Der auf drei Jahre angelegte Janáček-Zyklus begann zum Finale der ersten Spielzeit der neuen Direktion mit einer eindrucksvollen Premiere.
Das Stück spiele in seiner Inszenierung in Brooklyn, verkündete Regisseur André Engel während der Proben zur letzten Premiere der ersten Spielzeit der neuen Staatsopern-Direktion. Was wie ein Provokation klang, löste sich mit Aufgehen des Vorhangs in eitel Wohlgefallen auf: „Kátja Kabanovaá sieht aus wie „Kátja Kabanová“. Das böse Spiel um ein Mädchen, das aus der Hölle des schwiegermütterlichen Hinterhofes in die Freiheit einer verbotenen Liebesbeziehung aufbrechen möchte, funktioniert in beinah jedem Ambiente.
Und das Bühnenbild Nicky Rietis lässt, die Skyline in der ersten Szene ausgenommen, ohnehin keine Rückschlüsse zu: ein Zimmer, ein Gewölbe, eine Flusslandschaft, handwerklich sauber gearbeitete Dekors, Menschen in zeitlosen Alltags-Kostümen (Chantal de La Coste). Engel hat in diesem schlichten – und schlicht richtigen – Ambiente die Charaktere der Handlung gezeichnet, unaufdringlich, aber scharf und klar.
So hat man früher einmal Oper inszeniert, bevor das deutsche Feuilleton für jede Premiere Zusatz-Aufregungen einzufordern begann – und Operndirektoren glaubten, darauf Rücksicht nehmen zu müssen.
Raum für die Musik
„Kátja Kabanová“ also an der Wiener Staatsoper: Das bietet Raum für die musikalische Erzählung, wie Leoš Janáček sie in seiner Partitur notiert hat. Das ist aufregend genug, wenn ein Dirigent wie Franz Welser-Möst am Pult steht und dem Orchester Freiraum gewährt, die einzelnen Motiv-Stränge, aus denen die Klang-Dramaturgie gewoben ist, jeden für sich frei und ungehindert zu modellieren.
Janáček hat zur Darstellung komplizierter seelischer Vorgänge und Verwirrungen eine ganz eigene Technik entwickelt, die in kühnem Kontrapunkt heterogene Ebenen übereinander legt, sie in Momenten äußerster Verdichtung sogar ineinander verschiebt, verkeilt, zum Bersten bringt. Aus motivischen Petitessen, hie und da effektiv aus achtlos hingeworfenen Nebenbemerkungen geboren, können sich zu wahren Alpträumen auswachsen: Die fixe Idee des Schlüssels, der Katja die Tür zum Rendezvous öffnen kann, erklingt etwa dunkel drohend und langsam in den Kontrabässen und wandert insistierend durch sämtliche Orchester-Register, rasend gesteigert bis zu jenem Moment, in dem das Mädchen sich das Herz fasst, den Schlüssel tatsächlich an sich zu nehmen.
Reinigendes Gewitter
Dergleichen lässt sich mit Nachdruck und expressiver Geste realisieren. Man kann es aber auch, wie Welser-Möst es tut, zunächst unaufgeregt einfach entstehen lassen, als einen organischen Prozess begreifen. Besser noch: als Miteinander verschiedener organischer Prozesse, die dort, wo sie ineinander fließen, zu explosiven Mischungen führen können. Wie im wirklichen Leben, das Janáček auf diese Weise in Tönen abbildet.
Was diesmal aus dem Orchestergraben kommt, entfaltet sein überwältigendes Potenzial, gerade weil es scheinbar ohne Nachdruck geschieht, weil die Interferenzen der jeweils unabhängig voneinander entwickelten Klang-Prozesse zu energetischen Aufladungen – und im Stück zum reinigenden Unwetter führen.
„Gewitter“ von Alexander Ostrowski war Janáčeks Vorlage. Im Wüten der Naturgewalten beichtet Kátja Kabanová ihren Ehebruch. Die Musik vollzieht die eigentümliche Verbindung von inneren und äußeren Stürmen nach. Wie in den Seelen der Darsteller wachsen sich auch in den Klängen zarte, poetische, liebevolle Regungen in Schreckgestalten verwandeln, die nicht mehr zu bändigen sind.
Den leidenschaftlichen Orchester-Klängen zeigen sich fast alle Stimmen gewachsen. Wenn schon nicht im Hinblick auf Ausdruck und Vielschichtigkeit, so doch jedenfalls dynamisch. Deborah Polaskis Kabanicha vor allem, die von der Regie so bösartig und gewalttätig gezeichnet wird, wie der Text es suggeriert. Sie dominiert ihre Umgebung als absolute Herrscherin, keift, schreit und kennt keine menschliche Regung. Der toten Katja zieht sie noch den Ring ab – und putzt ihn angewidert, ehe sie die Leiche mit einem Fußtritt umdreht.
Ungeheuer in Menschengestalt. Den Sohn dieses Ungeheuers in Frauengestalt gibt Marian Talaba als rechtes Simandl. Der Mama legt er das Taschentuch auf die Parkbank, bevor sie sich setzt. Vom ersten Moment an begreift man, dass er niemals den Mut haben würde, seine Ehefrau gegen den Mutterdrachen auch nur ansatzweise in Schutz zu nehmen.
Exzellent das freizügige Paar, Varvara und Kudrjáš, Stephanie Houtzeel und Norbert Ernst bringen auch gefühlvolle, ja spielerische Töne ins sinistre Seelen-Spiel. Wolfgang Bankl dagegen übernimmt die Gangart der Kabanicha: Zwar lässt er sich im Tête-a-tête mit ihr, der Domina, willig peitschen, doch tritt er in der Öffentlichkeit alle übrigen im Bannkreis dieser hermetisch verschlossenen Subkultur mit Füßen – und erhebt gegebenenfalls auch machtvoll seine Stimme.
Introvertierte Töne
Klaus Florian Vogt gibt den schönen Boris, der Katja für Augenblicke aus der Finsternis dieses Terror-Szenariums entführt. Er nimmt die lyrischen Melodien des Orchesters mit seinem Tenor willig auf und führt sie gradlinig und schön weiter.
Der Kátja von Janice Watson ist solches nicht gegeben. Jedenfalls nicht mühelos. Ihr Sopran droht in den Wogen des öfteren unterzugehen – was freilich Programm sein könnte: Während des Gewitters scheint nicht nur die Person, sondern auch die Stimme zerbrechlich. In der Schluss-Szene nützt sie dann, introvertierter, ganz weltabgewandt, ihre Chancen zu bewegenden Tönen.
Das Publikum schien nach dem pausenlos ablaufenden Abend beeindruckt und feierte die Protagonisten, vor allem aber das Orchester und den Generalmusikdirektor.
20., 23., 27. und 30. Juni in der Staatsoper.
1959 Alexander N. Ostrowski veröffentlicht sein Drama „Gewitter“.
1919 Janáček komponiert die tschechische Übersetzung des Stücks als Oper: „Kátja Kabanová“.
1921 Uraufführung in Brünn.
1974 Erstaufführung an der Wiener Staatsoper – Regie: Joachim Herz, in legendären Dekors von Rudolf Heinrich: Stege im Schwemmland der Wolga.
2008 Premiere im Theater an der Wien. Regie: Keith Warner, Dirigent: Kirill Petrenko.