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Lega Nord stellt Allianz mit Berlusconi infrage

Lega Nord stellt Allianz
Lega Nord stellt Allianz mit Berlusconi infrage(c) EPA (Daniel Dal Zennaro)
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"Es ist nicht gesagt, dass wir an den nächsten Parlamentswahlen mit Berlusconi teilnehmen werden", sagt Lega Nord-Chef Umberto Bossi. Italiens Premier Silvio Berlusconi gerät somit immer mehr unter Druck.

Rom. Michele Novarina ist immer der Erste: Am Donnerstag schon kam er mit seinem Camping-Bus aus Turin angefahren. Seither wartet der 60-jährige Installateur vor der Bühne auf jenes Großereignis, das seit Jahren die Seelen des Lega-Fußvolks wärmt. „Parteichef Umberto Bossi muss weniger auf Berlusconi achten als auf die Leute“, sagt er wütend in die Fernsehkameras. Vielen Menschen, die seit Samstag aus allen Teilen Norditaliens in Pontida zusammenströmen, spricht er aus der Seele.

 

Ganz Italien blickt nach Pontida

Jedes Jahr im Frühling versammeln sich zehntausende Lega-Nord-Anhänger auf einer Wiese in dem lombardischen Städtchen, in den Bergen nordwestlich von Bergamo. Für die Partei hat der Ort eine mythische Bedeutung: Im Jahr 1167 sollen sich hier die Lombardenstämme gegen den ungeliebten Kaiser Friedrich Barbarossa verbündet haben. Historisch verbürgt ist das nicht, doch Bossi erkannte das Potenzial für die politische Folklore.

Zur diesjährigen Versammlung der Leghisti blickt ganz Italien gebannt nach Norden: Von ihr hängt auch die Zukunft der taumelnden Regierung in Rom ab. Nach den triumphalen Regionalwahlen vom vergangenen Jahr – auf über 12 Prozent kam die Partei damals - droht die Lega von Ministerpräsident Silvio Berlusconi mit in den Abgrund gerissen zu werden. Auch sie erlitt bei den Kommunalwahlen im Mai herbe Verluste, ihr Höhenflug wurde erstmals gebremst. Viele an der Basis fürchten nun, dass Berlusconi der Lega zum Verhängnis wird, fordern lautstark, dass Umberto Bossi das Bündnis aufkündigt, ehe es zu spät ist.

Zum ersten Mal muss der 69-jährige, gesundheitlich seit einem Schlaganfall stark angeschlagene Parteichef den Unmut des Parteivolks fürchten. Bei den Referenden vom vergangenen Wochenende, in denen die Italiener über die Zukunft der Atomkraft und die Privatisierung der Wasserversorgung entscheiden durften, stimmte jeder zweite Lega-Anhänger gegen die Pläne der Regierung in Rom.

Die Kluft zwischen der Basis und der politischen Klasse hat sich gefährlich vertieft. „Ich habe einen Zentner faule Tomaten und stinkende Eier dabei, um darunter Bossi zu begraben“, droht ein wütender Parteigänger in einem Blog. „Welche Interessen lassen Bossi noch an Berlusconi festhalten?“ fragt ein anderer. Die Antwort gibt er stellvertretend für viele. „Doch nur die fetten Gehälter, die die Abgeordneten in Rom einstreichen.“

Bis in die Morgenstunden hinein soll der „Senatur“, wie Bossi im lombardischen Dialekt heißt, an seiner Rede gefeilt haben, während tausende bereits auf seinen Auftritt warten. Auf Transparenten fordern die Parteimitglieder, dass sein Innenminister Roberto Maroni Ministerpräsident in Rom werden soll.

 

Ministerien in den Norden verlegen

Als Bossi um kurz nach 12 Uhr endlich die riesige Bühne betritt, ist der Jubel nicht gerade frenetisch. Dann sagt er in seiner seit dem Schlaganfall schwer verständlichen Aussprache so einiges, was das Parteivolk von ihm erwartet hat. Dass die Steuerlast zu hoch ist, dass Silvio Berlusconi ihm zugesichert hat, vier Ministerien nach Norden zu verlegen. Dass er sofortige Steuererleichterungen erwartet, einen Rückzug Italiens aus der Libyen-Mission und überhaupt umfassende Reformen bis zum Ende dieses Jahres.

 

Bossi droht Koalitionspartner

Schließlich droht Bossi Berlusconi auch. „Lieber Berlusconi, über deine Führung wird bei den nächsten Wahlen entschieden, wenn du unseren Forderungen nicht nachkommst.“

Die Lega werde es sich offenhalten, ob sie im Jahr 2013 noch einmal mit ihm antritt. Von einem sofortigen Bruch der Koalition spricht Bossi vorerst aber nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2011)