Skandale um Mitarbeiter, Boykotts und Ramsch-Image: Die zweite Generation will die marode Drogeriekette nun neu aufstellen. Zuerst wird die größte deutsche Drogeriekette Schlecker allerdings gesundgeschrumpft.
Wien/AG./CIM. Skandale um Mitarbeiter haben das Image ramponiert, die schäbigen Filialen sorgen seit Jahren nur mehr für rote Zahlen. Nun startet die größte deutsche Drogeriekette Schlecker neu. Vor einem halben Jahr sind Lars Schlecker und seine Schwester Meike, die Kinder des Firmengründers und Patriarchen Anton Schlecker, angetreten, um die marode Handelskette zu retten.
Sie wollen Schlecker gesundschrumpfen: Bis zu 800 Filialen, das sind etwa zehn Prozent, sollen in Deutschland geschlossen werden. Das kündigt Lars Schlecker in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ an. Die übrigen Filialen will er modernisieren und Schlecker ein neues Image verpassen.
60 der mehr als 8000 deutschen Schlecker-Filialen (europaweit betreibt das Unternehmen 11.000 Geschäfte) sind bereits modernisiert worden: Die Gänge werden breiter, die Regale übersichtlicher und weniger vollgeräumt. Piktogramme weisen den Weg, die Kosmetik-Ecken sollen zum Testen einladen. Heuer plant Schlecker, bis zu 400 Filialen umzubauen, ab 2012 sollen 1500 Geschäfte pro Jahr folgen. Die ersten renovierten Läden sollen schon um 20 bis 30 Prozent mehr Umsatz machen.
Ungewöhnlich offene Kritik
Die Geschwister Schlecker treten seit einigen Monaten öffentlich als die neuen Vertreter der Kette auf. Und das, obwohl Lars Schlecker keine offizielle Funktion in der Geschäftsführung innehat – und, wie er im Interview sagt, noch nicht einmal Visitenkarten besitzt.
Ungewöhnlich ist auch die Offenheit, mit der er die frühere Firmenpolitik kritisiert. Schließlich ist die Firma unter Anton Schlecker völlig abgeschottet gewesen. Lars Schlecker spricht etwa von einer „Angstkultur“, die sich langsam in das Unternehmen eingeschlichen habe. Und er kündigt an, dass die Zeit der geheimen Überwachungskameras und der Dumpinglöhne vorbei sei. Die Schlecker-Zeitarbeitsfirma, über die Mitarbeiter schlechter bezahlt wurden, als es der KV für Verkäuferinnen vorsieht, sei etwa schon Geschichte.
Der 39-Jährige stellt nun neue Regeln zum Umgang mit Mitarbeitern auf: Er selbst trete bei Seminaren für Führungskräfte auf und mahne zu einem sozialen Umgang mit den Verkäuferinnen. Seit Ende Mai schule Schlecker seine Führungskräfte dazu und habe ein neues Regelwerk zum Umgang mit Mitarbeitern vorgelegt. Eine konkrete Anweisung lautet etwa, dass der Betriebsrat bei Konflikten frühzeitig eingebunden wird. Eine andere, dass Mitarbeiter nicht mehr abgemahnt werden dürfen, wenn sie ein paar Minuten zu spät kommen. Er habe klargestellt, dass „Abmahnungen kein Mittel zur Personalentwicklung sind, sondern die letzte Sanktion“, sagt Schlecker. Selbst die Gewerkschaft verdi hat sich über den neuen Geist im Skandalunternehmen zufrieden gezeigt. Aber man müsse abwarten, noch handle es sich schließlich nur um Absichtserklärungen.
Rote Zahlen seit drei Jahren
Die zweite Generation hält eine komplette Kursänderung für unumgänglich. Schließlich wurde Schlecker angesichts des Leuteschinder-Images gern boykottiert. Seit drei Jahren schreibt Schlecker rote Zahlen.
2010 hat Schlecker europaweit eigenen Angaben nach etwa 6,5 Mrd. Euro Umsatz gemacht. Ein Jahr zuvor waren es 7,2 Mrd. Euro. Das Minus soll ausschließlich aus Deutschland kommen, heißt es – die 3000 Filialen im Rest Europas laufen angeblich gut.