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Chinesen bauen Hallstatt inklusive See nach

Eine Kopie von Hallstatt soll bald in China entstehen
(c) APA (Franz Neumayr)
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Für ein Wohnprojekt soll in der Provinz Guangdong eine maßstabgetreue Kopie des Ortes entstehen. Schon seit Jahren waren chinesische Architekten immer wieder für längere Zeit in der Gemeinde zu Besuch.

[Hallstatt/Wien]  Da saß er. Ein einsamer Gast an einem Einzeltisch voll mit Plänen und Unterlagen, während rund um ihn Pärchen und Familien saßen, lachten und über ihre Tagesausflüge im Salzkammergut plauderten. „Sie werden doch nicht arbeiten müssen“, fragte Monika Wenger, die umgängliche Chefin des Hotels Grüner Baum. Doch, antwortete der Gast, und zeigte Wenger, an was er arbeitete. „Es waren Pläne von Hallstatt.“ Nach ein paar Minuten war das Geheimnis des fleißigen Gastes gelüftet: Er arbeitet für ein chinesisches Unternehmen, das Hallstatt in der Provinz Guangdong im Maßstab eins zu eins nachbauen will.

„Ich habe das erst gar nicht glauben wollen“, erzählt Wenger. Bis sie die Planzeichnungen genauer gesehen hat, die die kleine Ortschaft bis ins Detail zeigen. „Das sind Zeichnungen von verschiedensten Balkonbrettern, von Dachgiebeln, Fensterläden, bis hin zur Pflasterung der Straßen und Plätze, Denkmäler, einfach alles. Diese Dokumentation ist genauer, als das, was ich bis dato im Museum gesehen habe.“

Architekten seit Jahren in der Ortschaft

Wie sich herausstellte, waren vermutlich schon seit Jahren chinesische Architekten immer wieder für längere Zeit in der oberösterreichischen Gemeinde zu Besuch. Ihre Aufgabe war es, alles in Hallstatt zu vermessen, zu zeichnen, Fotos zu machen. Niemandem fiel etwas auf – und vor allem: Niemand wusste von der Arbeit der Architekten.

Hallstatt ist in Asien und speziell in China sehr populär. Jedes Jahr kommen Tausende Touristen in die romantische Ortschaft, in der Haus an Haus vom schmalen Uferstreifen hinauf in den steil aufragenden Berg gebaut ist. Seit 1996 hat die Gemeinde wegen ihrer Einzigartigkeit den Status eines Weltkulturerbes.

Die Beliebtheit und Bekanntheit der Ortschaft will das chinesische Unternehmen für ein Wohnprojekt in der aufstrebenden, reichen Provinz Guangdong in der Nähe der Stadt Huizhou nützen. Nachgebaut wird die evangelische Kirche, das Seehotel Grüner Baum, der Marktplatz mit seinen umgebenden Häusern (insgesamt sind es 27?Gebäude), dazu die Dreifaltigkeitssäule, der Badergraben und sogar der Hallstätter See – der allerdings nicht maßstabgetreu.

Die Hallstatt-Kopie – sie erfolgt aus welchen Gründen auch immer seitenverkehrt – soll Geschäfte, Restaurants und Freizeitbetriebe beherbergen. Rundum entstehen Ein- und Mehrfamilienhäuser in luxuriösem Stil. Finanziert wird das Projekt von der China Minmetals Corporation, einem Metallunternehmen mit 50.000?Mitarbeitern und einem Umsatz von 27?Milliarden Dollar. Über den Stand des Projekts gibt es unterschiedliche Angaben: Laut einigen Aussagen soll der Baubeginn noch heuer erfolgen.

Für Hallstatts Bürgermeister Alexander Scheutz ist die Kopie seiner Gemeinde „schon ziemlich erschreckend“. Er sei heuer im Mai von dem chinesischen Unternehmen kontaktiert worden mit dem Hinweis, man plane in Guangdong „ein paar Häuser im Stile von Hallstatt zu errichten“. Dass das eine detailgetreue Kopie werden soll, hat er erst durch Monika Wenger erfahren.

Treffen mit Chinesen im Juli

Scheutz ist so aufgebracht, wie man es als Ortschef einer recht einmaligen Gemeinde sein kann: „Wir werden nicht zulassen, dass die unseren Ort einfach nachbauen.“ Am Dienstag hat er ein Schreiben an den oberösterreichischen Landeshauptmann gerichtet und um Unterstützung gebeten. Auch an die Behörde, die das Weltkulturerbe verwaltet, hat sich der Bürgermeister gewandt. „Es wird hoffentlich eine Möglichkeit geben, so etwas zu unterbinden. Man kann das doch nicht machen, ohne die Behörden oder die Eigentümer der Häuser zu fragen.“

Für Juli hat sich eine Abordnung aus China angesagt, die über „eine Kooperation“ reden möchte, wie es bei der Vereinbarung des Treffens hieß. Von einem identen Nachbau Hallstatts war damals keine Rede. „Wir werden sehen, was dabei herauskommt.“

Eine Anpassung haben die Chinesen in ihrer Kopie übrigens vorgenommen. Die Einheimischen klagen seit Jahren, dass sie wegen des Denkmalschutzes die kleinen Fenster nicht vergrößern dürfen und deshalb auch tagsüber das Licht in vielen Häusern einschalten müssen. Die China-Kopie hat deutlich größere Fenster.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15 .Juni 2011)