Zwei bulgarische Designer und ihr Haute-Couture-Label "On Aura Tout Vu" sorgen für frischen Wind in Paris.
Wenn sie überleben will, braucht die Haute Couture frische Talente, meinte Didier Grumbach im Gespräch mit dem „Schaufenster“ Anfang dieses Jahres. Und als Präsident der französischen Couture-Fédération weiß Herr Grumbach natürlich, wovon er spricht. Die Entwicklung war freilich in den letzten Jahren gegenläufig: Sogar unter den großen Häusern gibt es nur mehr wenige, die sich den Pomp einer Haute-Couture-Präsentation leisten wollen.
Die Kassen werden ohnehin von Schuhen, Handtaschen und Parfums zum Klingeln gebracht; und für einschlägige Fashion-Credentials reicht das Ausrichten einer Prêt-à-porter-Schau allemal. Dabei entspräche die Haute Couture so gut dem Zeitgeist, weil: keine massenweise Vorproduktion, hochwertige Materialien regionalen Ursprungs, Handwerkskunst. Und auch die Preise ließen sich auf ein Niveau in der Nähe von Markenkonfektion drücken, wenn auf Luxus pur bei Stoffen, Stickereien und Konsorten verzichtet würde. Außerdem bietet die Pariser Haute-Couture-Woche gerade kleineren Labels den Vorteil, dass aufgrund eines lockeren Showkalenders das Fachpublikum viel aufnahmefähiger ist. Anne Valérie Hash und Felipe Oliveira Baptista sind Beispiele für Designer, die es geschafft haben, die Couture als Sprungbrett in die internationale Spitzenliga zu nutzen. Mit Lady-Gaga-kompatibler Mode schickt sich ein bulgarisches Kreativduo an, es ihnen gleichzutun.
Gestaltungswille. Schon Mitte der Neunzigerjahre wurde das Label „On Aura Tout Vu“ („Alles schon gesehen“) aus der Taufe gehoben, damals trafen sich der Portugiese André de Sà Pessoa und der Bulgare Yassen Samouilov. „In den ersten paar Jahren haben wir Accessoires für große Häuser entworfen, zum Beispiel Dior, Lacroix oder Givenchy, und damit unsere eigene Kollektion finanziert“, erinnert sich Samouilov. Später stieß die Künstlerin Livia
Stoianova, ebenfalls eine Bulgarin, zu den beiden, und das Trio eröffnete als Anhängsel der jungen Marke einen schöngeistigen Salon: „Unser Traum war ein offener Raum, in dem Kunst und Mode zueinanderfinden, auch Lesungen gab es dort. Damit haben wir übrigens angefangen, noch bevor es Colette gab“, erzählt Samouilov. „Als wir dann aber 2002 unsere erste Haute-Couture-Kollektion machten, mussten wir unsere Energien bündeln und haben den ‚Espace On Aura Tout Vu‘ wieder eingestellt.“ Drei Jahre später traf ein Schicksalsschlag das junge Couture-Haus, denn André de Sà Pessoa verstarb Ende 2005 an einem Gehirntumor, Samouilov und Stoianova beschlossen jedoch, die Marke weiterzuführen. Neben der Haute Couture gibt es auch eine Prêt-à-porter-Kollektion, Handtaschen und Schmuck. „Die Couture liegt uns am Herzen, weil wir uns da die größten gestalterischen Freiheiten nehmen können“, unterstreicht Livia Stoianova – und ihr Kollege schickt nach: „Es geht aber um mehr als nur die Gelegenheit, eine Show zeigen zu können. Unsere Couture-Roben verkaufen sich auch.“
Diskreter Charme. Ihre Kundinnen seien „diskrete Frauen“, meint Yassen Samouilov zunächst, wobei ihm Livia Stoianova lachend ins Wort fällt: „Diskret vielleicht nicht gerade, aber es handelt sich nicht nur um irgendwelche Stars, die damit über den roten Teppich schwirren.“ Nach dem Defilee schickt ihnen ein Model auch einmal ein SMS mit Dankesworten und zeigt sich ergriffen, sie beide, „zwei so besondere Menschen“, kennengelernt haben zu dürfen. Tatsächlich umgibt das Duo eine Aura von ungezwungener Freundlichkeit, die keineswegs nur Fassade sein dürfte; bei ihren Shows sitzen neben den üblichen Verdächtigen auch Jungfamilien komplett mit Kind, Hund und Kegel im Publikum. „Wenn man ohne Liebe an die Sache herangeht, sollte man es lieber lassen“, fasst Livia zusammen. „Natürlich kann man alles Mögliche ausprobieren, am Ende zählt aber, ob man sich auf eine Sache wirklich versteht oder nicht.“
Vielseitig sind die beiden allemal, denn ihr kleines Maison ist in erstaunlich vielen Bereichen präsent – nicht zuletzt dank verschiedener Ko-Branding-Projekte, bei denen „On Aura Tout Vu“ gemeinsam mit Kooperationspartnern auftritt. Für den Parfumhersteller Caron entwerfen Livia und Yassen Flakons, „ganz am Anfang haben wir auch einen eigenen Duft herausgebracht“, erinnert er sich, „der wurde aber nur in zwei oder drei Boutiquen vertrieben. Dann hat uns irgendwer erklärt, wie das im Beautybusiness läuft und was die Mindeststückzahlen sind, damit so eine Unternehmung rentabel ist. Also haben wir die Angelegenheit recht schnell wieder ad acta gelegt.“
Cancan-Gadgets. Prominentester Partner von „On Aura Tout Vu“ ist übrigens ein durchaus illustres Etablissement, nämlich das Pariser Moulin Rouge. Und weil, wer einmal dort eine Revue gesehen hat, auch gern ein Souvenir mitnimmt, verkauft sich die hauseigene Merchandise wie die warmen Semmeln. Pardon, der kalte Champagner, der dort ebenfalls in Strömen fließt.
Das bedeutet eine willkommene Einnahmequelle für das Label, das sich im unterstützungsarmen und knallharten französischen Markt nicht ohne Kooperationsprojekte halten kann. „Nach der letzten Couture-Show war auch der Kreativdirektor vom Nobelkaufhaus Printemps bei uns und hat wegen einer möglichen Zusammenarbeit 2013 angeklopft“, erzählt Yassen Samouilov nicht ohne Stolz. Alles gesehen hat man von „On Aura Tout Vu“ also bestimmt noch lange nicht.
Haute Couture in Paris, die Defilees finden von 4. bis 7. Juli statt.