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Wie der Verkauf von Adidas Lagarde in die Quere kommen kann

(c) EPA (YOAN VALAT)
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Über der Kandidatur von Christine Lagarde für den Chefposten hängen dunkle Wolken. Der Stolperstein, der Lagarde auf der Zielgeraden noch zu Fall bringen könnte, heißt Bernard Tapie.

Paris. Auf ihrer Rundreise rund um die Welt hat Christine Lagarde jede Menge Komplimente und Unterstützungszusagen erhalten. Alle loben ihre Kompetenz, ihr diplomatisches Geschick, ihre Eleganz, nicht zuletzt aber auch ihr Englisch. Denn noch sind es die Partner an internationalen Konferenzen nicht gewohnt, sich mit französischen Regierungsmitgliedern zu unterhalten, die tatsächlich gutes Englisch beherrschen.

Diese Powerfrau scheint alle Trümpfe in der Hand zu haben, um Nachfolgerin ihres Landsmanns Dominique Strauss-Kahn an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu werden. Doch der Stolperstein, der Lagarde auf der Zielgeraden noch zu Fall bringen könnte, heißt Bernard Tapie. Er hat mit Unternehmen jongliert, wurde Fußballmanager und schließlich Minister, landete aber dennoch wegen Betrugs ruiniert im Gefängnis. Am Ende steht er wieder als strahlender Millionär da – dank Christine Lagarde.

 

Entscheidung erst nach der Kür

Ausgerechnet Tapies Comeback wird Lagarde auch nach ihrer Kür zur IWF-Chefin weiterhin begleiten. Paris hat am Freitag eine Entscheidung, ob gegen die Ministerin Anklage wegen Amtsmissbrauchs und Begünstigung erhoben wird, auf Juli vertagt.

Es geht um eine alte Affäre, die schon seit 18 Jahren die Öffentlichkeit beschäftigt. Lagarde wollte mit einem Schiedsspruch dem Seilziehen ein rasches Ende setzen. Und Tapie konnte sich nicht beklagen über diesen Deal, der jetzt Anstoß erregt. Begonnen hatte alles 1992. Damals stand Bernard Tapie auf dem Höhepunkt. Alles, was er anfasste, verwandelte sich zu Gold.

Präsident François Mitterrand wollte diesen populären Mann auch für sich und ernannte ihn zum Stadtminister. Deshalb verkaufte Tapie den Sportartikelkonzern Adidas, den er zwei Jahre zuvor für 1,6 Mrd. Francs (244 Mio. Euro) erstanden hatte. Den Auftrag dazu erteilte er einer Filiale der Crédit Lyonnais (CL). Diese verkaufte Adidas schließlich einer Gruppe von Anlegern für zwei Mrd. Francs.

 

Ein sehr lukratives Geschäft

Hinter den neuen Eigentümern verbarg sich aber eine andere Filiale von CL, die sich an dem viel mehr Gewinn versprechenden Geschäft beteiligte. Ein Jahr später verkauften die neuen Besitzer Adidas um 4,4 Milliarden Francs. Crédit Lyonnais verdiente also prächtig – und Tapie fühlte sich übers Ohr gehaut, weil CL ihm verschwiegen hatte, selbst an dem Deal beteiligt zu sein.

Tatsächlich stand Tapie zu jenem Zeitpunkt das Wasser bereits selbst bis zum Hals. Der Unternehmer ging wegen fragwürdiger anderer Geschäfte in Konkurs. Seine Masseverwalter klagten CL, um Geld für die Masse herauszuholen. CL wiederum stand mittlerweile allerdings selbst vor dem Konkurs. Für deren Sünden und Schulden musste nun auf Staatskosten ein eigens geschaffenes Konsortium namens CDR aufkommen.

Tapie forderte von diesem Konsortium eine Entschädigung. Zunächst mit Erfolg, ein Gericht verurteilte CDR zur Zahlung von 145 Millionen Euro. Allerdings: Dieser Entscheid wurde vom Berufungsgericht für ungültig erklärt.

 

Sarkozys Wahl als Goldgrube

Tapie bekam also keine Entschädigung. Stattdessen saß er eine Haftstrafe ab – wegen Betruges im Zusammenhang mit anderen Geschäften. Später setzte er aber politisch auf das richtige Pferd, indem er Nicolas Sarkozy unterstützte. Das sollte er nicht bereuen. Nur Monate nach Sarkozys Wahl 2007 fand die neue Finanzministerin Lagarde einen Ausweg, um Tapie doch noch zu seinem Geld zu verhelfen. Sie wies den CDR-Vorsitzenden, Jean-François Rocchi, an, eine Einigung vor einem privaten Schiedsgericht anzustreben.

Natürlich war Lagardes Wunsch für den Spitzenbeamten Rocchi ein Befehl. Er setzte durch, dass Tapie zusätzlich zu 165 Millionen Euro Entschädigung auch noch 45 Millionen als moralische Wiedergutmachung bekam.

Nun will eine Gruppe sozialistischer Abgeordneter die Ministerin zur Verantwortung ziehen. Was wäre das Motiv der von ihnen angeführten Begünstigung? Für die Sozialistin Ségolène Royal handelt es sich um ein „Arrangement, den Preis für eine Unterstützung“.

Oder schnitt Lagarde gar hinter den Kulissen finanziell mit? In der Opposition glaubt man das nicht. So meint der Grüne Daniel Cohn-Bendit: „Ich denke, dass Christine ihren Entscheid unter dem Druck von Nicolas Sarkozy getroffen hat.“ Wie auch immer: Die Gerichte werden sich wohl auch nach der IWF-Kür von Lagarde noch mit dem Fall beschäftigen.

Auf einen Blick

Christine Lagarde dürfte am 30.Juni vom Internationalen Währungsfonds (IWF) zur Nachfolgerin des der Vergewaltigung beschuldigten Dominique Strauss-Kahn berufen werden. Erst später, voraussichtlich am 8.Juli, will ein französisches Gericht entscheiden, ob gegen die Finanzministerin Anklage erhoben wird. Der Vorwurf: Amtsmissbrauch und Begünstigung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2011)