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Was bringt die Kindergartenpflicht?

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ÖVP-Staatssekretär Kurz fordert ein zweites kostenloses und verpflichtendes Kindergartenjahr für Kinder mit sprachlichen Defiziten. Die SPÖ signalisiert Zustimmung.

Zwei Jahre lang sollen Kinder mit „sprachlichen Defiziten“ verpflichtend in den Kindergarten gehen – so der Vorstoß von ÖVP-Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz. Treffen soll die Regelung vor allem schlecht integrierte Migranten. Die SPÖ signalisiert Zustimmung – will sich jedoch auf keine Ausländerdebatte einlassen. „Die Presse“ beantwortet die Fragen zur Kindergartenpflicht.

1 Was sieht das ÖVP-Konzept vor? Und was will die SPÖ?

Nicht erst Fünfjährige, sondern bereits Vierjährige sollen in den Kindergarten gehen müssen. Gelten soll die Pflicht jedoch nicht für alle, sondern nur für „die, die es nötig haben“, so Kurz im Gespräch mit der „Presse“. Gratis jedoch soll das zweite Kindergartenjahr jedenfalls für alle sein.

Das bestehende verpflichtende Jahr sei ein „Meilenstein in der Integrationspolitik, für eine sprachliche Frühförderung aber zu kurz“, so Kurz. Von der Neuregelung betroffen seien in erster Linie Kinder schlecht integrierter Migranten in Städten, heißt es aus der ÖVP. Denn: Fast alle anderen Eltern nutzen die Betreuungsangebote schon jetzt freiwillig zwei Jahre lang. Laut Kurz liegt der Anteil der Vierjährigen, die Kindergärten besuchen, bei 93 Prozent. Die SPÖ unterstützt den Vorstoß, lenkt den Fokus aber weg von Migranten. Es gehe um alle, nicht nur um jene, die nicht Deutsch als Muttersprache haben. Sonst werde man „sicher nicht mitziehen“, heißt es aus dem Unterrichtsministerium. Ob sprachliche Mängel bestehen, will Kurz bei „Schnupperwochen“ feststellen, zu denen die Kinder in die Kindergärten kommen müssen. Dabei soll individuell entschieden werden, ob für ein Kind die Kindergartenpflicht gilt oder nicht.

2 Wie viele Kinder haben sprachlichen Förderbedarf?

Ein Jahr vor Schuleintritt hat jedes vierte Kind sprachliche Defizite, die spezieller Förderung bedürfen, das zeigt eine Studie des Bildungsinstituts Bifie aus 2008. Ein Drittel der Kinder, die spezielle Sprachförderung brauchen, wächst rein deutschsprachig auf. Obwohl Kinder mit türkischer Muttersprache nur sechs Prozent der getesteten Kinder ausmachen, stellen diese mit 22 Prozent einen hohen Anteil der Kinder mit Förderbedarf. Der Sprachstand unterscheidet sich je nachdem, ob das Kind den Kindergarten besucht hat oder nicht. Während von Kindergartenkindern 23 Prozent Sprachdefizite aufweisen, trifft das auf jedes zweite Kind zu, das nicht außerhalb der Familie betreut wird.

3 Wie läuft der Gratiskindergarten bisher?

Der beitragsfreie Kindergarten hat zu einem Ausbau der Kindergartenplätze geführt. Bei den Drei- bis Sechsjährigen gibt es etwa in Wien schon ein Überangebot. Lediglich bei Kinderkrippen, kritisierte das Kontrollamt, sei das Platzangebot nicht erreicht worden – hier wird weiter ausgebaut. Rund 800 Kinder mehr wurden seit Einführung des Gratiskindergartens betreut. Insgesamt gibt es in Wien 65.100 Plätze in städtischen und privaten Kindergärten. Eine Evaluierung gibt es noch nicht. Laut Wiens Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch gebe es aber erste positive Rückmeldungen von Schulen. Bisher ziehen alle Bundesländer den Gratiskindergarten durch – nur die Steiermark hat das Angebot wegen budgetärer Nöte zumindest teilweise abgeschafft.

4 Wie hoch sind die Kosten für das Gratiskindergartenjahr?

Wie viel das zusätzliche Kindergartenjahr tatsächlich kosten soll, weiß Staatssekretär Kurz nicht. Für das bestehende Gratiskindergartenjahr stellt die Regierung für die Jahre 2011/12 und 2012/13 jeweils 70 Millionen Euro zur Verfügung. Das wurde am Mittwoch beschlossen. In Wien betragen die Mehrkosten rund 100 Millionen Euro pro Jahr. Insgesamt kommt ein Jahrgang auf 39 Millionen Euro – 14 Millionen schießt der Bund zu. Für ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr, heißt es in Wien, müsste der Bund noch einmal etwa diese Summe zuschießen. Und diese Summe dürfte auch nicht, so wie bisher, nur befristet ausgezahlt werden, verlangt die Stadt Wien.

5 Gibt es genug Kindergartenpädagogen?

Rund 3300 Kindergartenpädagogen arbeiten in Wiens städtischen Kindergärten, in den privaten etwa noch einmal die gleiche Anzahl. Damit bewegt man sich am Limit. Es herrscht ein Mangel an Personal. Als Ursache beklagen die Kindergärten teilweise, dass nur wenige, die die Ausbildung (Abschluss mit Matura) machen, tatsächlich im Beruf arbeiten wollen. Im Unterrichtsministerium setzt man auf die „Pädagogenbildung neu“. Experten kritisieren, dass es nicht nur zusätzlicher Kindergartenpädagogen bedarf, sondern Pädagogen mit spezifischer Sprachausbildung.

6 Wie wirkt sich die Wiener Regelung auf private Kindergärten aus?

Einige Private haben Kapazitäten aufgestockt – die St.-Nikolaus-Stiftung der katholischen Kirche etwa um zehn Prozent. Andere Kindergärten haben den Betreuungsschlüssel verbessert.

7 Wie sinnvoll ist die Kindergartenpflicht aus pädagogischer Sicht?

Dass Frühförderung wichtig ist, beweisen zahlreiche Forschungsergebnisse. Aber: „Für die Bildungspolitik handelt es sich um eine Gratwanderung“, sagt Tina Hascher, Erziehungswissenschaftlerin an der Uni Salzburg. Es gehe um die Frage, inwieweit sich die Politik in die Familie „einmischen“ möchte. Bildungsexperte Erich Ribolits (Universität Wien) sieht das ähnlich: Auch wenn durch ein weiteres verpflichtendes Kindergartenjahr die Chancen für Kinder aus bildungsfernen Schichten ausgebaut würden, sei Chancengleichheit „nie hundertprozentig erreichbar“. „Wenn man den elterlichen Einfluss – für manche eine Benachteiligung – zurückdrängen möchte, müsste man die Kinder den Eltern schon bei der Geburt wegnehmen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2011)