Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Im Kino: Mutanten im Kalten Krieg

(c) Centfox
  • Drucken

"X-Men: Erste Entscheidung": Ein knackig inszeniertes Fantasyabenteuer, das zur Zeit der Kubakrise spielt. Zwischen schwebenden U-Booten kämpfen zwei ehemalige Freunde für ihre jeweiligen Weltanschauungen.

Im Lala-Land von Lady Gaga mit all den Plastikidentitäten und kostümierten Wirklichkeiten mag es chic sein, ein „Monster“ zu sein. Im Rest der Welt kommt es immer noch einer Bestrafung gleich, nicht der Norm zu entsprechen. So ist es einer der bewegendsten und aufrichtigsten Momente im Fantasyabenteuer X-Men: Erste Entscheidung, wenn eine Gestaltwandlerin und ein „Beast“ darin übereinstimmen, dass sie gern normal aussehen würden, dass sie gern einmal nicht auffallen würden.

In diesem Konflikt liegt ein Grundsatzdilemma der Zivilgesellschaft begraben: Passt man sich an, oder muckt man auf? Lebt man unauffällig, oder fordert man Rechte ein? Bleibt man unsichtbar, oder zeigt man sich? Für Letzteres entscheiden sich die Mutanten, die der charismatische Jungprofessor Charles E. Xavier (souverän: James McAvoy) um sich schart. Zuerst in Zusammenarbeit mit der CIA (die strategisches Interesse an den außergewöhnlichen Talenten hat), später in seiner autonomen Einrichtung, lehrt er die ausschließlich jugendlichen Mutanten, mit ihren Fähigkeiten umzugehen. Mystique (bekannt aus dem oscarnominierten Winter's Bone: Jennifer Lawrence) etwa kann sich in andere Personen verwandeln, Havok schickt Energieblitze aus, und Banshee vermag vermittels Schallschwingungen durch die Lüfte zu schweben.

Xavier geht es um ein friedliches Miteinander zwischen Mensch und Mutant, seine Politik ist eine gemäßigte. Ganz im Gegensatz zu der von Erick Lehnsherr (ein durchschlagender Auftritt von Michael Fassbender): Als Kind wird seine jüdische Mutter vor seinen Augen erschossen, während der machtversessene KZ-Arzt Sebastian Shaw (diabolisch: Kevin Bacon) versucht, die Magnetmanipulationskräfte des Jungen (später nennt er sich „Magneto“) für seine eigenen Zwecke verwendbar zu machen. Als Erwachsener will Erick, angeleitet von Wut und Verzweiflung, nichts mehr als Rache nehmen an Shaw, der mittlerweile seine eigenen Kräfte dazu einsetzt, die USA und die Sowjets gegeneinander aufzuwiegeln.

 

U-Boote schweben, Raketen fliegen

Nach dem Atomkrieg sollen die Mutanten als neue Herrscher über die Welt aus deren Asche auferstehen. Es ist 1962: Während JFK im schwarz-weißen Röhrenfernseher drohende und warnende Worte spricht, während die Sowjets Atomraketen auf Kuba stationieren, werkeln im Hintergrund der Weltpolitik ganz andere Kräfte. Der Showdown findet passgenau an der kubanischen Küste statt: Zwischen schwebenden U-Booten, fliegenden Raketen, dem Osten und dem Westen kämpfen zwei ehemalige Freunde für ihre jeweiligen Weltanschauungen. Retrochic kommt dieser Film daher: die Frisuren eine Parade aus vergessenen Föhnwellen und verdrängten Akademikerscheiteln, die Farben intensiv, besonders in futuristisch vermöbelten Innenräumen.

Regisseur Matthew Vaughn erweist sich nach seinem Welterfolg mit Kick-Ass erneut als talentierter Handwerker: Er weiß, wie man Spannungssequenzen aufbaut und wie man Figuren knackig einführt, er weiß, wie man Action-Momente inszeniert und wie man an den richtigen Stellen für Lacher sorgt. Dass X-Men: Erste Entscheidung allerdings so gut funktioniert, das liegt vor allem am Drehbuch von Bryan Singer: Der Regisseur, der die ersten beiden X-Men-Filme inszeniert und damit den Comicfilm-Boom in Hollywood maßgeblich angeschoben hat, schreibt Dialoge, die mühelos, elegant und sexy zwischen den ganzen Fallstricken aus realpolitischen und metaphorischen Ebenen hindurch tänzeln, kreiert Figuren, die zuerst Charaktere und dann Mutanten mit „coolen“ Fähigkeiten sind.

Es ist Singers Feder, die diesen Film über den Pulk von „Eh okay“-Superheldenabenteuern hebt, es ist seine Sensibilität, die das sich immer wiederholende Mantra des Films „Mutant and Proud“ nicht zum peinlichen Stehsatz verkümmern lässt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2011)

Mehr erfahren