Schnellauswahl

Made in Austria: Fußkleid nach Gutsherrenart

Schuhmacher Fusskleid nach Gutsherrenart
Reiter(c) Ludwig Reiter
  • Drucken

Schuhe kommen nur mehr aus China? Nicht ganz. Ludwig Reiter verkauft teuerste Schuhe aus Wien und hat jüngst ganz standesgemäß ein Schloss bezogen. Die Familie führt den Betrieb seit 1885.

In Wien tut sich Till Reiter nicht so leicht. „Die Wiener Seele“, sagt der Chef der Firma Ludwig Reiter in vierter Generation, habe einen unerfreulichen Zug. „Sie hat hohe Ansprüche, will dafür aber nicht zahlen.“ Zahlen muss man, und das kräftig, will man seine Schuhe tragen. Der Klassiker, ein Paar rahmengenähter Lederschuhe: ab 500 Euro. Edle Gummistiefel aus Naturkautschuk und Pferdeleder (vielleicht für die Fuchsjagd?): 329 Euro. Fußkleid aus Krokoleder: ab 5000 Euro. So hoch wie die Ansprüche der Kunden, so nobel ist der neue Firmensitz: Im Mai ist Ludwig Reiter aus einem schmucklosen Industriebau in Wiener Neudorf ausgezogen und residiert nun standesgemäß im Donaustädter Schlösschen Süßenbrunn.

„Man könnte auch sagen, es ist ja egal, ob ein Betrieb schön ist. Aber Manufactoring stirbt aus und da wollen die Leute die verbleibenden Betriebe sehen.“ Reiter spielt schließlich in einer eigenen Liga: Es sind zwar keine Maßschuhe, aber in ganz Zentraleuropa gebe es keinen Betrieb mehr, der rahmengenähte Schuhe macht, sagt Reiter. Am Markt messe er sich heute mit Größen wie Louis Vuitton oder Hermès.

Und der neue Sitz passt zu den Reiters. Die Familie führt den Betrieb immerhin seit 1885. Der Chef in vierter Generation, Till Reiter, hat ihn vor rund 20 Jahren übernommen. „Ich habe den Fehler gemacht, als Erster mit dem Studium fertig zu werden“, erklärt er dezent nasal. Und weil sein Vater, der die Manufaktur schon 40 Jahre geführt hatte, nicht mehr wollte, wurde der zweite Sohn mit 23 Jahren Geschäftsführer und Besitzer von knapp mehr als der Hälfte der Firma. Der Rest gehört seinen Brüdern Uz und Lukas und einer Schwester, die nicht im Betrieb arbeitet. Uz Reiter kümmert sich um Organisatorisches und Finanzielles, Lukas Reiter ist Architekt, gestaltet die Läden und hat das Schloss umgebaut.

Die Anlage am nordöstlichen Rand Wiens, die im 12. Jahrhundert als Rittergut erstmals urkundlich erwähnt, im 16. Jahrhundert zu einem Renaissance-Schloss ausgebaut und von der Familie Bartenstein später im Stil der Frühromantik umgebaut wurde, gehört den Reiters seit 2008. Zuvor besaß es die Stiftung Theresianische Akademie, die es zuletzt verpachtet hatte: als Autowerkstatt, als Lagerstätte für die umliegenden Landwirte und als Pferdestall. Nun haben die Schuhe namens „Alt Wiener“, „Esterházy“ oder „Badner Locherlschuh“ ihr perfektes Heim gefunden: Auf Stillleben, angerichtet zwischen Weintrauben und toten Rebhühnern, präsentiert Reiter dort Stiefel auf Gemälden.

Auch die Arbeit entspricht ganz der alten Tradition. Die 50 Mitarbeiter in der Manufaktur nähen mitunter auf einer schwarzen, eisernen Singer. Darauf prangt noch eine Plakette mit Stars and Stripes und der Aufschrift „Für den Wiederaufbau Europas, gefördert von den Vereinigten Staaten von Amerika“.


Die Schuhmacher der Nischen. Es sind nicht viele Betriebe, die noch so arbeiten. Die Schuhhersteller in Österreich kann man mittlerweile fast an den Händen abzählen. Der Verband in der Wirtschaftskammer zählt noch 24 Mitglieder. Sie – die prominentesten sind die Waldviertler Manufaktur oder Högl Shoes – halten sich teils recht erfolgreich in ihren Nischen. Schließlich kommt die billige Massenware heute aus China. „Wir machen es umgekehrt wie alle anderen: Wir produzieren in Wien und verkaufen in China.“ Aber die Produktion in Wien hat ihren Preis. Schließlich sind es hunderte Arbeitsschritte, bis aus französischen Kälbern die noblen Reiterschuhe werden.


Schuhe für Fortgeschrittene. Wer leistet sich ein Paar Schuhe um 500 Euro plus? „Es ist ein fortgeschrittener Kunde“, sagt Till Reiter. Jemand, der „überlegt, über das Produkt Bescheid wissen und darüber eine Geschichte erzählen können will“. Und, freilich sind die Kunden nicht die Jüngsten: „Man muss sich das leisten können. Also muss man auch schon ein bisschen Geld verdient haben.“ Früher, vor 20 Jahren, war Reiter „festgefahren auf ein älteres, sehr konservatives Publikum“. Durch den Export habe sich das geändert. Mittlerweile verkauft Reiter ein Viertel der Schuhe in 16 eigenen Geschäften in Österreich, den Rest in alle Welt. Im Ausland sei das Geschäft leichter, sagt Till Reiter. Anders als der Wiener, der am Abend damit prahlt, dass er dem Verkäufer ein paar Prozent aus den Rippen geleiert habe, tue sich der Deutsche oder der Chinese gern Gutes und freue sich, dafür den hohen Preis zahlen zu können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2011)