Priester: „Die Angst ist in die Ukraine zurückgekehrt“

Angst Ukraine zurueckgekehrt
Angst Ukraine zurueckgekehrt(c) Jutta Sommerbauer
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Pater Borys Gudziak, griechisch-katholischer Priester und Rektor der Katholischen Universität im westukrainischen Lviv, über seine Überwachung durch den Geheimdienst und den Kampf gegen die Kultur der Korruption.

Borys Gudziak (50) wuchs in Syracuse im Bundesstaat New York als Sohn ukrainischer Emigranten auf. Er studierte an der Lviver Theologischen Akademie in Rom, jenem Vorläuferinstitut der heutigen Ukrainischen Katholischen Universität (UCU), das der aus der Sowjetunion ausgebürgerte griechisch-katholische Patriarch Josyf Slipyj gründete. „Slipyi sagte uns, es sei wichtig sich auf die Veränderungen vorzubereiten und für die Kirche in der Ukraine zu arbeiten. Viele dachten, er sei ein wenig senil. Er war 90 Jahre alt, und bewahrte Bücher im Keller auf, von denen er sagte, sie seien für die Ukraine. Und wir waren zu jung, um ihm nicht zu glauben.“ Gudziak, der auch in Harvard studierte, ging in den Neunzigern in die Ukraine, um beim Wiederaufbau der in den Untergrund gedrängten Kirche zu helfen. Seit 2002 ist er Rektor der privaten UCU in Lviv (Lemberg).

Wie unterscheidet sich Ihre Universität von den übrigen staatlichen Bildungseinrichtungen?

Gudziak: Wir sind klein. Wir haben 600 Vollzeit- und 800 Teilzeitstudenten. In Lviv gibt es 150.000 Studenten, unsere machen nur ein Prozent der Studentenschaft aus. Wir glauben aber, dass wir, wenn wir einem einzelnen Studenten viel Aufmerksamkeit widmen, die größte Wirkung in der Gesellschaft erzielen können. Wir haben 286 Angestellte, die Hälfte davon Vortragende. Dieses Verhältnis ist einzigartig, nicht nur in der Ukraine, sondern in Europa.
Wir bekommen kein Geld vom Staat. Sammlungen der griechisch-katholischen Kirche machen ein Prozent unseres Budgets aus, Einnahmen aus Studiengebühren 15 Prozent, der Rest ist Fundraising.
Wir bekommen kein leichtes Geld, daher schätzen wir unsere Ressourcen. Diese Kultur wird an die Studentenschaft weitergegeben. Wir müssen unternehmerisch, kreativ und selbstverantwortlich sein, statt zu sagen „Warum bekomme ich das nicht?“ Das ist ein Erbe aus dem Kommunismus: Die Leute erwarten, dass die Regierung etwas für sie tun wird. Nichts wird sich ändern, wenn nicht wir uns ändern.

In der Ukraine gilt das Universitätssystem als sehr korrupt. Studienplätze und Abschlüsse sind käuflich. Was tun Sie dagegen?

In unserer Gemeinschaft schauen sich die Menschen in die Augen, da fällt es schwer zu stehlen oder zu lügen. Durch Gebete, Prinzipientreue, strikte Finanzgebarung und dadurch, dass wir die Schwächen der menschlichen Natur anerkennen, haben wir eine Kultur entwickelt, die eine gewisse Immunität gegen Korruption hat.

Was ist der Hauptgrund für Korruption in den Bildungseinrichtungen?

Menschen in der früheren Sowjetunion haben Allergien und Reflexe gegen Systeme jeglicher Art entwickelt. Alles, von persönlichen Beziehungen bis zu Wirtschaft und dem öffentlichen Diskurs, braucht Vertrauen. Der unbewusste Reflex der Menschen ist: Ja, es gibt Regeln, aber sagen Sie mir, wie man die Dinge wirklich tut. Denn das System funktioniert nicht.
Es gibt nur eine Möglichkeit, Vertrauen in Systeme, Gesetze, die Gesellschaft aufzubauen: durch funktionierende Vorbilder. Wir wollen zeigen: Es kann Regeln geben, an die man sich hält, es kann Worte geben, die Bedeutung haben.

Vergangenen Mai wurde bekannt, dass Sie Besuch vom ukrainischen Geheimdienst SBU bekommen haben. Gab es seit Ihrer „Unterredung“ mit dem SBU weitere Vorkommnisse?

