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Sollte die EU Griechenland an die Türkei verkaufen?

Die Diskussion über Europas Finanzmisere gleicht in der jetzigen Phase einer Reise nach Absurdistan. Jüngstes Beispiel war der „Club2“.

 

Am Mittwochabend, ich kam gerade aus Europas Hoffnungsgebiet Kasachstan im MQ zurück ins anatolische Grenzgebiet von Meidling, habe ich doch noch das Fernsehgerät eingeschaltet, um zu erfahren, wie sich eine exklusive Damenrunde im „Club2“ mit dem Griechenland-Problem herumschlägt. Dabei lernte ich Erstaunliches. Das Griechenland-Problem ist kein Griechenland-Problem, sondern ein Deutschland-Problem.

Die Argumentation dazu, so weit ich ihr folgen konnte: Weil die Deutschen und ihre Gesinnungsgenossen so produktiv seien und derzeit zudem viel weniger bereit zum Konsum als die Südländer an sich, geraten diese in Schwierigkeiten. Das ist traurig, aber wer traute es sich zu, die hyperaktiven Deutschen dazu zu zwingen, weniger und weniger effizient zu arbeiten?

Also muss eine andere Lösung her, und die kann man aus einem weiteren Problem ableiten. Das Griechenland-Problem ist nämlich kein Griechenland-Problem, sondern ein Ratingproblem, weil böswillige Amerikaner griechisches Papier schlecht bewerten. Also muss eine europäische Ratingagentur her, am besten von einer Planwirtschaftlerin mit „Club2“-Erfahrung geleitet, die ein hässliches D karitativ mit einem Triple-A übermalt.

Alles paletti? Nein. Es gibt noch das Reichenproblem. Selbst wenn die Deutschen ruhig gestellt worden sind und sich das griechische EU-AAA etabliert hat, könnte es sein, dass sich die Besitzstandswahrung budgetmäßig doch nicht ganz ausgeht. Also sollte man, wie eine Vertreterin der globalen Ratingagentur Attac bemerkte, sicherheitshalber eine hohe Vermögenssteuer einführen. Dann wäre staatsgarantiert alles super. Dann könnte man sogar unserer lieben Finanzministerin Maria Fekter (sie war leider nicht zu Gast bei diesem „Club2“) vertrauen, die offensichtlich meint, dass die Finanzhilfe für Griechenland für Österreich ertragreich sei. Diese blauäugige Expertin scheint auch in ihrem neuen Amt das Prinzip der Abschiebepraxis zu beherzigen. Die Milliarden werden außer Landes geschafft, als ob sie kriminelle und illegale Ausländer wären.

Nach einer Stunde ORF-Debatte weiß man nun im Gegengift: Frauen wirken vor der Kamera zwar nicht so aggressiv wie die üblichen Macho-Gruftis, aber in der Erfindung von Scheinargumenten sind sie den Männern ebenbürtig. Bei manchen Damen kam sogar der Verdacht auf, dass sie gleich beschränkt wie Herren sind.

Die Diskussion hat so deutlich wie hitzigste Männerrunden gezeigt: Eine Reise nach Absurdistan kostet nichts. Über Griechenland darf man in der jetzigen Phase alles behaupten. Vielleicht ist das Griechenland-Problem ja doch kein Griechenland-Problem, sondern ein Türkei-Problem. Warum? Normalerweise sind doch immer die Türken an der Misere Europas schuld, wenn es nicht die Franzosen waren. Das hat doch schon der griechische Staatsbankrott im 19.Jahrhundert gezeigt, nach Erkämpfen der Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich.

Was also tun? Sollte die EU Griechenland samt seinen Staatsanleihen an die Türkei verkaufen? Vielleicht zieht Ankara dann sogar aus Vorsicht das Beitrittsansuchen zurück? Nein, widerspricht die klügste Frau in der vom vielen Krisengerede erschöpften Gegengift-Redaktion. Europa sollte das Problemkind Griechenland adoptieren. Und alles wird gut.

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2011)