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„Da kann es keinen Zweifel geben“

Ist Poker ein Glücksspiel? Oder hängt es doch vom Können der Spieler ab? Eine neue Studie aus den USA hat Daten gesammelt – und kommt zu einem eindeu- tigen Ergebnis.

Es ist eine der teuersten Fragen, die die Spieleszene derzeit weltweit bewegen: Ist Poker – genauer gesagt, die nach wie vor extrem populäre Variante „Texas Hold'Em“ – ein Glücksspiel? Oder kommt es vor allem auf die Geschicklichkeit, Gerissenheit und das taktische Einfühlungsvermögen – kurz: das Können – der Spieler an?

Das ist keine Frage, die nur auf einer theoretischen Ebene relevant ist: Es geht um Millionen von Euro (oder Dollar) und darum, wer sie kassieren darf – denn Spiele, bei denen das Glückselement überwiegt, fallen unter die historischen Monopole vieler Staaten oder unterliegen zumindest Lizenzbestimmungen, nach denen Casinobetreiber hohe Gebühren an den Staat überweisen müssen. „Normale“ Spiele, deren Ausgang dagegen vom Können der Spieler abhängt, dürfen in viele Staaten nach Belieben abgehalten werden.

So ein Fall sind zum Beispiel die USA: Sie verbieten Online-Glücksspiele ganz allgemein – und setzen das mittels eines drakonischen Gesetzes aus dem Jahr 2006, dem Unlawful Internet Gambling Enforcement Act, durch. Im April haben die US-Behörden auf dessen Basis mehrere Seiten großer Online-Pokeranbieter – Pokerstars, Full Tilt Poker und Absolute Poker – vom Netz genommen und sie mit hohen Strafen belegt, eben weil sie unter den Begriff des „Gamblings“ fallen, also aus Sicht der Behörde gegen Entgelt Spiele anbieten, deren Ausgang vorrangig vom Faktor Glück abhängt.

Inzwischen dreht sich der Wind in den USA aber: Politiker beider Lager argumentieren, dass der Erfolg von Poker eben nicht vom Faktor Glück abhänge – sondern vorrangig vom Können der Spieler. Vor diesem Hintergrund muss man eine Studie sehen, die einer der einflussreichsten Ökonomen unserer Zeit, der Chicagoer Professor Steven Levitt, gemeinsam mit dem Juristen Thomas Miles vor zwei Wochen vorgelegt hat.

Unter dem Titel The Role of Skill versus Luck in Poker: Evidence from the World Series of Poker werten die beiden statistisches Material aus der wichtigsten Pokerturnierserie der Welt aus, das erstmals in einer Detailfülle erfasst worden ist, die eine wissenschaftliche Auseinandersetzung ermöglicht.

Ausgangspunkt der Studie, die unter anderem in der Datenbank des National Bureau of Economic Research (www.nber.org) zugänglich ist, ist die Tatsache, dass „Gerichtsentscheidungen zu der Frage, ob bei Poker Können mehr Einfluss auf das Resultat hat als der Faktor Glück, allgemein bar statistischer Fakten erfolgt sind und darüber hinaus alle Varianten von Poker gleich behandelt haben“, schreiben die Autoren. So zitieren sie ein Urteil zu der Frage aus dem Jahr 1906, auf das sich die US-Justizbehörden in der Folge immer wieder berufen haben: „Es ist, und da kann es weder Zweifel noch Diskussion gegeben, ganz einfach eine Sache des gemeinen Hausverstandes, dass Kartenpoker ein Glücksspiel ist.“

