Walter Barylli ist 90 und feiert so entspannt wie die Förderer der Salzburger Festspiele Geburtstag – darf es aber reineren Gewissens tun.
Der Name Barylli bürgt im Wiener Kulturleben für Qualität. Wer jetzt an ein „Butterbrot“ denkt, hat zwar im Prinzip recht, doch reicht der Horizont weiter. Der Vater des findigen Stückeschreibers, Gabriel Barylli, hat die Wiener Szene schon mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor geprägt: Walter Barylli war vom Ende der Dreißigerjahre bis 1973 Konzertmeister der Wiener Philharmoniker. Eigentlich hatte er an eine Solistenkarriere gedacht, doch machte ihm die Politik einen Strich durch die Rechnung.
Barylli erlebte die Vorbereitungen zum Einmarsch der Hitler-Truppen mit, als er aus München nach Wien fuhr, um für die Konzertmeisterstelle vorzuspielen. An eine Solo-Laufbahn war unter den gegebenen Umständen nicht zu denken. Das Orchester aber nahm den jungen Mann mit offenen Armen auf. Er enttäuschte die Hoffnungen nicht, die man in ihn setzte. Am ersten philharmonischen Pult, aber auch als Quartett-Primarius, später dann als Lehrer erwies sich Barylli als ein musikalisches „Alpha-Tier“. Bis heute hat er seinen energetischen Geist nicht verloren. Am 16. feierte er seinen Neunziger.
Womit die Zwischentöne von der Gratulation nahtlos zur Schelte übergehen dürfen, denn es läuft nicht alles gradlinig ab bei Geburtstagsfeiern im Kulturland Österreich. Zwar bleibt man längst sicher im Trockenen, wenn man in der Salzburger Felsenreitschule feiert. Zum Beispiel den 50. Geburtstag der Freunde der Festspiele, die eben ein neues Schiebedach für den beliebten Spielort finanziert haben. Selbiges lässt sich geräuschlos öffnen und schließen. Bei Schönwetter kann die Felsenreitschule also wieder eine Freiluft-Arena sein wie einst.
Das zelebrierte man gebührend mit einem Konzert der Camerata unter Leopold Hager, mit etlichen Ansprachen und Anekdoten-Erzählungen. Das Einzige, was man dem Publikum weder schriftlich noch mündlich mitteilte, war die Tatsache, dass der im Programmheft angegebene Tenor krankheitshalber nicht singen konnte.
Eine Absage kann schon einmal vorkommen, doch wird es problematisch, wenn zum Gedenken an Festspiel-Pionier Bernhard Paumgartner eine von diesem ergänzte Mozart-Arie auf dem Programm steht. Wer kann die singen? Auf Festspielniveau?
Herbert Lippert, allzeit streitbar, war bereit, das heldische Epos über die „Tausend Drachen mit aufgesperrtem Rachen“ zu bewältigen und wurde allseits heftig beklatscht – er hat aber den Jubel unter falschem Namen geerntet. Der scheidende Festspiel-Intendant Jürgen Flimm hatte angesichts seiner eigenen Uninformiertheit sogar ein Scherzchen auf den Lippen. Könnte sein, dass Künstler sich derartige Entgleisungen nicht immer gefallen lassen. Dann könnten die Festspiele auch einmal bei geschlossenem Schiebedach im Regen stehen bleiben.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2011)