefängnis. Bis heute steht sie auf der Seite der Verlierer.

Wer hat Ihnen von mir erzählt?“, fragt Ferdie bei der Begrüßung. „Salim Salimov“, antworte ich, „der mit ihnen auf der Anklagebank saß.“ Das beruhigt sie. Sie lächelt, ihre Gesichtszüge entspannen sich. Sie lädt mich in ihr Haus ein. Sie wohnt im Dorf Bojanbotevo. Ich weiß wenig über Ferdie Saidahmed. Davor habe ich nur mit Salim gesprochen. Ihre Geschichten sind miteinander verknüpft. Beide sind bulgarische Türken.

1984 arbeitet Salim in einer Bäckerei in der Stadt Kardjali in Südbulgarien. Dort hört er, dass in den Dörfern der Rhodopen-Gebirge Türken gezwungen werden, bulgarische Namen anzunehmen, es gibt massenhaft Proteste, angeblich Verletzte und Tote. Salim ist 24 Jahre alt. Er und sein Freund Ismet beschließen, ein Zeichen zu setzen. Ismet hat in der Schule Englisch gelernt und schlägt vor, in die britische Botschaft in Sofia zu gehen, um zu berichten, was in den Rhodopen geschieht, „damit der Westen davon erfährt und etwas unternimmt“. Ihnen schließen sich noch zwei Mädchen an – Schülerinnen des Wirtschaftstechnikums in Kardjali. Eine von ihnen ist Ferdie.

Die Mission in Sofia geht schief. Der Botschafter ist über Weihnachten in England, ein Angestellter schlägt ihnen die Tür vor der Nase zu. Es hat den Anschein, als wolle der Westen davon nichts hören und schon gar nicht helfen. Die Gruppe kehrt heim, niedergeschlagen, aber nicht verzweifelt. Sie geben nicht auf. Als nächsten Schritt planen sie eine Protestdemonstration der bulgarischen Türken gegen die staatlich verordnete Namensänderung.

Die Verschwörer tippen auf einer Schreibmaschine Ort und Zeit der Protestdemonstration. Jeder nimmt einen Packen Flugblätter und verteilt sie in den Straßen. Die Demonstration findet am 20. Dezember 1984 statt. Ein paar Tage später werden die Organisatoren verhaftet. Auch Ferdie, sie ist damals 17. Alle werden verurteilt. Selim wird Anfang 1989 aus dem Gefängnis entlassen. Man händigt ihm einen Reisepass sowie eine Fahrkarte nach Wien aus, er soll innerhalb von 24 Stunden das Land verlassen. An Wien kann er sich kaum erinnern. Nur an eine Unterkunft, in der „Polizisten, statt ihn zu prügeln, das Essen serviert haben“. Gemeinsam mit anderen bulgarischen Türken, die es gewagt haben, sich gegen die Bulgarisierung aufzulehnen, wird er mit einem Flugzeug in die Türkei gebracht. Der Transport wird von der türkischen Botschaft organisiert. Im Sommer 1989 verlassen, nach einem Abkommen zwischen Bulgarien und der Türkei, mehr als 350.000 ethnische Türken das Land.

Ein paar Monate später, nach dem Sturz des kommunistischen Regimes von Todor Schiwkow, kehren rund 150.000 zurück. Salim bleibt in Bursa. Ferdie hat als einzige der damaligen Verschwörer Bulgarien nie verlassen. Im Unterschied zu manch anderen früheren „Helden“ des Widerstandskampfes gegen die Bulgarisierung, von denen sich herausstellte, dass sie mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet haben, was ihnen lukrative Positionen verschaffte, ist Ferdie auch heute wieder auf der Seite der Verlierer. Hier ist ihre Geschichte.