Unsere Telefone werden überwacht, die Festnetze vermutlich, unsere Mobiltelefone sicher. Freunden von mir wurden Listen meiner Telefongespräche gezeigt. Eine meiner Assistentinnen wurde in der Stadt beschattet. Einige unserer Mitarbeiter bekamen Anrufe vom SBU. Man erkundigte sich, worum es bei bestimmten Konferenzen geht, wer die Gäste seien, warum der Rektor zu dieser oder jener Konferenz geht. Das sind die Vorfälle, von denen ich weiß. Ich bin sicher, dass es mehrere Angestellte an der UCU gibt, die unter Druck sind und vielleicht aus Angst mit dem Sicherheitsdienst zusammenarbeiten.

Wie gehen Sie persönlich damit um?

Zunächst war es eine psychologische Last. Dann fragt man sich: Kann ich mir selbst trauen? Versuche ich etwas zu verstecken? Nein. Also mache ich weiter.

Ist Ihr Fall ein Einzelfall?

Das glaube ich nicht. Unsere Universität ist sehr klein. Es gibt 170 Universitäten und 800 höhere Bildungsinstitutionen im Land. Ich glaube, es gab viele „Besuche“. Aber wie viele Rektoren melden sich bei politischem, sozialen oder sogar bildungspolitischen Themen zu Wort? Wie viele Rektoren sprechen über Korruption? Warum sagen sie nichts? Die Angst ist in die Ukraine zurückgekehrt.
Die UCU ist vielleicht besonders interessant, weil wir die Dinge offen ansprechen. Unsere Universität ist ein Ort der Freiheit, ein Ort der alternativen Kultur. Die meiste Zeit über forschen wir zu mittelalterlicher Geschichte, arbeiten mit geistig Behinderten, übersetzen Plato. Wir tun simple Dinge. Wir sind kein Nest von radikalen Revolutionären. Aber wir versuchen frei zu sein.

In der Ukraine wird über eine Universitätsreform diskutiert. Wird Sie diese als private Einrichtung auch betreffen?

Im allgemeinsten Sinne würde es unsere Philosophie betreffen. Wir fördern die einzigartige Würde des menschlichen Lebens und die kreative Kapazität. Das ukrainische Bildungssystem hat ein Wirtschaftsmodell wie McDonalds: Man kontrolliert, ob alle Hamburger gleich sind. Universitäre Autonomie ist sehr wichtig. Der Trend der Reformen geht in die andere Richtung. Außerdem wird überlegt, akademische Institutionen quantitativ zu messen. Nur Institutionen mit mindestens 6000 Studenten sollen sich Universitäten nennen können. Dabei geht es nicht um Qualität. Wir glauben hingegen: small is beautiful.

Der derzeitige Bildungsminister Dimitrij Tabatschnik gilt als russophil. Einige seiner Aussagen über die Westukrainer waren ziemlich an der Schmerzgrenze.

Können Sie sich vorstellen, dass der Bildungsminister in Wien sagt, die Leute in Vorarlberg würden ihre Hände nicht waschen? Seine Karriere wäre vorbei.

Angesichts dieser Entwicklungen fragt man sich, ob die Orange Revolution nicht folgenlos verpufft ist.

Mein Kollege und UCU-Vizerektor Miroslav Marinovitsch war Mitte der Siebziger 27 Jahre alt. Der KGB sprach ihn an und sagte zu ihm: Entweder bist du mit uns oder gegen uns. Er antwortete: Dann bin ich gegen euch. Seine Sache war hoffnungslos. Aber heute haben wir eine unabhängige Ukraine, weil es Menschen wie Marinovitsch gab, und andere heldenhafte Personen.
Sogar in meinem kurzen Leben habe ich hoffnungslose Situationen fundamental sich ändern sehen, vom Kommunismus hin zu einer unabhängigen Ukraine, vom wachsenden Autoritarismus unter Leonid Kutschma zur Orangen Revolution. Ich glaube, dass wir heute in dunklen Zeiten leben. Aber ich bin überzeugt, dass der Geist und die menschliche Würde siegen werden.

Als Sie zum ersten Mal in die Ukraine kamen, Ende der 80er Jahre, was hat Sie damals überrascht?

Ich war positiv überrascht von einer bestimmten Qualität menschlicher Beziehungen. Im Westen war die Geschwindigkeit des Lebens frenetisch. Die Beziehungen waren sehr dynamisch, aber auch oberflächlich. Ich war beeindruckt von der Tiefe und Intimität in den menschlichen Beziehungen hier: Was für Gespräche man bei einem Glas Tee haben konnte, in einem ganz einfachen Apartment, gemeinsam mit 15, 20 anderen jungen Menschen.
Andererseits war ich entsetzt von den negativen Auswirkungen des Totalitarismus. Ich glaube, wir brauchen zwei, drei Generationen, um uns von diesem Trauma zu erholen. Der Auszug aus Ägypten ins Heilige Land dauerte 40 Jahre, also zwei Generationen. Man muss die Angst vor der Sklaverei vergessen.

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