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Elektroantrieb für die Grätzelökonomie

Fahrräder kurbeln einiges an: nachhaltige Verkehrskonzepte, die Stadtentwicklung im Kleinen und natürlich die Wirtschaft vor der Haustür. Durch neue Fahrradmodelle und erfinderische Unternehmensideen.

Von einer Amsterdam-Reise kam Bernhard Schön nicht nur mit Erinnerungen zurück, sondern auch mit einigen Zukunftsplänen. Imponiert hatte ihm, wie selbstverständlich dort die Lastenräder entlang der Grachten hin und her flitzten, mit fröhlichen Kindern vorne in den Transportkisten. In Österreich begann er dann, Pläne für sein eigenes Radmodell zu zeichnen und Firmen zu suchen, die seine Pläne auch zusammenschweißen konnten – zum „Rad-Lader“. Der befördert bis zu 50 Kilo, wenn ihn die Muskelkraft des Lenkers antreibt, wenn's sein muss auch ein Elektromotor. Gerne nimmt die fix montierte Kiste vorne auch Kinder mit und führt sie zum Spielplatz und zurück. Denn die Behörde hat es schließlich genehmigt, nachdem sich Schön geduldig durch die Paragraphen der Fahrradverordnung und sonstigen Behördendschungel manövriert hat. Gurt, Kopfstütze, alles vorhanden. Beine und Finger sind gut geschützt (das System dafür hat Schön sogar patentieren lassen), so will es das Gesetz.

In den Niederlanden und Dänemark schlüpfen Kinder auf Lastenrädern problemlos durch die Gesetzestexte. In Österreich sitzen sie ja traditionell hinten am Fahrrad, in speziellen Kindersitzen am Gepäckträger oder auch im Anhänger. „Den Kindern taugt's aber mehr, vorne zu sitzen“, meint Schön. Und auch die erwachsenen Lenker haben es leichter – nicht nur, die Balance zu halten, sondern auch, die kleinen Passagiere während der Fahrt nicht aus den Augen zu verlieren. Durch das Modell Lastenrad oder „Familienrad“, wie es Schön nennt, werden plötzlich viel mehr Wege und Aufgaben in der Stadt fahrradkompatibel, die Fahrt zum Einkaufen sowieso. Aber nun auch die zum Kindergarten.


Grätzelentwicklung.Nicht nur Eltern könnten sich mit einem „Rad-Lader“ CO2-Output und reichlich Benzin-Input sparen, auch das Gewerbe: Handwerksbetriebe wie Installateure oder Elektriker etwa. Für sie hat Schön eine Variante mit versperrbarer Kiste vorgesehen. Dann bleiben die Riesenmontagewagen auf den Baustellen, wo man sie dringender braucht. Dafür blockieren sie auch nicht mehr die Fahrradwege, weil die Handwerker und ihr Werkzeug selbst mit dem Fahrrad kommen – zum verstopften WC, zu kaputten Schaltern und den kleineren Reparaturaufgaben im Grätzel. New York sei in der Fahrradnutzung schon recht kreativ, berichtet Landschaftsarchitekt Florian Lorenz (siehe oben). Erste Ideen sind aber auch schon in Wien unterwegs, der „Fahrradfensterputzer“ etwa, der laut Internetangaben bis zu 90 Prozent CO2gegenüber herkömmlichen Fensterputzern spart. „Auch deshalb müssten nicht nur E-Bikes, sondern auch Lastenräder gefördert werden“, meint Peter Pilsl, Mitgründer der „Heavy Pedals“.

Der Lastenrad-Transportdienst hat seine Zentrale am Mittersteig in Wien Margareten, von dort schwärmen die Cargobikes in die ganze Stadt aus, wenn man sie ruft. Ein paar Lastenräder bleiben freilich zur Ansicht in der Auslage, schließlich kann man sie auch kaufen. Vor der Scheibe fahren pro Stunde bis zu 90 Räder vorbei, hat Flo Weber von „Heavy Pedals“ einmal gezählt. Manche stoppen an der gegenüber installierten Lufttankstelle. Andere, weil sie die ausgestellten Räder näher betrachten. Sogar die Grätzelnachbarn interessieren sich schon für die holländischen und dänischen Modelle, erzählt Weber. Und dass Betriebe, die das Fahrrad als Geschäftsgrundlage benutzen, auch die Grätzelentwicklung ankurbeln, davon ist Weber überzeugt. Außerdem: „Wer Fahrrad fährt, nimmt auch die Stadt, das Grätzel und die Umgebung viel unmittelbarer wahr.“ Direkter zumindest als jene, die sich hinter einem Blechmantel breitspurig in der eigenen Privatsphäre verschanzen. Fahrradfahren verstärke den Bezug zum Stadtviertel, so Weber. Ein Raum, in dem man einander mit dem Fahrrad nicht nur ausweicht, sondern auch besser begegnen kann. „Man bleibt ja viel einfacher stehen für eine kurze Plauderei. Das Rad ist einfach kommunikativer“, sagt Weber.

Die „Stadtentwicklung im Großen“ bedient sich bereits der Bike-Subkultur. Auf dem Terrain der zukünftigen Seestadt Aspern fahren nächstes Wochenende beim „Fest der Mobilität“ Bastler und Fahrradfreaks der „Bikekitchen“ auf, genauso wie die „Fahrrad-Selbsthilfewerkstatt im Wiener WUK“. Und wer will, kann dort auch die Modelle des Wiener Unternehmens „Elektrobiker“ Probe fahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2011)