Als ich hörte, was Salim und Ismet vorhaben, wollte ich sofort mitmachen. Ich war damals noch ein Kind, kaum 17. Wir beschlossen, dass wir unsere Namen auf keinen Fall ändern wollten. Mehr nicht. Ich habe mir nichts dabei gedacht, dass das gefährlich sein könnte. Staatsfeindlich. Für mich war das wie ein Spiel. Ich habe nicht damit gerechnet, dass man mich verhaften und einsperren würde. Als die Milizionäre kamen, war ich gerade zu Hause, bei den Eltern. Ich stand in der Küche, da stürmten vier oder fünf Männer ins Haus. Mein Vater fiel in Ohnmacht. Ich habe sofort gewusst, dass sie wegen mir gekommen sind. Meine Eltern hatten ihre Namen bereits geändert, nur ich nicht. Die Milizionäre sagten, sie würden mich für ein paar Stunden mitnehmen. Ich blieb einen Monat im Arrest.

Manchmal wurde ich täglich, dann wieder jeden zweiten Tag zum Verhör gebracht. Ich war allein in der Zelle, lag auf dem nackten Boden, nur mit einer Decke. In anderen Zellen gab es Betten, in meiner nicht. Einmal sagte mir der Untersuchungsrichter, dass ich Eleonora heiße. Diesen Namen hörte ich zum ersten Mal, er klang eigenartig, ich wusste anfangs gar nicht, wie man ihn ausspricht. Etwas später wurde ich dem Staatsanwalt vorgeführt. Er fragte, wie ich heiße. Ich weiß nicht, sagte ich, vor einer Stunde habe ich meinen neuen Namen gehört, ich habe ihn vergessen. Der Staatsanwalt wurde wütend, aber was sollte ich machen, ich hatte den Namen Eleonora tatsächlich vergessen. Dann bekam ich einen neuen Pass mit dem neuen Namen.

Während der ersten Wochen meiner Haft wussten meine Eltern nicht, wo ich war. Mein Vater ging angeblich jeden Tag zur Miliz. Ich weiß nicht, ob er nicht gewagt hat, dort nachzufragen, oder ob man ihm keine Auskunft erteilte, jedenfalls haben sie nicht erfahren, wo man mich hingebracht hatte. Wenn sie sich abends zum Essen setzten, beschimpfte der Vater die Mutter: „Wie kriegst du einen Bissen hinunter, wenn du nicht weißt, wo dein Kind ist?!“ Er wurde psychisch krank. Er lief ständig mit einem Strick durch die Gegend.

Bei den Verhören stellten sie immer dieselben Fragen. Warum habt ihr die Flugblätter verteilt? Warum seid ihr zur britischen Botschaft gegangen? Sonst nichts. Ich antwortete stets, dass nur meine Mutter das Recht hat, mir einen Namen zu geben. Einer der Milizionäre, er stand vor der Pensionierung, gab mir Bücher zum Lesen. Wie viele Bücher ich damals verschlungen habe. Ohne diesen Mann wäre ich vielleicht verrückt geworden.

Der Prozess fand in Kardjali statt. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Am Ende der Verhandlung wurde ich gefragt, ob ich etwas sagen wolle. Ich stand auf und schrie: „Mein Schicksal ist in euren Händen, es wird über mein Leben entschieden, und der Richter schläft!“ Er hat wirklich geschlafen. Das nahmen sie mir sehr übel und brummten mir zwei Jahre Haft auf. Sie holten mich früh am Morgen am 22. Juli 1985 ab. Das ganze Dorf versammelte sich, um mich zu verabschieden. Eine meiner Cousinen schrie: „Warum steht ihr so traurig herum, als ob sie etwas verbrochen hätte? Lasst uns Abschied feiern, wie es sich gehört!“ Sie hatte einen Kassettenrekorder mitgebracht und spielte Musik. Der Bezirkschef, auch ein Türke, sagte zu mir: „Du bist sehr mutig! Warum weinst du nicht?“ Ich weinte nicht. Auch nicht im Gefängnis. Höchstens unter der Decke, damit es keiner sieht.

Sie brachten mich wieder nach Kardjali. Vor Aufregung hatte ich nichts gegessen. Dort blieb ich drei Tage, während denen ich nichts zum Essen bekam. Essen soll man selber mitbringen, das hatte ich nicht gewusst. Und keiner fragte, ob ich hungrig sei. Ich hatte etwas Geld dabei. Wenn jemand an meiner Zelle vorbeiging, bettelte ich: „Gebt mir ein Stück Brot! Ich will auch dafür bezahlen! Bitte!“ Keiner gab mir etwas.

