Debatte: Testschimpansen ins Ausgedinge?

(c) EPA (Steffen Schmidt)
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In den Vereinigten Staaten eskaliert ein Streit darüber, ob medizinische Forschung an unseren nächsten Verwandten noch nötig – und ethisch zu rechtfertigen ist. Die öffentlichen Zweifel daran ist gewachsen.

Nur noch in zwei Staaten der Erde darf invasiv an Schimpansen geforscht werden. „Invasiv“ heißt etwa, dass an den Tieren Medikamente und Impfstoffe für Menschen entwickelt und getestet werden – und die beiden Staaten heißen Gabun und USA. In Letzterem werden 734 Individuen in Primatenzentren gehalten, offenbar nicht genug: Letztes Jahr ordnete die Gesundheitsbehörde NIH, die die Forschung an Schimpansen mitfinanziert, die Reaktivierung von 186 Tieren an, die schon im Ausgedinge lebten. (Schimpansen werden alt, in Gefangenschaft um die 50 Jahre; zwei Darsteller von Tarzans „Cheetah“ sollen gar hoch in den Siebzigern sein, aber ihre Geburtsdaten sind ebenso hoch umstritten.)
Der Schuss ging nach hinten los, nicht nur Tierschützer protestierten, auch im US-Parlament wurde ein Gesetzentwurf zum Verbot der Tests an Schimpansen eingebracht, der „Great Ape Protection and Money Savings Act“. Entworfen hat ihn der republikanische Abgeordnete Roscoe Bartlett, ein Arzt, der in den 1960er-Jahren für die Nasa und das Militär selbst mit Schimpansen arbeitete. Damals war die große Zeit dieser Forschung: Den Schimpansen war es schon in den 1950er-Jahren zu danken, dass ein Impfstoff gegen Kinderlähmung kam; sie brachten auch noch 1976 Carleton Gajdusek den Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung, dass Hirnkrankheiten wie Scrapie und Kuru (und später: Rinderwahn und Creutzfeldt-Jakob-Krankheit) durch infektiöse Erreger übertragen werden. Mitbetreut hatte Gajduseks Tiere der 17-jährige Tierpfleger Thomas Rowell.
Heute ist er Chef des „New Iberia Research Center“, in dem 360 der US-Schimpansen gehalten werden. „Wie können wir die Pharmaindustrie dazu bringen, offenzulegen, dass sie unsere Schimpansen nützt?“, fragte er auf einem Treffen mit Chefs anderer Primatenzentren, und: „Können wir wenigstens ein paar solide Beispiele dafür beibringen, dass Schimpansen die Entwicklung eines Medikaments beschleunigten?“ Aber die Industrie bleibt still, eine der großen Firmen, Glaxo-Smith, schwor 2008 der Schimpansenforschung ab, sie sei nicht mehr zeitgemäß, man brauche sie nicht mehr.

Nur noch ein Pro-Argument: Hepatitis C

„Es gibt kein Argument dafür“, urteilt auch Bartlett. Aber Rowell hat doch noch eines: Hepatitis C. Diese Krankheit, die weltweit 170 Millionen Menschen im Jahr befällt, bringt Leberschäden und Krebs, ihr Erreger, ein Virus, wurde 1989 in Schimpansen identifiziert, in ihnen vermehrt es sich, in anderen Tieren nicht. Deshalb sollen sie wieder zu einem Impfstoff verhelfen, wie zuvor schon bei Hepatitis B (Nature, 474, S. 268).
Aber Hepatitis C ist auch das einzige Argument, und der Hintergrund der Debatte hat sich völlig gewandelt: Parallel zum sinkenden technischen Nutzen der Schimpansen sind die öffentlichen Zweifel daran gewachsen, ob man unseren nächsten Verwandten, der seinem Namen immer mehr Ehre macht – er kommt aus einer Bantu-Sprache und lässt sich mit „Schein-Mensch“ übersetzen –, überhaupt als Testobjekte für technische Anwendungen verwenden darf. 1997 hat Großbritannien die invasive Forschung verboten, im Vorjahr folgte die gesamte EU (weshalb europäische Pharmafirmen in den USA testen lassen).
Und als in den USA in einer verdeckten TV-Dokumentation üble Haltungsbedingungen gezeigt wurden – narkotisierte Tiere fielen vom Tisch auf den Boden, ein Schimpanse wurde geschlagen –, stieg auch dort der öffentliche Druck. Mit der Reaktivierungsaktion des NIH stieg er weiter. Um ihn zu mildern, gab die Behörde ein Gutachten in Auftrag, das explizit auf die Frage beschränkt bleibt, ob Schimpansenstudien aus technischen Gründen nötig sind. Das geht sogar Nature zu weit: „Es gibt keinerlei Erwähnung der ethischen Aspekte, von den zwölf Mitgliedern des Komitees ist nur einer Bioethiker“, zürnt ein Editorial: „Das NIH mag wünschen, dass man Wissenschaft von Ethik scheiden kann, aber die Öffentlichkeit wird das nicht akzeptieren. Wenn das NIH die ethischen und Tierschutzfragen, die in der öffentlichen Meinung so klar vorherrschen, nicht aufnimmt, wird das Parlament es tun und die Forschung verbieten.“

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