Der Dokumentarfilm „Joschka und Herr Fischer“ dokumentiert ein Stück Zeitgeschichte und dies lang und facettenreich. Es entstand auch ein tiefer Einblick in 60 Jahre Bundesrepublik.
Es ist Nacht in Frankfurt, Häuserfronten ziehen vorbei, und dann eine kurze Sequenz mit einem Taxi. Am Steuer des Mercedes scheint Joschka Fischer zu sitzen, der tatsächlich einmal als Taxifahrer gearbeitet hat. Ob es eine zufällige historische Aufnahme war, ob bloß eine optische Täuschung, bleibt unbeantwortet: Die Bilder sind Teil der Lebensgeschichte eines durchaus ungewöhnlichen Politikers. Pepe Danquart hat die Dokumentation Joschka und Herr Fischer mit zahlreichen historischen Aufnahmen angereichert. So ist sie eine Zeitreise von den biederen 1950er-Jahren ins Heute geworden – länger und facettenreicher, als viele die Geschichte Nachkriegsdeutschlands im persönlichen Rückblick empfinden würden.
„Im Taxi bin ich zum Realo geworden“, erzählt Fischer, der in einer Fabrikshalle zwischen den bewegten Bildern seines Lebens steht. Es ist ihm offensichtlich nicht unbequem. Weder der dokumentierte Weg vom braven Ministranten, Kind ungarischer Zuwanderer im Schwabenland, über den Linksradikalen, den Sponti, bis hin zum ersten Vizekanzler einer rot-grünen Regierung, noch seine vielen politischen und persönlichen Rückschläge. Joschka wirkt authentisch, ehrlich, aber auch eitel, überheblich, wie er eben immer war. Der besserwisserische Rhetoriker, dem seine Selbstgerechtigkeit mehrmals zum Verhängnis wurde.
Joschka Fischer ist ein Ausnahmepolitiker. Das rechtfertigt einen Film über sein Leben. Es hätte eine peinliche Würdigung werden können, an deren Grenzen sich die Arbeit auch tatsächlich entlangschlängelt. Doch Danquart hat den Film durch zeitgeschichtliches Material erträglich gemacht.
So entstand ein tiefer Einblick in 60 Jahre Bundesrepublik, in denen die braven Deutschen von einer alternativen Bewegung verunsichert bis schockiert wurden. Fischer erzählt selbst, wie er vom Opfer der Polizeigewalt zum Täter wurde. „Ich habe Steine in die Luft geworfen“, verharmloste er später die Eskalation der Straßenschlachten. Der Kampf der linksalternativen Bewegung gegen den Vietnam-Krieg, die Hausbesetzungen: Joschka war immer dabei. Sie arbeiteten selbst bei Opel, um die arbeitenden Massen zu mobilisieren. Aber eigentlich waren sie nach dem Achtstundentag nur müde.
Vom Terror der RAF überrollt
Sie kämpften mit ihren Worten gegen den Kapitalismus und wurden vom Terror der RAF überrollt, an den Rand der Gesellschaft gedrückt. Dort, wo nur noch wenig zu bewegen war – weil die Angst vor Radikalität stärker war als der Wille zum Aufbruch.
Es ist eine ungewöhnliche Metamorphose, die aus „Joschka“ einen „Herrn Fischer“ gemacht hat. Ein Wendepunkt war der grüne Parteitag in Bielefeld 1999, als ihm ein Farbbeutel das Trommelfell zerriss. Er hatte versucht, eine Friedensbewegung in den Krieg gegen Serbien zu führen.
Vom Idealisten über den Sponti zum Realo: Der Weg eines Menschen ist nie gerade. Fischer hat er aus dem Keller einer kommunistischen Buchhandlung bis in die Nato geführt – es war ein Slalom der Widersprüche. Von seinen Mitkämpfern aus den 1960er-Jahren haben ihn deshalb auch weit weniger so lange durch das Leben begleitet wie die Zuseher dieser Dokumentation.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2011)