China braucht mehr Energie als USA

(c) EPA (Michael Reynolds)
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Die Welt konsumierte 2010 mehr Energie als je zuvor. Doch Schwellenländer bauen auf Kohle und treiben so den CO2-Ausstoß auf Rekordwerte. Der größte Emittent war bereits das dritte Jahr in Folge China.

Wien. Shanghai hat sich im Vorjahr für die Weltausstellung fein herausgeputzt. Die Stadt wurde (und wird) modernisiert, überall wird gebaut, erneuert, umgestaltet. Sichtbarstes Zeichen ist die neugestaltete Uferpromenade am Bund, dem historischen Zentrum der chinesischen Megametropole. Wer auf ihr spaziert, sieht auch deutlich die Quelle des Aufschwungs: Beinahe im Minutentakt ziehen Schiffe vorbei, voll beladen plagen sie sich den Huangpu-Fluss hinauf, leer fahren sie zum Hafen zurück. Ihre Ladung: Kohle. Jede Woche wird in China ein neues Kohlekraftwerk eröffnet, um den Wachstumsmotor am Laufen zu halten – das schlägt sich nun auch überdeutlich in Statistiken nieder.

Was China noch Mitte des Vorjahres lautstark dementierte, ist seit Kurzem Gewissheit: 2010 löste die Volksrepublik erstmals seit über hundert Jahren die USA von der Spitze der weltgrößten Energieverbraucher ab. Allein im Vorjahr verbrannte der chinesische Wirtschaftsaufschwung 11,2 Prozent mehr Energie als 2009 – damit vereinnahmte das Land ein Fünftel der 2010 weltweit verbrauchten Energie. In den USA waren es 19Prozent. Pro Kopf sind die Amerikaner den Chinesen im Energieverbrauch freilich immer noch um ein Vielfaches voraus.

Das ist ein Ergebnis des „World Energy Report“ von BP. Die jährliche Zusammenschau des britischen Ölkonzerns gilt als eine der umfangreichsten Statistiksammlungen der Energiebranche.

Hälfte der Kohle brennt in China

Der aktuelle „World Energy Report“ zeigt auch: Nie zuvor verbrauchte die Welt mehr Energie als 2010. Nach dem krisenbedingten Einbruch in 2009 stieg der globale Energieverbrauch mit 5,6 Prozent so stark wie zuletzt nach der Erdölkrise im Jahr 1973.

Das ist einerseits ein gutes Zeichen, weil der Energieverbrauch auch auf eine anziehende Konjunktur schließen lässt. Andererseits spielt sich der globale Aufschwung derzeit vor allem in Schwellenländern wie China oder Indien ab. Dem entsprechend fiel der Anstieg dort auch doppelt so stark aus wie in entwickelten Industriestaaten. Mit negativen Folgen für die Umwelt: Denn anders als für die westlichen Staaten spielt Klimaschutz für Staaten im Aufholprozess eine untergeordnete Rolle. So verbrauchten die Schwellen- und Entwicklungsländer etwa 69Prozent der weltweiten Kohle. Zwei Drittel des klimaschädlichen Energieträgers verbrannten in chinesischen Kraftwerken.

So war die Volksrepublik auch maßgeblich daran beteiligt, den Verbrauch von Kohle um 7,6 Prozent auf sein absolutes Rekordniveau zu treiben (siehe Grafik). Auch die meisten anderen Energieträger wurden stärker nachgefragt als je zuvor. Die einzige Ausnahme war die Nuklearenergie.

Im Großen und Ganzen blieb die Welt auch 2010 noch abhängig von fossilen Energieträgern. Erdöl stillte 34 Prozent, Kohle knapp 30 Prozent und Erdgas 24 Prozent des weltweiten Energiehungers. Trotz überproportional hoher Steigerung deckten erneuerbare Energieträger (ohne Wasser) immer noch nur 1,8 Prozent des globalen Energiebedarfs ab.

Kein Klimaabkommen in Sicht

Besonders negativ fallen die Folgen des Energiebooms in den Schwellenländern für das Weltklima aus. BP zufolge wurden 2010 33,13 Milliarden Tonnen CO2 ausgestoßen. Das sind 5,8 Prozent mehr als im Jahr zuvor – der höchste Anstieg seit 1969. Der größte Emittent war bereits das dritte Jahr in Folge China.

Entsprechend vehement fordert der Westen, dass sich auch die Schwellenländer zu Reduktionszielen verpflichten. Derzeit scheint eine Einigung auf ein umfassendes internationales Klimaschutzabkommen jedoch außer Reichweite. Ende 2012 läuft das Kyoto-Protokoll aus, das den Ausstoß von Treibhausgasen von 2008 bis 2012 geregelt hat. Selbst die Vereinten Nationen rechnen nicht mehr damit, dass ein Nachfolgeabkommen rechtzeitig geschnürt werden kann. China zeigt daran auch herzlich wenig Interesse und verweist auf eigene Bemühungen: 2010 stieg die chinesische Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien laut BP-Statistik um ein Viertel an.

Quelle: BP, Grafik: Die Presse

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2011)

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