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Andrea Illy: "Kaffee: ein Elixier, kein Heißgetränk"

Andrea Illy Kaffee Elixier
(c) Www.BilderBox.com
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Der Kaffeeröster Andrea Illy macht den besten Espresso der Welt. Der "Presse am Sonntag" verrät er, was einen guten Kaffee ausmacht, warum er von Fairtrade nichts hält und wie Berlusconi die Marke Italien beschädigt.

Signore Illy, Sie stehen im Verdacht, den besten Kaffee der Welt zu produzieren. Wie viele Tassen trinken Sie denn so am Tag?

Andrea Illy: Vier bis fünf. Und nur Espresso, also keinen kleinen Braunen oder Cappuccino. Kaffee ist für mich ein Elixier, kein Heißgetränk. Und zu Milch habe ich überhaupt keine Beziehung. Filterkaffee trinke ich nur zur Not, um mich wachzuhalten.

 

Den Espresso mit oder ohne Zucker?

Einen sehr guten Kaffee unbedingt ohne Zucker! Ein Espresso hat über 1000 Aromen, er hat Körper und liegt samtig weich auf der Zunge. Da gibt es ein natürliches Gleichgewicht von leichter Bitterkeit und einem leicht süßen Abgang. Sobald ein Kaffee aber nicht exzellent ist, gebe ich Zucker dazu – und auch Milch.

Ist Österreich ein guter Markt für Sie?

Österreich liegt mir am Herzen. Kaffee ist ein Teil der Kultur, eine Nahrung für den Geist, eine Verheißung von fernen Ländern. Diese Kultur ist an zwei Orten fast gleichzeitig entstanden: in Venedig und in Wien. Mein Triest war immer ein Kreuzungspunkt dieser beiden Kaffeekulturen. Mein Großvater kam aus der Monarchie, aus Ungarn, und lebte lange in Wien. Deshalb möchte ich Österreich stärker erschließen, um diese Ursprünge hervorzuheben.

 

Sie halten nichts von Fairtrade. Warum?

Fairtrade will solidarisch sein, ist aber nicht nachhaltig – weil es nicht auf Qualität und Marktmechanismen gründet. Der Fairtrade-Kaffee ist um nichts besser als normaler Kaffee. Alle zahlen nur wegen eines Labels: der Anbauer, der Verarbeiter und der Konsument. Der Kaffeebauer ist das schwächste Glied der Kette, er muss Geld vorstrecken, um zu der Lizenz zu kommen. Dafür verspricht man ihm, mehr zu zahlen. Dieser Mehrpreis wird aber im Lauf der Zeit immer geringer. Das ist alles nicht unabhängig geprüft, man kann dem vertrauen oder auch nicht.

Auch Ihre Firma zahlt den Kaffeebauern mehr als üblich. Wo liegt der Unterschied?

Wir versuchen, den bestmöglichen Kaffee zu machen. Der Konsument zahlt mehr, weil der Kaffee besser schmeckt. Das geben wir an Kaffeebauern weiter, die wir schulen und von denen wir direkt kaufen. Sie haben einen höheren Cash Flow durch den höheren Preis und größere Mengen und können so investieren und die Qualität weiter erhöhen. Das ist ein nachhaltiger Kreislauf. Zudem sind wir extern zertifiziert, und wenn ein Prüfer feststellt, dass ein Anbauer Regeln nicht einhält, tragen wir die Verantwortung.

Es geht Ihnen also nicht um Ethik, sondern nur ums Geschäft?

Die Ethik liegt im Business! Die Existenzberechtigung einer Firma ist, Kunden zu finden und zu halten. Ihre gesellschaftliche Verantwortung liegt darin, ihr Geschäft gut zu machen und damit für alle Beteiligten Werte zu schaffen. Das genügt. Denn damit erlauben wir vielen Menschen, ein wenig besser zu leben: Kunden, Mitarbeiter, Lieferanten, Kapitaleigner. Viele sagen: Geschäft ist Geschäft, da pressen wir alle nach Herzenslust aus, und daneben machen wir Charity und geben uns sozial. Das gefällt mir nicht. Aber wir tun uns da als Familienunternehmen leichter als eine börsennotierte Gesellschaft. Wir finanzieren uns nur aus dem Cash Flow, und da ist klar, dass der wahre Herr der Konsument ist.