Die Spielvarianten, von denen die Rede ist, spielen insofern eine Rolle, als die Zahl der zufällig ausgeteilten Karten, mit denen die Spieler eine der punktenden Kombinationen bilden können – von der High Card bis zum „Royal Flush“ –, von Variante zu Variante unterschiedlich ist. Während beim „klassischen“ Poker jeder Spieler fünf zufällige Karten bekommt und davon bis zu drei tauschen kann, kommt Texas Hold'Em mit weit weniger Zufallselementen aus: Jeder Spieler bekommt nur zwei Karten ausgeteilt, die Kombinationen muss er mit ihnen oder fünf – schrittweise aufgedeckten – Gemeinschaftskarten bilden, auf die alle Spieler Zugriff haben. Zwischen dem Austeilen der Karten und dem „Showdown“, bei dem der Sieger der Runde ermittelt wird, stehen insgesamt vier Durchgänge, in denen Spieler aussteigen oder Chips setzen können, sodass diese Form verglichen mit anderen Varianten viele Möglichkeiten zur Interaktion bietet.

Levitt und Miles haben für ihre Studie nun zweierlei Datensätze aus der „World Series of Poker“ 2010 in Las Vegas überprüft: einerseits, wie häufig dieselben Spieler in die Preisränge eines Turniers kommen – wenn am Ende immer dieselben Spieler in den vorderen Rängen zu finden seien, sei das ein Indikator dafür, dass Können eine entscheidende Rolle spiele, so die Autoren. Andererseits überprüften sie, wie viel Spieler netto (also nach Abzug ihrer Einsätze) am Ende eines Turniers gewonnen oder verloren hatten.

Die Ergebnisse zeigen bei beiden Auswertungen eindeutig, dass Spieler, die „talentiert“ sind (im Rahmen der Studie wurde dieser Begriff jenen wenigen verliehen, die schon im Vorjahr eines der Turniere der WSOP gewonnen hatten) wesentlich häufiger als „untalentierte“ aussteigen: „Solche Spieler kommen um zwölf Prozent öfter in die Preisränge als Spieler mit geringem Können“, heißt es in der Studie.


„Vorhersehbar wie Baseball“

Noch deutlicher zeigt sich der Unterschied im durchschnittlichen Saldo aus Einsätzen und Gewinnen: Während talentierte („skilled“) Spieler pro Turnier durchschnittlich einen Gewinn von 1200 Dollar verzeichnen konnten, stiegen die schlechteren Spieler mit einem jeweiligen Nettoverlust von 400 Dollar aus – bei einem Glücksspiel dürfte es keinen Unterschied geben, heißt es in der Studie.

„Diese Vorhersehbarkeit, dass Spieler mit Können andere übertrumpfen können, zeugt für uns davon, dass Können beim Pokern eine substanzielle Rolle spielt“, schließen Levitt und Miles aus den Fakten. „Um einen Vergleich zu ziehen: Wenn wir dieselbe Statistik auf die Major-Baseball-League-Ranglisten anwenden, kommen wir zu ähnlichen Ergebnissen“: Dort gewinnen Teams, die schon in der jeweils vorherigen Saison in den vorderen Rängen zu finden waren, in 55,7 Prozent der Fälle gegen schlechter platzierte Mannschaften. Beim Poker gewinnen „talentierte“ Spieler, also die Turniergewinner vom vergangenen Jahr, in 54,9 Prozent ein direktes Duell gegen schlechtere Spieler. „Daher kann man grob gesprochen die Vorhersagbarkeit von Pokerturnieren mit jener in Baseballspielen vergleichen“, so die Autoren. „In Anbetracht dieser Daten muss man Poker wohl im selben Ausmaß als ein Spiel bezeichnen, das auf Können basiert, wie man das ohne Zweifel bei Baseball tut.“

Eine klare Ansage der Wissenschaftler – und ein Ergebnis, zu dem auch namhafte österreichische Juristen in Gutachten gekommen sind. Warum Poker hierzulande trotzdem als Glücksspiel gehandhabt wird, warum das einen Unternehmer „in seiner Existenz gefährdet“ und wer dagegenarbeitet, lesen Sie in der kommenden Woche – ebenfalls an dieser Stelle. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2011)