Von .apple bis .wien. Wer das nötige Kleingeld hat, darf seine Internetadresse künftig mit jedem Wort enden lassen. Icann gab die Endungen der Adressen im Netz frei. Firmen fürchten Probleme beim Markenschutz.
Singapur. 25 Jahre lang haben Internetadressen mit der Endung .com die digitale Welt dominiert. Entsprechend schwer wurde es zuletzt, noch eine gute Anschrift zu ergattern. Seit Montag soll dieses Problem gelöst sein: Die offizielle Internet-Adressverwaltung Icann gab die Endungen der Adressen im Netz frei. Das schafft mehr Platz im Web, bringt aber auch rechtliche Probleme mit sich.
Wunschkennzeichen im Internet
Von .susi bis .strolchi soll künftig jedes beliebige Wort zur sogenannten Top Level Domain (TLD) taugen. Firmen, Gemeinden und Organisationen können sich zwischen 12. Jänner und 12. April 2012 um ihr „Wunschkennzeichen“ im Netz bewerben.
Vorausgesetzt, sie haben 185.000 US-Dollar bei der Hand, können die technische Befähigung nachweisen und sind bereit, das 360 Seiten starke Anmeldeformular auszufüllen. Für Entwicklungsländer stehen zwei Mio. Dollar als Unterstützung bereit, sollten sie sich diese die Gebühren nicht leisten können.
Sechs Jahre lang hat die Organisation um diese Einigung gerungen. Entsprechend groß war die Euphorie am 41. Treffen in Singapur. Doch nicht alle sind von der neuen Freiheit im Netz begeistert. Die USA hatten schon im Vorfeld versucht, das Projekt zu torpedieren. Auch Gerard de Graaf von der EU-Kommission attackierte Icaan noch am Wochenende: Er sei nicht sicher, ob er zu „Schwerhörigen oder Dummen“ spreche, ließ der Brüsseler Beamte wissen. Hintergrund ist die Sorge mancher Unternehmen, dass Markenschutz im Internet künftig unerschwinglich werden könnte.
Firmen müssten hunderte Millionen ausgeben, um billige Kopien wie coke.paris oder google.wien zu verhindern, errechnete die „Coalition Against Domain Name Abuse“ noch vor wenigen Tagen. Icann hat das Problem erkannt und verspricht Firmen, ihre Namen zu schützen. Zumindest dann, wenn die Unternehmen nachweisen, dass sie ihre Marken auch verwenden. Wer immer etwa die Top Level Domain .wien ergattert, dürfe „geschützte“ Adressen wie porsche.wien oder omv.wien dann nicht an jeden verkaufen.
Apple gegen Apfelbauern?
Viele Unternehmen sehen in der Öffnung ohnedies eine Chance, einen eigenen Bereich im Internet abstecken zu können und dadurch die eigene Marke zu stärken. Facebook, Canon und eBay haben bereits Interesse angemeldet.
Doch auch hier sind Streitfälle vorprogrammiert: Denn wem gehört etwa .apple? Dürfen britische Apfelbauern um die Endung ansuchen, ohne fürchten zu müssen, dass der Konzern aus Cupertino sein Heer an Anwälten in Stellung bringt? Prinzipiell sieht das Regelwerk vor, dass Unternehmen Vorrang haben, wenn sie ihren Namen als Endung registrieren wollen. Nicht aber, wenn es eine Organisation gibt, die ebenfalls berechtigtes Interesse anmeldet. Der Konzern könnte durchaus gegen die Apfelbauern den Kürzeren ziehen, sagt Katrin Ohlmer von der Domain-Beratung dotzon. Endungen wie .shop oder .music, an denen wohl viele Firmen interessiert sein werden, auf die aber niemand ein Anrecht hat, werden an den Bestbieter versteigert.
Auf bisherige Domain-Endungen wie etwa .at werde die neue Regelung keine negativen Auswirkungen haben, erwartet Richard Wein, von nic.at, Österreichs Registrierungsstelle für Internetadressen. Nic.at selbst will sich als technischer Dienstleister für neue Domain-Inhaber positionieren. Die Bewerber für .hamburg und .berlin hat nic.at bereits unter Vertrag.
Bis dato waren alle Versuche, zusätzliche Endungen zum Branchenführer .com einzuführen, nur bedingt erfolgreich. Mit 89,2 Millionen neuen Registrierungen seit 2001 hält .com immer noch 71 Prozent des Marktes. Zum Vergleich: Internetseiten, die mit .museum, eine von 22 generellen Top Level Domains, enden, gibt es gerade einmal 553.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2011)