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Malta: Merkwürdistan zwischen Afrika und Sizilien

Malta Merkwuerdistan zwischen Afrika
Symbolbild Malta(c) AP (LINO AZZOPARDI)
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Fischerboote mit Augen, Klein-Hollywood und ein Kauderwelsch, das kein Gast versteht: Malta ist seit sieben Jahren in der EU, aber immer noch Europas eigenartigste Insel.

Nenas neues Make-up strahlt: braun wie Maltas Land, blau wie der Himmel. Fehlt noch der Lidstrich. Und die Augen dafür. Denn Nena ist ein maltesisches Fischerboot, und das darf nur mit Pupillen des Totengottes Osiris am Bug ins Wasser, erklärt Lawrence Micallef, der Besitzer, in seinem Hinterhof: „Phönizische Tradition, gut 2800 Jahre alt, aber wir glauben fest dran, die Augen schrecken das Böse ab.“

Grimmig dürfen sie trotzdem nicht schauen. Schön müssen sie sein, so wie die Augen der Frau von Lawrence, das Boot trägt ja ihren Namen. „Luzzi“ heißen diese schmalen Kähne auf Maltesisch und gehören zur Insel wie die Gondeln zu Venedig, bieten Malta-Touristen aber mehr als den nebligen Canale Grande mit Rushhour-Verkehrsaufkommen.

Vorausgesetzt, sie stechen morgens vor sieben in See. Nur dann lässt die aufgehende Sonne Maltas sandsteinfarbene Festungsmauern in der Hafeneinfahrt von Valletta reflektieren und das Wasser schimmern. Es ist Maltas goldene und fast stille Stunde. Wären da nicht der tuckernde Luzzu-Motor, klickende Kameraverschlüsse der Passagiere an Bord sowie ihre Begeisterungsrufe angesichts der farbenfroh restaurierten Lagerhauszeile Waterfront.

Die den Teufel verwirren

Die Ahs und Ohs weichen einem einheitlichen „Hä?“ kurz nach dem Einlaufen des Luzzu in den Seglerhafen von Vittoriosa. Blicke wandern irritiert hin und her zwischen Kirchturm- und Armbanduhren: Wieso stehen die Zeiger da oben auf kurz nach elf, die eigenen aber auf kurz vor acht? Prüfender Blick zum nächsten Kirchturm, noch mehr Verwirrung: Dort ist es halb vier. Bei näherem Hinsehen wird klar: Die Uhren sind aufgemalt, manche Kirche hat gleich drei solche Attrappen mit unterschiedlichen Uhrzeiten.

„So wollen wir den Teufel verwirren, damit er nicht pünktlich zur Messe erscheint“, sagt Gästeführerin Rosanne Sciberras und lächelt gequält, denn sie kennt die Reaktion der meisten Malta-Besucher. Von „Treibt hier Harry Potter sein Zauberunwesen?“ bis zu „Die spinnen, die Malteser!“ hat sie schon alles gehört.
Ja, merkwürdig, dieser Mumpitz in einem streng religiösen Land, das mit 316 Quadratkilometern nicht mal so groß ist wie Wien (414,87 km2), aber angeblich 365 Kirchen hat – für jeden Tag eine, wie manche der 400.000 Malteser augenzwinkernd sagen. Spendierfreudig sind sie und geltungssüchtig, wenn es um ihre Gotteshäuser geht, liefern sich seit gut 200 Jahren einen Wettstreit um die größte Kirche. Kein Wunder also, dass mit der Rotunda von Xewkija und dem Dom von Mosta zwei der drei größten Kuppelkirchen Europas im kleinsten EU-Land thronen – in Malta. Die Malteser sind keine Kartei-Katholiken, aber sie beten zu „Alla“ – ja, so heißt „Gott“ auf Maltesisch. Auch sonst traut man seinen Ohren nicht, beim Schlendern durch die Gassen von Valletta, durch Rabat, die stille, ehemalige Hauptstadt, oder die quirlige Hafenstadt Marsaxlokk mit ihren italienisch anmutenden Straßencafés: Denn was an Kauderwelsch auf der Insel zu hören ist, kann kein normaler Gast dechiffrieren.

„Ohne uns gäb's die EU nicht“

Wer glaubt, etwas zu verstehen, liegt garantiert daneben: „Hobz bis zejt“ ist nicht die Frage, ob man Zeit habe, sondern eine maltesische Spezialität: eine dicke Scheibe knuspriges Brot mit Olivenöl, Tomatenpüree, Kapern, Oliven und Knoblauch. Wem das schmeckt, muss „tajjeb“ (gut) sagen, und „Kif inti'“, um zu erfahren, wie's denn so geht. „Bonqu“, gesprochen „bonschu“, ein Überrest des aus der französischen Besatzungszeit hängen gebliebenen „bonjour“ und „grazzi“ aus dem Italienischen für „danke“ – das sind zwei der wenigen Anleihen aus europäischen Nachbarländern in „Malti“, einer seltsamen Buchstabensuppe, angerührt von phönizischen Besatzern in der Antike und Arabern im Mittelalter. Gesprochen wird Malti von den rund 400.000 Insulanern nur, wenn sie nicht gerade englisch reden. Trotzdem haben sie im Jahr 2004 beim Beitritt ihrer Insel zur Europäischen Union durchgesetzt, dass ihr Kauderwelsch offizielle EU-Sprache wird. 80.000 Seiten EU-Gesetze mussten daraufhin auf Malti übersetzt werden. Dafür wurden 40 Übersetzer gesucht, aber nur ein Bruchteil davon wurde gefunden.

Neben ihrer Sprache haben die Malteser der EU noch etwa 70 weitere Sonderrechte abgehandelt: Die Insel bleibt neutral, die Abtreibung auf Malta verboten und die Vogeljagd erlaubt – wenn auch eingeschränkt. Es reicht, damit schießwütige Malteser pro Jahr immer noch etwa eine Million Zugvögel vom Himmel holen können. Selbstbewusste Begründung vieler Insulaner für so viel Dickschädeligkeit: „Ohne uns gäbe es die EU gar nicht!“ Sagt auch Lawrence, der Luzzu-Maler, und erinnert daran, dass 600 hoffnungslos unterlegene Ritter des Malteser-Ordens zusammen mit 8000 Insulanern die Invasion durch Suleyman, den Prächtigen, und sein 30.000-Mann-Heer zurückgeschlagen und damit das Vordringen der Türken nach Westeuropa verhindert hätten. Noch heute trinken die Malteser täglich darauf – mit einem Bier, das an das Jahr dieses Sieges erinnert: 1565.

Vor allem aber haben sie auf diesem Triumph eine ganze Stadt gegründet: Valletta, schachbrettartig angelegt, eine Festung, benannt nach Baumeister Jean Vallette, mit schon damals modernen Hospitälern und Abwasserkanälen, um die Seuchengefahr zu bannen. Aber auch mit Prunkpalästen wie dem ehemaligen Johanniter-Hauptquartier „Grand Masters Palace“ einerseits, und andererseits windschiefen, verwitterten Hausfassaden mit arabisch anmutenden Holzerkern und schmiedeeisernen Gittern vor den Haustüren. Die sollten früher die wild herumlaufenden Ziegenherden fernhalten. Abgesehen von ein paar roten Telefonzellen und dem Linksverkehr aus späterer britischer Besatzungszeit ist Valletta eine Art spätmittelalterliches Freilichtmuseum.