Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Japan: Die Sehnsucht nach der zerstörten Heimat

(c) REUTERS (HO)
  • Drucken

100 Tage nach dem Erdbeben, dem folgenden Tsunami und der Atomkatastrophe leben noch immer 100.000 Menschen in Notunterkünften. Etwa 15.000 Flüchtlinge haben inzwischen Unterkunft bei ihren Familien gefunden.

Die alte Frau weint. Schluchzend sagt sie immer nur diesen einen Satz: „Ich möchte zu Hause sterben, nicht hier.“ Die anderen im Evakuierungszentrum Shirakawa hören die monotone Klage durch die dünnen Wände. Sie wissen nicht, wie die greise Dame heißt. Sie hat nur einmal gemurmelt, sie sei 97 Jahre alt, und dann kam wieder dieser eine Satz. „Ich will nicht hier sterben.“

Eiko Tamura ist in der Kabine nebenan untergebracht. Sie kann die alte Frau verstehen. Alle hier möchten nur eines: nach Hause. „Nach dem Erdbeben und der Zerstörung des Atomkraftwerkes wollten wir schnell weg aus dieser verfluchten Gegend“, seufzt sie. „Aber jetzt wollen wir wieder in unsere alte Heimat zurückkehren, egal wie es dort aussieht“, gestand sie den Reportern der „Japan Times.“

Die 62-Jährige musste mit Mann, Sohn, Schwiegertochter und den beiden Enkeln am 8. Mai ihre Heimatstadt Odaka verlassen. Ihr Haus lag am Rande der 20-km-Evakuierungszone. Anders als in vielen Dörfern Nordostjapans, wo kilometerweit kaum ein Gebäude intakt geblieben ist, wäre ihr Haus noch bewohnbar. Nach einer Odyssee durch fünf Notlager waren sie anfangs glücklich, eine Bleibe gefunden zu haben. Die Tamuras schlafen nun in zwei Zimmern, von denen jedes gut sieben Quadratmeter misst. Es gibt ein gemeinsame Wohnzimmer, Miniküche und ein winziges Bad.

 

Ein Leben ohne Geigerzähler

Nach Wochen in überfüllten Turnhallen schien das anfangs wie eine Erlösung. Es ist ein Leben ohne Geigerzähler, aber auch ohne privates Eigentum, ohne die früheren Nachbarn, ohne das Dorf, in das sie hineingeboren wurden. Es ist kein Zuhause. „Jeden Morgen öffne ich die Augen und bin traurig, dass ich noch immer hier bin“, bekennt Frau Tamura etwas „verschämt über ihre Undankbarkeit“.

Etwa 15.000 Flüchtlinge haben inzwischen Unterkunft bei ihren Familien gefunden. Aber knapp 100.000 Menschen leben nach offiziellen Angaben noch und auf unbestimmte Zeit in den 28.000 Behelfsunterkünften. Nur wenige durften im Mai für kurze Zeit zurück in ihre Häuser. Mit massiver medialer Begleitung reisten 92 Einwohner des Dorfes Kawauchi im Nordwesten Japans für zwei Stunden in die Verbotszone. Jeder durfte einen großen Plastiksack mit Habseligkeiten vollpacken: Kleidung, Fotos, Stofftiere, Bankunterlagen, und selbst Schnapsflaschen – gegen den Kummer.

Dieser wird trotzdem eher größer als kleiner. Und es wird noch mehr Menschen treffen, die ihre Heimat, das Haus, den Hof und ihre Arbeit verlassen müssen. Mit jeder neuen Horrormeldung aus dem Havarie-AKW wächst der Druck auf die Regierung, die Evakuierungszonen auszuweiten. Offenbar sind weit mehr Ortschaften verstrahlt, einige sind 62 Kilometer vom AKW entfernt.

 

Kontaminierte Spielplätze

Greenpeace fordert eine Evakuierungszone von 60 bis 70 km: „Es ist unentschuldbar, wenn die Regierung die gesundheitlichen Risken hoher Verstrahlung in Fukushima nicht ernst nimmt“, sagte Kumi Naidoo, Exekutiv-Direktor von Greenpeace International. Man habe in Parks und anderen öffentlichen Plätzen, wo Kinder spielen, Werte von neun Microsievert pro Stunde gemessen. Die Bewohner wüssten oft gar nichts davon. Vielleicht erklärt das ein wenig den Gleichmut, mit dem viele Japaner die Katastrophenfolgen wie Gottgegebenes Schicksal an sich abperlen lassen. Es sind heikle Fragen: Welche Ortschaften werden zu Hotspots erklärt? Wer muss ausziehen und in Lager- oder Turnhallen kampieren, weil es schon jetzt Verzug beim Bau von Evakuierungszentren gibt? Japans Regierung schätzt, dass allein für die Evakuierten aus der 20-Kilometer-Zone rund 72.000 Übergangswohnungen gebraucht werden. Das Ziel, bis Ende Mai 30.000 Einheiten bereitzustellen, wurde nicht erreicht. Jetzt sollen alle Menschen, die sich für eine solche Behausung beworben haben, bis Mitte August auch versorgt sein. Aber wenn es demnächst noch mehr werden?

 

Eierspeise aus Fukushima

Die Katastrophenflüchtlinge brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf, eine Schüssel Reis und eine Futonmatte zum Schlafen. Sie benötigen Seelenhilfe, jemanden, der einfach nur zuhört. Und natürlich Geld. Einer, der in Japan und Deutschland unermüdlich Spenden für die Opfer sammelt, ist Tokushi Nishijima. Der Inhaber einer Werkzeugfabrik hat in Mannheim und Karlsruhe studiert und ist Mitbegründer der Japanisch-Deutschen Gesellschaft. Mit einem Vier-Tonnen-LKW voller Hilfsgüter ist Nishijima aus eigenem Antrieb in die vom Tsunami völlig verwüsteten Orte Ishinomaki und Oofunato gefahren, Anfang Juni zum dritten Mal. Eine Ochsentour, physisch und psychisch.

Im Mai hat der praktisch denkende Nishijima nicht nur Spenden abgegeben. Er kaufte einem Freund, dessen Hühnerfarm zerstört wurde, massenweise Eier ab, die beim Stammtisch der Japanisch-Deutschen Gesellschaft verbraten wurden. Durchaus mutig, denn viele Japaner tun sich schwer damit, Lebensmittel aus der Region Fukushima zu essen.

 

Zu wenig freiwillige Helfer

Bei aller Verbundenheit mit Deutschland kann Nishijima die große Angst, sich zu kontaminieren, nicht nachvollziehen. Er bedauert, dass viele Deutsche das Land verlassen haben. Und verweist auf das Wetteramt von Tokio, wonach die Strahlenbelastung heute geringer als vor 30 Jahren sei. Aber vor den Strahlen von Fukushima haben offenbar auch viele Japaner Angst. Die Zahl der Freiwilligen, die im Katastrophengebiet anpacken, ist überraschend gering. Die Regierung hat bereits an die Universitäten des Landes appelliert, Studenten die Zeit als Helfer als reguläres Semester anzuerkennen. Bisher haben darauf nur sechs Hochschulen reagiert.

Insgesamt rund 78.000 freiwillige Helfer kamen bisher in die drei am stärksten betroffenen Präfekturen. Verglichen mit der Hilfsbereitschaft beim Beben von Kobe 1995 – damals kamen binnen eines Monats 600.000 Helfer – fällt die Anteilnahme diesmal reservierter aus. Aber damals gab es nur das Beben, keinen Tsunami – und vor allem keine Atomkatastrophe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2011)