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"Spiegel"-Autor: "Gläubige unter Blödheitsverdacht"

SpiegelAutor Glaeubige unter Bloedheitsverdacht
(c) Deutsche Verlags-Anstalt
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Matthias Matussek hat ein höchst umstrittenes, viel besprochenes Buch über "Das katholische Abenteuer« geschrieben. Der "Presse" erklärt er, warum es der Katholizismus sein muss und nicht einfach irgendeine Religion.

Sie haben in Ihrem jüngsten Buch ein langes Kapitel über die Todsünden geschrieben. Was ist für Sie die schlimmste? Einen Tipp hätte ich...

Matthias Matussek: Wohl die Gier. Weil keine andere Todsünde global so verheerend ist. Die Gier zerstört ganze Kontinente, lässt die Gesellschaft auseinanderbrechen, die Natur kippen, Wirtschaftssysteme kollabieren. Worauf hätten denn Sie getippt?

 

Auf Gier oder Neid.

Der Neid kommt bei mir ganz vorne. Er zersetzt das Miteinander, hat aber nicht so eine Wucht. Die Gier ist wie eine terroristische Bombe. Es ist ja auch kein Zufall, dass jene beiden Gebote, die vom Begehren handeln, von der Gier nach etwas, am schwersten zu erfüllen sind: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, und du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut.


Weil es bei allen anderen Geboten darum geht, was man tut ...

... aber was man fühlt, lässt sich nicht so leicht kontrollieren. Selbst Buddha in seiner Weisheit hat lange gebraucht, bis er das Begehren abstellen konnte. Ich habe eine Zeit lang meditiert. Aber der Buddhismus ist eigentlich keine Religion, das ist eher eine Technik. Gegensteuern kann man auch gut mit dem Christentum: Ein wunderbares Modell der Bedürfnislosigkeit und Nächstenliebe ist von Franz von Assisi.


In Ihrem Buch geben Sie sich betont kapitalismuskritisch. Sie waren früher Kommunist.

Wer die Bergpredigt liest, weiß, dass das eine linke Religion ist, die sich um die Benachteiligten kümmert, um die Leute in der hintersten Reihe. Jesus hält sich nicht mit dem Establishment auf. Ich kenne einige Katholiken mit marxistischer Vergangenheit. Peter Seewald, der das Buch über den Papst geschrieben hat, war ein kommunistischer Genosse. Der Kommunismus, wie wir ihn verstanden haben, war eine spannende Denkhaltung. Er war eine Provokation! Links wurde eben aufregender gedacht – bis dann die Terroristen, Blödmänner und Dogmatiker kamen. Da musste ich mir schon aus intellektuellen Gründen etwas Neues suchen.

 

Das ist mir bei Ihrem Buch auch aufgefallen: Sie sind ein gläubiger Christ, aber mit einem gewissen Dünkel.

Wenn ich auf der Ebene des Philosophischen angegriffen werde, dann schieße ich auf dieser Ebene zurück. Und da bemühe ich mich tatsächlich um das bessere Argument. Wenn das Dünkel ist, dann ist das eine Sünde.

 

Ich rede von dem Kapitel, in dem Sie über die Atheisten sprechen, die angeblich nicht nachdenken.

Ja, das ist provozierend. Aber ich stelle nur Waffengleichheit her. Die Gläubigen stehen ja permanent unter Blödheitsverdacht. Sobald man jemanden mit schwarzer Kutte sieht, läuft er schon ab, dieser Film der Vorurteile. Wenn ein Geistlicher in einer Talkshow auftritt, ist er sogleich konfrontiert mit einem hämisch johlenden Saalpublikum. Aber natürlich möchte ich ernsthafte Atheisten nicht vor den Kopf stoßen. Wenn Sie mir also eine Stelle nennen ...

Sie behaupten zum Beispiel, ohne Glauben gebe es keine Moral.

Ich versuche, das mit einem Dostojewski-Zitat zu belegen, der sagt, ohne Gott wäre alles erlaubt. Schon Voltaire hielt die Idee eines strafenden und belohnenden Gottes für höchst vernünftig. Wenn ein Mensch nichts zu befürchten hat, ist er zu allem fähig.

Können Sie sich selbst als nicht gläubigen Menschen vorstellen? Wären Sie dann ein schlechterer Mensch?

Vor allem ein traurigerer Mensch.

 

Wie hat man sich diese Strafe vorzustellen? Glauben Sie an so etwas wie die Hölle?

In der Schrift kommt dieser strafende Gott sehr unmittelbar vor. Der rast ja! Er schickt die Sintflut, zerstört Ninive! Es ist ein grausamer Gott: In den Psalmen wird er immer wieder angerufen, weil er den Gegner zerstören, ihnen zum Beispiel die Zähne ausbrechen soll. Das ist sehr farbig geschildert und entspricht unseren dunklen Trieben: Wir wünschen denjenigen, die uns Unrecht getan haben, das Allerschlimmste. In den Psalmen wird das Sprache. Das ist natürlich manchmal peinlich, aber so ist die menschliche Seele. Im Neuen Bund wird dann eine ganz neue Religion verkündet. Aber der strafende Gott ist dadurch nicht arbeitslos.

