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Gewalt in Familie: Wie Angelina durchs Netz fiel

(c) BilderBox
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Regelmäßig betreut und doch misshandelt: Der Fall der Dreijährigen, die zu Pfingsten krankenhausreif geschlagen wurde, macht die Grenzen städtischer Erziehungshilfe unangenehm deutlich.

Wien. Es war eine Lücke im Betreuungsnetz, die diese Bezeichnung eigentlich nicht verdient: 23 Tage lagen zwischen dem letzten Gespräch einer Sozialarbeiterin mit Angelinas Mutter und dem vergangenen Montag, als die Ärzte in einem Wiener Spital wegen den Verletzungen der Dreijährigen bei der Polizei Alarm schlugen: ein gebrochener Arm, der Körper übersät mit Hämatomen.

Verletzungen, die ihrer Verfärbung nach auch aus einer Zeit weit vor dem Pfingstwochenende stammen – obwohl die Mutter seit Mai 2010 regelmäßig von einer Mitarbeiterin des Jugendamts betreut wird. Ins Krankenhaus gebracht hat die Mutter das Kind selbst. Bei der Befragung durch die Polizei gab sie an, das Mädchen mehrmals mit der Hand ins Gesicht geschlagen zu haben. Auch ihr 21-jähriger Lebensgefährte sagte aus, das Kind schon seit Längerem immer wieder misshandelt zu haben. Und nicht nur das: Belastet durch Aussagen von Angelinas Mutter wird auch deren Ex-Lebensgefährte. Der unterstandslose 28-Jährige wird derzeit von der Polizei gesucht. Die Mutter und ihr Lebensgefährte selbst sind indes auf freiem Fuß. „Das Kind ist in Verwahrung des Jugendamts, es gibt keine Wiederholungsgefahr und daher keinen Grund für uns, die Personen festzuhalten“, so Polizeisprecher Roman Hahslinger.

Dass familiäre Verstimmungen rund um Feiertage häufig eskalieren, ist nicht neu. Nach Weihnachten, aber auch kurz vor Schulschluss Ende Juni, erleben die Krisenzentren des Jugendamts regelmäßig Spitzenwerte bei der Zahl der Anfragen. Was an Angelinas Fall jedoch betroffen macht, ist die lange Leidensgeschichte, die das Kind offenbar trotz „Unterstützung der Erziehung“ durch das Jugendamt durchmachen musste. Denn bereits im Vorjahr hatte die Mutter das Jugendamt mit der Bitte um Unterstützung kontaktiert. Nach monatlichen Treffen habe sich die Situation laut Jugendamt gebessert, das Kind besuchte regelmäßig den Kindergarten.

Mit ihrem neuen Partner allerdings habe sich die Verlässlichkeit der 28-Jährigen verringert, so Gabriele Ziering vom Jugendamt. Vereinbarte Termine seien nicht eingehalten worden, zwei Wochen vor Pfingsten hatte die Mutter Angelina schließlich wegen Feuchtblattern krankgemeldet. Am vergangenen Dienstag wollte die Sozialarbeiterin die Mutter deshalb besuchen – da war das Kind allerdings bereits im Krankenhaus. Etwa 3000 Kinder in Wien sind derzeit in Betreuung durch das Jugendamt, während sie weiterhin bei ihren Eltern wohnen.

 

Betreuungszahlen rückläufig

Die Zahl der neu begonnenen Betreuungen (im Durchschnitt wird eine Familie zwischen sechs Monaten und zwei Jahren begleitet) ist seit 2008 leicht rückläufig. Insgesamt wurden 2010 in Wien knapp zehntausend Gefährdungsabklärungen bearbeitet, in rund einem Drittel der Fälle lag tatsächlich eine Gefährdung vor. 1500 Kinder können indes nicht mehr bei ihren Eltern leben und sind bei Pflegeeltern untergebracht – Kandidaten für diese schwierige Aufgabe sucht die Stadt übrigens weiterhin.

Der häufigste Grund für die Gefährdung ist dabei Vernachlässigung. Ein Zustand, den die zuständige Sozialarbeiterin auch bei Angelina attestiert hat. Dass Vernachlässigung und Überforderung der Eltern häufiger Gründe für Beratungsgespräche sind als tatsächliche Gewalt, bestätigt auch Sozialarbeiterin Karin Knapp, die seit 25 Jahren beim Wiener Jugendamt tätig ist: „Das Hauptproblem ist, dass Eltern außer Gewalt und Schreien oft keine Antworten auf das Verhalten ihrer Kinder haben“, so Knapp, „noch schlimmer ist aber, dass meist fast gar nicht mehr miteinander geredet wird.“ Was die Sozialarbeiter dann vermitteln, sind zunächst Strategien gegen die totale Eskalation: nicht gleich losschreien, sich im Konfliktfall auch einmal zurückziehen, Distanz schaffen und durchatmen.

Dass all das manchmal nicht hilft und Eltern wie im Fall Angelinas dennoch ausrasten, will Karin Knapp jedoch nicht auf ein Versagen des Jugendamts zurückgeführt wissen: „Wir sichern Familien ab, aber wir können sie nicht hundertprozentig kontrollieren – wenn bei einem Menschen eine Sicherung durchgeht, dann geht sie durch.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2011)