Viel zu leicht, fern der Realität: Der zweite Bankenstresstest wurde heftig kritisiert. Jetzt zieht die EU-Aufsicht die Zügel an: Ein Griechenland-Ausfall wird mit 36 Prozent Wahrscheinlichkeit einkalkuliert - ein Tabubruch.
Wien/Red. Der europäische Bankenstresstest hatte noch selten eine gute Presse. Kurz nach dem ersten Versuch im Juli vorigen Jahres beantragten irische Großbanken Staatshilfen in Milliardenhöhe, obwohl sie den Test anstandslos bestanden hatten. Heuer sollte alles besser werden, versprachen die Prüfer der EU-Aufsichtsbehörde EBA: strenger, seriöser, transparenter. Aber als Anfang März die neuen Kriterien bekannt wurden, war die Enttäuschung groß: Ausgerechnet das größte und wahrscheinlichste Risiko, nämlich ein (Teil-)Ausfall von griechischen Staatsanleihen, sollte weiterhin unberücksichtigt bleiben. Damit aber, so der Tenor von Analysten und Kommentatoren, sei der „Streicheltest“ eine ziemlich realitätsferne Veranstaltung mit wenig Aussagekraft über die wahren Gefahren.
Auch das Bankbuch wird bewertet
Nun scheinen sich Europas oberste Finanzaufseher die Kritik zu Herzen zu nehmen. Wie eine Sprecherin der Behörde bestätigte, wurden die 91 Banken aufgefordert, die Ausfallswahrscheinlichkeit und die Höhe der Verluste von langfristigen Investments so zu bestimmen, dass sie „mit der Entwicklung der Risken [...] übereinstimmen“. Wie denn auch sonst, fragt sich der Laie. Aber genau darum ging es: Mit den „langfristigen Investments“ sind vor allem Staatsanleihen gemeint. Mit 90 Prozent von ihnen handeln die Banken nicht kurzfristig, sondern behalten sie bis zum Ende der Laufzeit. In diesem Fall werden sie im sogenannten „Bankbuch“ angeführt und nur dann wertberichtigt, wenn sich ein dauerhafter Ausfall abzeichnet – im Gegensatz zu den Wertpapieren im „Handelsbuch“, die automatisch zu den aktuellen Marktpreisen zu bewerten sind. Mit diesem Argument blieben Bankbuchpapiere bisher vom Test verschont.
Nun werden sie einbezogen. Und es bleibt den Banken auch nicht überlassen, wie sie die „Entwicklungen der Risken“ im Falle Griechenlands einschätzen: Mit einer Ausfallswahrscheinlichkeit von 36 Prozent sei bei griechischen Staatspapieren zu rechnen, gibt die EBA vor. Das berichten Reuters und die „Financial Times Deutschland“ (FTD) unter Berufung auf Insider. Wie es zu diesem Wert kommt, ist nicht bekannt. Zum Vergleich: Für Deutschland liegt die offizielle Pleitegefahr bei 0,03 Prozent.
Termin auf 13. Juli verschoben
Damit wird erstmals das Undenkbare offiziell gedacht. Das war den Aufsehern bisher politisch zu heikel. Denn: Wenn sie einen Ausfall von Staatsanleihen ins Kalkül ziehen, unterstellen sie indirekt, dass der Euro-Rettungsschirm nicht wirklich rettet und beschirmt. Offiziell heißt es aber aus Brüssel, dass ein ungeordneter Zahlungsausfall eines Eurostaates auf jeden Fall verhindert wird.
Die Verschärfung der Kriterien ist damit nicht nur ein Tabubruch, sondern verwandelt den sonst eher technischen Test zu einem Politikum. Und sie macht den zuletzt nur noch belächelten Stresstest wieder um einiges relevanter. Die Einsicht der Aufseher kommt spät. Denn eigentlich sollte der Stresstest Ende Juni bereits abgeschlossen sein. Doch nun wurde der Termin der Veröffentlichung auf den 13.Juli verschoben. Die Begründung: Viele Institute hatten unrealistische Annahmen getroffen und Daten abgeliefert, die mit jenen anderer Banken nicht zusammenpassten. Vor allem die Angaben deutscher Landesbanken hatten den Prüfern Kopfzerbrechen bereitet; zumindest diese Daten sollen mittlerweile so korrigiert sein, dass die Aufsicht damit leben kann.
Die härteren Bedingungen dürften bei den Instituten auf wenig Gegenliebe stoßen. Die EBA fällt ihnen zunehmend lästig, sie klagen über die allwöchentlichen und zeitraubenden Nachfragen der Prüfer. Aber auch unter Experten stößt die härtere Gangart nicht nur auf Gegenliebe. Manche befürchten, dass das gebrochene Tabu zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird – wenn man mit einem Bankrott rechnet, dann kommt er auch. Dann verfehlte der Stresstest seinen Zweck, die Märkte zu beruhigen, ohne zu lügen. Oder, wie die FTD den Unicredit-Analysten Luis Maglanoc zitiert: „Das geht vollkommen nach hinten los.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2011)