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Blogs waren Boutiquen, heute sind sie große Kaufhäuser

Blogs waren Boutiquen heute
(c) Www.BilderBox.com
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Der US-amerikanische Politikblogger Steven Clemons war auf Einladung der US-Botschaft zu Besuch in Wien. Ein Gespräch.

In der Mitte des Gesprächs mit dem US-amerikanischen Politikblogger Steven Clemons kommt er, diese eine Satz: „Ich lebe, um zu kommunizieren“, sagt der groß gewachsene Mann – und das überrascht nicht. Er bekomme 3000 E-Mails täglich, und auch, wenn er die nicht alle lesen könne, würden in vielen davon Ideen für neue oder Fortsetzungen zu alten Geschichten stecken.

Steven Clemons (49) ist gewissermaßen der Urvater des politischen Blogs in den USA. Er ist als ehemaliger Mitarbeiter von Senator Jeff Bingaman seit 2004 Herausgeber der Internetplattform „The Washington Note“, die das „Time Magazine“ 2010 zu einem der besten Blogs kürte. Er schreibt dort in Ich-Form über Amerikas (Außen-)Politik, hie und da aber auch über Schildkröten oder Hunde – und nicht selten über politische Krisenherde in aller Welt. Clemons ist ein sogenannter „Talking Head“, also einer, der ständig und überall Auskunft gibt, weil er gefragt wird und beängstigend gut vernetzt ist. Diese Woche war er auf Einladung der US-Botschaft zu Besuch in Wien und sprach gleich zweimal (einmal auf Einladung des Medienhaus Wien mit österreichischen Außenpolitik-Journalisten, einmal an der FH für Journalismus) über ein Thema, das derzeit viele beschäftigt: Welche Auswirkungen haben neue Medien wie Facebook und Twitter auf politische Prozesse?

Clemons glaubt, sehr viel. Er sieht die Entwicklung der neuen Medien fast beunruhigend optimistisch, weil er denkt, „dass wir in einer der spannendsten Zeiten der Geschichte leben“. Nur die „Facebook-Blase“ könnte bald platzen und durch etwas Neues ersetzt werden, glaubt er. Aber generell würden Menschen, die früher keiner gefragt hätte, heute an politischen Debatten teilnehmen können – oder, wie in Ägypten, diese sogar auslösen. Er hat seine Plattform dafür genutzt, einem Iraner, der anonym Berichte über die Revolution 2009 verfasste, zu breiter Bekanntheit zu verhelfen: Unter dem Pseudonym Shane N. schrieb er auf „Washington Note“ über die Revolution und schnell war auch die „New York Times“ an seinen Texten interessiert.

Seit Kurzem ist Clemons Washington-Korrespondent für das altehrwürdige Journal „The Atlantic“. Er möchte dort online den Video- und Twitterjournalismus über Washingtons Politikwelt revolutionieren. Langsam würde die Masse begreifen, welches Potenzial Blogs haben. Früher seien sie „wie kleine Boutiquen“ gewesen: „Jetzt sind sie große Kaufhäuser, die Investoren und wirtschaftliches Potenzial haben“, sagt er. Ans Aussterben der Printmedien glaubt er dennoch nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2011)