Als sie mich am nächsten Tag wegbrachten, ins Gefängnis, sagte ich mir, ich habe nichts mehr zu verlieren, und schrie den mich abführenden Milizionär an: „Hast du keine Kinder? Bist du sicher, dass sie nicht eines Tages in meiner Lage sein werden? Nicht einmal ein Stück Brot wolltest du mir geben!“ Er verteidigte sich, er sei nicht im Dienst gewesen, es sei nicht seine Schuld, ich aber schrie weiter, bis ich völlig heiser war und die Stimme verlor.

Wenn ich das heute erzähle, muss ich lachen, aber damals war ich tief getroffen. Der Milizionär bekam es mit der Angst zu tun und fesselte mich mit Handschellen an einen riesengroßen Kerl, einen Rückfalltäter, wie sie sagten. Das Wort hatte ich noch nie gehört, ich wusste nicht, was das bedeutete, aber ich hatte mehr Angst vor dem Wort als vor dem Kerl. So gingen wir zum Bahnhof. Der Mann neben mir ging normal, aber ich konnte kaum Schritt halten mit ihm, er schleppte mich an den Handschellen hinter sich her. Die Leute im Zug gafften, das war sehr demütigend. Sie konnten ja nicht wissen, dass ich nichts gestohlen und keinen umgebracht hatte. Der vierschrötige Kerl, Mitte 40, machte sich nichts aus den Gaffern, er war das gewohnt, er hatte seinen Spaß mit mir und sagte zufrieden: „Hoffentlich bleibt es so! So können wir es uns gut gehen lassen!“ So eine Schande!

Im Frauengefängnis in Sliven arbeitete ich in der Schneiderei. Alle waren zufrieden mit mir. Ich saß zum ersten Mal an einer Nähmaschine, doch ich lernte rasch, nach zehn Tagen konnte ich schon schwierige Nähte fertigen. In der Zelle waren wir sechs Frauen. Ich war die einzige Politische. Eine saß wegen Mordes, eine andere wegen Diebstahls, eine dritte war eine Prostituierte. Die Mörderin hatte ihren Mann umgebracht. Aber sie war immer gut zu mir. Mit solchen Leuten lebte ich zusammen, teilte alles mit ihnen und war dankbar, dass sie mich gut behandelten. Und es war gut, dass sie da waren. Sie waren immerhin Menschen, und ich war nicht allein.

Eines Tages sagte die Aufseherin zu mir: „Mädchen, was hast du hier zu suchen? Du hast doch nichts verbrochen. Du solltest jetzt mit deinem Freund auf einer Bank sitzen, nicht im Gefängnis. Nimm dir kein Beispiel an den anderen. Die haben so viel gestohlen, dass sie nicht mehr arbeiten müssen, wenn sie herauskommen. Und du?“ Ich saß unter verschärften Bedingungen, daher durfte ich nur einmal alle sechs Monate Besuch bekommen. Beim ersten Mal kam meine Mutter. Sie konnte kein Wort sagen, weil sie nicht Bulgarisch konnte, und türkisch durfte sie nicht sprechen. Wir sind uns eine Dreiviertelstunde schweigend gegenübergesessen und haben einander angeschaut. Ich wollte nicht, dass sie sieht, wie ich weine. Schließlich war die Besuchszeit zu Ende, und sie stand auf und ging. Ich konnte meine Tränen kaum mehr zurückhalten, ich wollte schreien, doch ich blieb stumm.

Es hieß, wenn Todor Schiwkow stirbt, wird man uns alle freilassen. Auch wenn das eine Sünde sein mag, aber wir haben jeden Tag für seinen Tod gebetet. Meine Haft dauerte ein Jahr und acht Monate. Wenn man arbeitet, werden zwei Tage als drei gezählt. Als ich erfuhr, dass ich entlassen werde, freuten sich meine Mitgefangenen mit mir. Sie klatschten und sagten: „Schau nicht zurück! Du hast hier nichts zu suchen! Komm ja nicht wieder her!“ Und alle baten mich, draußen einen Kaffee für sie zu trinken.

