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Wickie, Slime und Baujuwelen

Wickie Slime Baujuwelen
(c) Fabry
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Manche mürben Betonklötze aus den 1970er-Jahren warten noch auf Nachnutzungsideen. Andere werden ästhetisch und architektonisch wieder entdeckt.

Ab Herbst 2013 werden die Studenten der Wirtschaftsuniversität im neuen Campus der WU beim Prater Platz nehmen. Was dann mit dem alten Gebäudekomplex im neunten Bezirk passiert, dürfte ihnen herzlich egal sein. Anders ist das bei den Architekturstudenten – zumindest jenen vom Institut für Kunst und Architektur (IKA) an der Akademie der bildenden Künste. Die machen sich nämlich im Rahmen des Projekts „Big! Bad? Modern“ darüber Gedanken, wie Nachkriegsgebäude, die nach einer Revitalisierung schreien, weiter genutzt werden können. Die „alte“ WU ist neben dem Wohnpark Alt-Erlaa, dem AKH und dem ORF-Zentrum Küniglberg eines der Forschungsobjekte.

Für das WU-Gebäude im neunten Bezirk gibt es eine Reihe an interessanten Ideen: etwa eine Mischung aus Wohnhäusern und Geschäften, ein Forschungscampus für Biologen, eine Parkanlage, ein Raum für temporäre Nutzungen – immerhin bräuchte ja auch das Parlament, sofern der Umbau je startet, vorübergehend ein Plätzchen – oder gar eine Verkaufsfläche für einen großen schwedischen Möbelhändler. „Unter der WU befinden sich riesige Gleisanlagen. Das ganze Areal ist so groß, dass man dort fünf Ikea-Filialen unterbringen könnte“, sagt Stefan Gruber vom IKA, der beim Projekt „Big! Bad? Modern“ jene Gruppe leitet, die sich mit der WU beschäftigt.


Ideen für Nachnutzung. Dass die verschiedenen Entwürfe der Studenten umgesetzt werden, glaubt Gruber nicht. „Das wäre doch ein bisschen viel verlangt für Studenten im dritten Semester.“ Doch die Stadt Wien ist ebenso wie die ÖBB und die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), denen das Grundstück beziehungsweise das Gebäude gehören, an den Ideen der Studenten interessiert.

Im Spätherbst soll ein offizieller internationaler Wettbewerb für die Nachnutzung der WU ausgeschrieben werden. „Im Idealfall hat unser Projekt Einfluss auf die Aufgabenstellung des Wettbewerbs“, meint Gruber. Dass das IKA das Projekt „Big! Bad? Modern“ ausgerechnet heuer initiiert hat, ist für Gruber kein Zufall. „Jetzt ist der Zeitpunkt, um sich mit dem Bestand der 1960er- und 70er-Jahre zu beschäftigen“, so der Architekt. Ganz hat es sich zwar bei der Bevölkerung noch nicht herumgesprochen, dass sich unter den Bauten dieses Jahrzehnts durchaus Erhaltenswertes befindet. Aber ähnlich wie in den 60er- und 70er-Jahren, als erst die Qualitäten der Gründerzeithäuser entdeckt wurden, soll das nun auch bei den Bauten, die in den 70er-Jahren entstanden, passieren.


Stadt des Kindes. Ähnlich sieht das auch der Präsident der Architektenkammer, Walter Stelzhammer. Es dauere zwar immer ein Weilchen, bis die Diskussion über die Qualität einer Bauepoche auch in der Gesellschaft angekommen ist. Doch im Falle der Siebzigerjahrebauten dürfte das laut Stelzhammer jetzt schön langsam beginnen. „Die Gesellschaft und die Politik tragen die Verantwortung, dass Bauten genau analysiert werden und über ihren Erhalt diskutiert wird“, so Stelzhammer. Wie das aktuell bei einem viel beachteten Projekt geschehe: der Stadt des Kindes. Ein Teil des ehemaligen Kinderheimes wurde 2008 abgerissen. Im März haben die Bauarbeiten für die Sanierung sowie den Neubau begonnen. „Es geht dabei um eine möglichst bestandsauthentische Sanierung. Das Außenbild der Siebzigerjahre soll nicht verloren gehen“, sagt der Architekt. Gleichzeitig müssen aber technische Standards – inklusive Energieeffizienz – von heute berücksichtigt werden.

Und man wolle auch beim Neubau das Flair der 70er erhalten, allerdings „ohne anbiedernd zu sein“. Stelzhammer schätzt an dieser Epoche, dass man damals dank des Wirtschaftswachstums großzügig bauen konnte. „Heute sind wir zum Teil schon überreguliert. Was Vorschriften anbelangt, war das damals ein Schlaraffenland“, meint er.

„Gut war, dass man offen und entschlossen an die Sache herangegangen ist. Man wollte eine neue Welt erschaffen. Manche haben aber zu radikal zugeschlagen. Da gab es durchaus eine Diskrepanz zum Geschmack der öffentlichen Meinung. Es wurde schon auch viel kaputt gemacht“, sagt etwa der Architekt Stephan Ferenczy von BEHF Architekten. Deutlich wird das für ihn daran, dass bis in die Siebzigerjahre neue Architektur als schön empfunden wurde. „Das hat sich in den 70ern umgedreht“, sagt Ferenczy, der auch an der Revitalisierung des MGC Fashion Park in St. Marx, der kürzlich abgeschlossen wurde, beteiligt war.


Sozialpolitische Zeitzeugen. Die Erhaltung von Bausubstanz ist für die Architekten nicht nur aus architektonischer Sicht wichtig. „Da geht es auch um sozialpolitische Aspekte. In der Architektur schlagen sich ja immer gesellschaftliche Befindlichkeiten nieder“, sagt Stelzhammer. Stefan Gruber, der mit seinen Studenten über die WU nachdenkt, schätzt an dieser Zeit, dass es „einen starken Glauben an die gesellschaftliche Relevanz der Architektur gegab“. Großprojekte wie etwa der Wohnpark Alt-Erlaa machen deutlich, dass hinter den Projekten mehr steckt, als nur der Plan, Wohnraum zu schaffen.

Diesen gesellschaftspolitischen Ansatz vermisst Gruber heute. „Seit den 1990er-Jahren geht es mehr in Richtung Design. Architektur wurde auf Erscheinung reduziert. Das ist eine Fehlentwicklung.“ Bei manchen Großprojekten stimme aber oft das Verhältnis zur Stadt nicht. Vielleicht werde auch deshalb der neue WU Campus im Prater nicht nur von einem Architekten gestaltet, sondern gleich von fünf. „Risikostreuung“ nennt Gruber das.

Einig sind sich die Architekten darüber, dass nicht jedes Gebäude dieser Epoche erhaltenswürdig ist, nur die „guten“. Den Charme so mancher 1970er-Bauten hat man übrigens auch beim Bundesdenkmalamt erkannt. „Wir beschäftigen uns seit rund zehn Jahren damit, und es wird immer mehr“, sagt etwa Wolfgang Salcher vom Bundesdenkmalamt. Auch er hat nicht nur bei den Architekten, sondern auch in der Gesellschaft ein Umdenken beobachtet. „Deutschland ist da schon ein bisschen weiter. Aber auch bei uns tut sich da jetzt einiges. Diese Gebäude erhalten mehr Aufmerksamkeit – zu Recht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2011)