Arbeitszeit: Wir arbeiten mehr als wir müssten

(c) EPA
  • Drucken

Eine EU-Studie belegt, dass Arbeitnehmer in Mitteleuropa wöchentlich mehr arbeiten als Südeuropäer. Sie gehen dafür aber früher in Pension. Jedes Land habe bei der Arbeitszeit seine Eigenheiten.

Brüssel/Wien. Auf den ersten Blick scheinen sich alle Vorurteile zu bestätigen. Arbeitnehmer aus mittel- und osteuropäischen Ländern arbeiten laut einer Arbeitszeitstudie der EU-Kommission deutlich länger als Südeuropäer und Nordeuropäer. Einige von ihnen, darunter auch Österreicher und Deutsche, arbeiten sogar deutlich mehr, als sie laut Kollektivvertrag beziehungsweise Tarifvertrag müssten. So arbeiten die Deutschen 40,4 Stunden pro Woche statt der durchschnittlich vereinbarten 37,7 Stunden. Die Österreicher arbeiten 39,7 Stunden pro Woche und machen damit immerhin auch noch im Schnitt jede Woche 0,9 Überstunden. Portugiesen beispielsweise arbeiten nur 38,2 Stunden, eine halbe Stunde mehr, als sie müssten. Griechen kommen auf 39,2 Stunden statt der vorgesehenen 40 Stunden – also 0,8 Stunden weniger als vereinbart. Am längsten arbeiten die Rumänen (41,2 Stunden), am kürzesten die Finnen mit 37,3 Stunden pro Woche.

Aber der Blick trügt. Der wöchentliche Fleiß und die Bereitschaft zu Überstunden in Ländern wie Deutschland und Österreich wird hier durch längere Ferien, mehr Feiertage und einen früheren Eintritt in die Pension kompensiert. Dadurch dürfte es bei der durchschnittlichen Lebensarbeitszeit deutlich weniger Differenzen zu anderen EU-Staaten geben. Während österreichische Arbeitnehmer im Schnitt 60,9 Jahre alt sind, wenn sie in den Ruhestand wechseln, arbeiten die Portugiesen noch zwei Jahre länger, die Griechen immerhin fast eineinhalb Jahre länger. Noch dazu haben, wie eine Sprecherin von EU-Sozialkommissar Laszlo Andor gegenüber der „Presse“ betont, deutlich mehr Portugiesen (6,5%) neben ihrem Hauptjob noch einen Nebenjob. In Österreich sind das nur 4,1 Prozent. Dieser Nebenjob wird aber in der Statistik nicht berücksichtigt.

In Griechenland würde laut EU-Kommission die wöchentliche Arbeitszeit auch deutlich höher ausfallen, wenn die zahlreichen Kleinunternehmer eingerechnet würden, die traditionell länger arbeiten als normale Angestellte. In der Statistik wird nämlich nur die durchschnittliche Arbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten in ihrem Hauptjob angeführt. Nicht eingerechnet werden auch die in einigen Branchen durchaus üblichen Überstunden ohne Abgeltung.

(c) DiePresse

Österreich bei Feiertagen Spitze

Jedes Land habe bei der Arbeitszeit seine Eigenheiten, so EU-Sozialkommissar Andor in einem Interview mit der „Welt“. Es gebe auch keinen Grund für Gleichmacherei in Europa. „Wichtig ist am Ende, dass jedes Land wettbewerbsfähig ist.“

Die reale Arbeitszeit wird auch durch die Zahl der Feiertage und den Urlaubsanspruch beeinflusst. Österreich liegt mit 12 offiziellen Feiertagen dabei im Spitzenfeld der EU. Lediglich Slowaken und Portugiesen (je 13 Tage) sowie Zyprioten und Spanier (je 14 Tage) genießen mehr Feiertage. Die Briten müssen im Vergleich mit lediglich acht Feiertagen, die Niederländer gar nur mit sechs ihr Auslangen finden. Die Zahl der gesetzlichen Urlaubstage reicht von 20 in Ländern wie Ungarn, Bulgarien oder Polen über 25 in Österreich bis zu 30 in Deutschland.

Während sich die angeführte Arbeitszeitstatistik rein auf Vollzeitsjobs bezieht, weist die EU-Statistik einen steigenden Anteil an Teilzeitbeschäftigten aus. Waren in der EU-27 im Jahr 1999 noch 15,9 Prozent nicht die volle Wochenarbeitszeit beschäftigt, stieg die Zahl bis 2009 auf 18,8 Prozent. In Österreich war der Zuwachs noch deutlicher. 1999 arbeiteten 16,4 Prozent teilzeit, 2009 waren es bereits 24,6 Prozent. Damit ist fast schon ein so hohes Niveau wie in Schweden erreicht, wo es traditionell einen hohen Anteil an Teilzeitbeschäftigung (27%) gibt. Den deutlich höchsten Anteil haben übrigens die Niederlande, wo fast jeder zweite Arbeitnehmer (48,3%) teilzeit arbeitet.

Auf einen Blick

Die Österreicher arbeiten pro Woche durchschnittlich um 0,9 Stunden mehr, als sie laut ihren Kollektivverträgen müssten. Sie liegen damit immer noch klar hinter den Deutschen, die pro Woche 2,7 Überstunden leisten. Im Gegensatz zu vielen anderen EU-Bürgern gehen die Österreicher aber relativ früh (mit 60,9 Jahren) in Pension und genießen eine große Zahl an Feiertagen (zwölf pro Jahr).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2011)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.