Als ich ins Dorf kam, war es spät nachts. Ich klopfte an die Tür, doch keiner meldete sich. Erst nach ein paar Minuten öffnete meine Mutter. Als sie mich sah, fiel sie in Ohnmacht. Kurz danach begann ich als Schneiderin in einem Betrieb zu arbeiten. Eine andere Arbeit durfte ich nicht annehmen. Vor der Haft hatte ich die Schule besucht, doch im Gefängnis wurde mir nicht gestattet, die Matura abzulegen. Weil ich eine Politische war. Das galt auch nach meiner Freilassung. Erst viel später half mir ausgerechnet der Untersuchungsrichter, die mittlere Reife zu vollenden.

Als nach 1989 bekannt wurde, dass politisch Verfolgte eine Entschädigung bekommen sollen, benötigte ich einen Nachweis, dass ich tatsächlich im Gefängnis war. Mein Urteil war nirgends aufzufinden. Offenbar wollte man damit die ganze Sache vertuschen. Da fiel mir der Untersuchungsrichter ein. Er arbeitete jetzt als Rechtsanwalt. Mit seiner Hilfe kam ich zu den nötigen Papieren. Und er schrieb mir auch das Ansuchen, das Wirtschaftstechnikum beenden zu dürfen. Vor vier Jahren wurde ich zu einer Prüfung in bulgarischer Sprache zugelassen, mit 39 bekam ich das Zeugnis, dass ich die Mittelschule abgeschlossen habe. Als Verfolgte erhielt ich eine Entschädigung. Sie betrug gerade einmal 260 Lewa, 130 Euro. Für ein Jahr und acht Monate Haft.

Ich träume oft vom Gefängnis. Bei der Freilassung sagte der Staatsanwalt zu mir: „Du bist jung, du wirst alles vergessen.“ Doch so etwas kann man nicht vergessen. Ich werde nie aufhören, davon zu träumen. Dann sage ich mir immer, nur gut, dass du damals so jung warst. Das Schlimmste ist, dass ich jetzt in einem Dorf lebe, in dem ich es nicht wagen kann, den Mund aufzumachen. Dann heißt es gleich: Du hast nichts zu melden, du warst im Gefängnis. Ich werde immer noch wie eine Verbrecherin behandelt. Das tut mir weh. Dabei sind die Leute hier alle Türken. Aber die Türken, die mit den Kommunisten gemeinsame Sache gemacht haben, sind heute wohlhabend. Der Bürgermeister von damals ist auch heute wieder Bürgermeister. Keiner schämt sich.

Vor Kurzem war ich in Kardjali. Da blieb ein großer Wagen neben mir stehen, und ein ehemaliger Mitschüler stieg aus. Er war der schwächste Schüler in unserer Klasse. Er fragte mich: „Wo arbeitest du jetzt als Ärztin?“ Ich – Ärztin? Ich bin eine Schneiderin. Ich war immer die beste Schülerin gewesen, deshalb glaubten alle, ich werde einmal Ärztin werden. Aber man hat mir mit 17 Jahren die Flügel gestutzt, und dabei ist es geblieben. Diejenigen, die damals den Mund gehalten haben, fahren heute große Wagen.

Mein Mann hat am Bau gearbeitet, ohne Krankenversicherung. Vor ein paar Jahren erlitt er einen Schlaganfall, seither ist er auf einem Auge fast blind. Die Behandlungen haben unsere gesamten Ersparnisse aufgefressen. Ich musste meine beiden goldenen Ringe verkaufen. Jetzt kann er nicht mehr arbeiten und sitzt zu Hause.

Ich bitte keinen um Hilfe. Schon gar nicht um Geld. Ich habe brave Kinder, die uns helfen. Der Sohn arbeitet schon. Die ältere Tochter will studieren, sie ist noch in der Schule, doch sie hilft bereits in der Kleiderfabrik. Die kleine Tochter ist zehn, aber sie kann auch schon alles nähen. Ich habe gelernt, mit wenig das Auskommen zu finden. Wenn ich genug verdiene, gibt es Fleisch, sonst nicht. Ich beklage mich nicht. Was immer auch kommen mag, ich werde damit fertig werden. Aber der Schmerz, der bleibt, und die Alpträume bleiben auch. Die wird man nie mehr los. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2011)