 

Was halten Sie von Kapseln, wie bei Nespresso?

Eine fantastische Technologie! Den Espresso wie ein Barmann zu machen ist sehr schwer. Da gibt es mindestens ein Dutzend Variablen, die man beachten muss: Temperatur, Salzgehalt, Menge, Druck, Durchflusszeit ... Da brauche auch ich manchmal 20 Minuten. Und wenn nicht alles perfekt ist, ist der Espresso nicht richtig gut. Die Kapseln haben aus dem Schwierigsten das Allereinfachste gemacht. Als wäre man bei der Fotografie von den Dunkelkammern zu Hause direkt zur Digitalkamera gesprungen. Eine Revolution mit einem solchen Entwicklungsaufwand konnte nur von einem Leader wie Nestlé kommen. Aber bei der zweiten Generation sind wir dabei, mit einem neuen Prinzip – nach zwei Jahren Forschung und vier Jahren Entwicklung.

Was denken Sie von Starbucks?

Das sind ganz tüchtige Filialisten, die besten der Welt. Sie verkaufen das Erlebnis, woanders als zu Hause Kaffee zu trinken – das gab es davor in den USA nicht. Da haben sie sich von Italien inspirieren lassen, wo es eine Bar auf 400 Einwohner gibt.

Marketing-Experten predigen, man müsse die Produkte differenzieren, sich auf Kundenbedürfnisse einstellen und allen etwas bieten. Sie machen das Gegenteil: eine Marke, ein Produkt, ein einziger Geschmack – und haben damit Erfolg. Irren die Experten?

Der richtige Fokus ist: eine Marke, ein Wort. Bei Chanel etwa ist das Wort „Eleganz“, und hinter diesem Versprechen können viele verschiedene Sachen stehen. Bei uns heißt das Wort aber „Kaffee“, und zwar der beste. Da kann es nur einen geben – uno, one! Auch wenn wir verschiedene Formate haben, wie Kapseln oder ein kaltes Fertiggetränk, ein Joint Venture mit Coca-Cola. Aber die Leute sagen mir: Das Aroma ist in allen Formen das gleiche. Und dann weiß ich: Wir machen es richtig.

Ihr Bruder war bis vor kurzem Politiker: Bürgermeister von Triest und Landeshauptmann von Friaul-Julisch Venetien. Reizt Sie die Politik nicht?

Nein. Ich bin ungeduldig, will schnelle Lösungen und Resultate. In einer so komplexen Welt wie der Politik, wo es 1500 Hindernisse gibt, bis man ein Ziel erreicht, habe ich nichts verloren. Und ein Politiker in der Familie reicht. Ich mache anderes, ich mache Kaffee.

Sie leben aber auch von der Marke Italien und allem, was da mitschwingt: Lebensgefühl, Stil, guter Geschmack. Die Sex-Exzesse von Präsident Berlusconi zeugen aber von sehr schlechtem Geschmack. Ist das ein Problem, rein markentechnisch?

Es wird zu einem Problem! Vor allem bei Amerikanern und Briten, die in solchen Dingen sensibler sind. Bisher war das politische Image Italiens gottlob völlig getrennt vom gesellschaftlichen. Das bleibt auch heute noch gern gesehen und hoch geschätzt. Es ist auch viel solider und stärker fundiert, da stehen tausende Jahre Kultur und Kreativität dahinter. Ein Schlamassel von ein paar Jahren kann das nicht gefährden. Aber klar, wenn es noch 20 Jahre so weitergeht ... Doch man sieht jetzt endlich, dass die Bürger reagieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2011)