 

Über Ihre Internatszeit schreiben Sie sehr positiv.

Ja, das war für mich ein großer Abenteuerspielplatz!

 

Was sagen Sie jenen, die andere Erfahrungen gemacht haben?

Dass ich das sehr schade finde. Aber in meinem Bekanntenkreis hat niemand von Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen berichtet.

Michael Köhlmeier wurde einmal von einer Journalistin nach seinen Erlebnissen befragt. Und als er sagte, er sei „nur“ misshandelt worden, hatte sie kein Interesse mehr. Es geht auch um Misshandlung.

Das war auch die Zeit: Damals habe ich in der Familie Ohrfeigen bekommen – und auch im Internat. Mein Vater hat sich dafür später entschuldigt. Das war sehr ergreifend. Er war alt, er war ein kleiner, dünner Mann. Ich konnte diese Entschuldigung annehmen.

 

Sie haben einen Sohn – ich nehme an, er ist katholisch erzogen.

Ja, er geht jetzt leider nicht mehr regelmäßig in die Kirche, ich kann ihn ja auch kaum polizeilich vorführen lassen, aber er ist gläubig und es beruhigt mich, dass er sagt, er betet, wenn ihm das Herz schwer ist.

 

Sie arbeiten seit Jahrzehnten für den „Spiegel“. In Ihrem Interview mit dem Kölner Domradio haben Sie ihn jetzt als antikirchliches Kampfblatt bezeichnet.

Das war eine unbedachte – im Nachhinein muss ich sagen – dämliche Äußerung. Ehrlich gesagt, habe ich mir nicht gedacht, dass das jemand hört. Ich habe das mit den Kollegen geklärt.

 

Sie haben Ihr Buch dezidiert „Das katholische Abenteuer“ genannt. Nicht das christliche. Und ihre Meinungen zum Zölibat und der Rolle der Frau sind sehr dezidiert.

Das sind die Vereinsregeln! Ich glaube nicht, dass der Glauben der Frauen darunter leidet, dass es keine Priesterinnen gibt. Und es gibt zahlreiche Funktionen, in denen Frauen eine maßgebliche Rolle spielen. Ich habe das Bild von Jesus und seinen Jüngern vor Augen. Kann sein, dass es veraltet ist, dass es aus einer anderen Zeit stammt. Aber das ist die Tradition.

Macht nicht gerade die Fähigkeit, sich an die moderne Gesellschaft anzupassen, das Christentum aus?

Ich bin der Meinung, dass wir zumindest derzeit gerade das Gegenteil brauchen. Wir brauchen keine weitere Anpassung, sondern müssen behaupten, was da ist, vielleicht auch gegen Widerstände. Wir dürfen nicht dauernd über uns abstimmen lassen. Wir haben alles wegreformiert, aber die Kirchen sind trotzdem nicht voll. Im Gegenteil: Seit dem Zweiten Vatikanum haben sie sich weiter geleert. Wir müssen die Kirche für Außenstehende wieder spannend machen, und das geht nur, indem wir ihnen eine Gegenwelt anbieten. Die Rituale des Katholizismus spielen da eine wichtige Rolle, das ist in Form gegossener Glaube.

Es sei der „gottlose, sündige Westen“, gegen den sich Selbstmordattentäter agitieren lassen, schreiben Sie im Vorwort.

Der Terrorist trifft auf eine religiös völlig entkräftete Gesellschaft. Ich fände es nicht schlecht, wenn man ihm klarmachen würde: auch wir haben unseren Glauben.

 

Und wir haben die Aufklärung. Warum nicht vor allem darauf hinweisen?

Ja, Meinungsfreiheit, Selbstbestimmung, die Freiheit der Religionsausübung, darauf sollten alle, die hier leben wollen, verpflichtet werden.

 

Sie haben ein Kapitel dem Humor gewidmet – darf ich Ihnen zum Schluss einen Witz erzählen? Ein Gerechter kommt in den Himmel. Nach ein paar Wochen beklagt er sich: In der Hölle würde tagein, tagaus aufs Feinste aufgekocht. Und im Himmel? Gibt es dauernd nur Butterbrot! Sagt Jesus: Ja meinst du, für uns drei werde ich kochen?

(Lacht.) Ich habe die Hoffnung, dass es umgekehrt ist und dass es sich doch lohnt, oben zu kochen.

 

Fürchten Sie persönlich die Vergeltung?

Ich hoffe, dass ich im Jenseits bestehen kann.

 

Das scheint jeder zu denken. Keiner glaubt, dass ihn seine Sünden in die Hölle bringen.

Weil wir immer noch mit der Gnade Gottes rechnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2011)