Es war schön mit dir

Wien in den 1930er-Jahren: Zwei junge Menschen finden zueinander und verlieren einander wieder aus den Augen. Der Künstler Robert Haas muss als Jude 1938 fliehen. Trude Karnitschnigg bleibt. Als 80-Jährige finden die beiden wieder zueinander: in Briefen.

Es ist eine Liebesgeschichte. Er, der bekannte österreichische Buch- und Schriftkünstler, Grafiker und Fotograf Robert Haas, sie, die weltoffene, sprachbegabte und kulturinteressierte Sekretärin Trude Karnitschnigg. Ihre Geschichte beginnt Anfang der 1930er-Jahre in Wien. Ein Foto zeigt die beiden im Juni 1932 an der Donau bei Greifenstein. Sie liegen im Sand, die Köpfe ganz nahe beieinander, Haas mit weißem Hemd und Hose, Karnitschnigg im Badeanzug. Trude Karnitschnigg wird von vielen Männern umworben. Haas ist ein attraktiver, umtriebiger junger Künstler, gut vernetzt in der Wiener Kulturszene. Die Liaison beginnt vielversprechend und leidenschaftlich. Und doch endete die Beziehung schon wenige Jahre später abrupt. 1935 trennen sich ihre Wege und die beiden verlieren sich aus den Augen. Für Jahrzehnte.

Als über 80-Jährige finden sie wieder zueinander. Er, als Jude 1938 aus Wien vertrieben, inzwischen verheiratet, lebt nun in New York. Sie, inzwischen verwitwet, ist in Österreich geblieben und lebt in der Nähe von Wien. „Lieber Robert, erinnerst du dich noch an die Trude, ,das Mädchen‘, wie du mich nanntest?“ Diese Zeilen schreibt sie ihm am 17. Februar 1983 – knapp ein halbes Jahrhundert nach ihrer Trennung in Wien. In der „Presse“ war sie zwei Tage zuvor zufällig auf einen Artikel über ihren Robert Haas gestoßen. Er würde, so hieß es darin, demnächst nach Wien kommen, um eine Ausstellung seiner künstlerischen Arbeit im Museum für angewandte Kunst zu eröffnen – die erste und einzige in seiner alten Heimat. Die Antwort kommt schnell: „Meine liebe Trude, natürlich weiß ich und erinnere ich mich mit Liebe an dich. Mein liebes Mädchen! Ich habe, als die Ausstellung zustande kam, oft an dich gedacht, ob ich dich wohl wiedersehen werde. Du musst zur Eröffnung kommen!“ Trude Karnitschnigg antwortet gleich: „Mein lieber Robert, hab ganz herzlichen Dank für deinen Brief, ich bin ganz aufgeregt, sehr glücklich. Ja, ich freue mich sehr auf ein Wiedersehen, nach wie vielen Jahren? Weißt du, dass ich deinen Ring immer trage?“

Mich hat der Zufall auf die Spur dieses Paares und dieser Korrespondenz geführt. Am Beginn der Recherche standen ein Bündel Briefe und eine Handvoll Fotos von Trude Karnitschnigg. Matthias Beitl, Besitzer ihres Nachlasses, hat mich auf die kleine Sammlung aufmerksam gemacht. Ich war mit der Vorbereitung einer Ausstellung zur Fotografin Trude Fleischmann beschäftigt und auf der Suche nach ihren Fotos. Ein wunderbares Bild in dem Konvolut stammt von Fleischmann. Es zeigt Karnitschnigg in jungen Jahren – als Nofretete verkleidet. Der Kontakt zur Fotografin war über Haas zustande gekommen, der mit Fleischmann befreundet war. Karnitschnigg kannte ich bis dahin nicht, Haas sehr wohl.

Es sind zwei höchst unterschiedliche Lebensgeschichten, die sich Anfang der 1930er-Jahre kreuzten. Er, Haas: Geboren 1898 in Wien, sollte eigentlich Techniker werden, aber es verschlug ihn zur Kunst. Während des Studiums an der Technischen Hochschule in Wien besuchte er die Kunstgewerbeschule und die Akademie der bildenden Künste. 1925 eröffnete Haas gemeinsam mit Carry Hauser und Fritz Siegel eine eigene künstlerische Druckerwerkstatt, die „Officina Vindobonensis“. In den 1930er-Jahren arbeitete er höchst erfolgreich als Drucker, Grafiker, Kalligraf, Fotograf, und Ausstellungsgestalter. 1938 war diese Wiener Karriere mit einem Schlag zu Ende. Haas floh nach New York und eröffnete dort 1941 wiederum eine Handdruckerei, die Ram Press, die er mit großem Erfolg bis ins hohe Alter betrieb.

Sie, Karnitschnigg: geboren 1903 in Mödling, Lyceum, Frauenschule, Sprachausbildung, 1927 bis 1929 in Paris, dann Sekretärin in Wien, zunächst bei der Österreichischen Zuckerindustrie AG, dann bei der schwedischen Botschaft. Nach dem Krieg konnte sie beruflich nur mehr schwer Fuß fassen. Sie war bis Anfang der 1950er-Jahre als Übersetzerin und Sekretärin bei diversen Film- und Modezeitschriften und beim Freundeskreis der Akademie der bildenden Künste tätig. 1951 heiratete sie, das berufliche Leben ließ sie hinter sich.

Zurück zu den Briefen: Jene von Haas an Karnitschnigg waren also da. Sie erzählen eine Hälfte der Geschichte. Ich wollte aber auch die andere Hälfte kennenlernen, jene Briefe, die Karnitschnigg an Haas geschrieben hatte. Nach einigen Recherchen wurde ich fündig. Nun ist er also wieder komplett, der Briefwechsel. Und es ist eine berührende Dokumentation. Zwei Menschen, die sich in jungen Jahren nahestanden, kommen einander nach getrennten Leben im Alter wieder näher. Zwischen den Zeilen wird die alte Liebe wieder lebendig und inmitten der Erinnerungen entsteht eine neue Zuneigung, eine Verliebtheit, zwischen der 80-jährigen Trude und dem 84-jährigen Robert. Sie berichten von sich, von ihren persönlichen Geschichten. Aber hin und wieder blitzen auch die politischen Zeitumstände auf, die ihre Lebensläufe so sehr prägten: der nationalsozialistische Terror, der Haas aus Wien vertrieb, der Krieg.

Am 24. März 1983 ist die Vernissage der Robert-Haas-Ausstellung im Museum für angewandte Kunst. Haas kommt mit seiner Familie nach Wien. Es ist sein zweiter Besuch in seiner alten Heimat, 1977 war er zum ersten Mal wieder nach Wien gereist. Auch Trude Karnitschnigg ist am Abend der Eröffnung anwesend. Es kommt zu einem kurzen Wiedersehen. Wochen später schreibt Haas an Karnitschnigg. „Es war so schön, dich wiederzusehen. Verzeih, dass ich so kurz war, aber ich war nervös und hin und hergezogen. So konnte ich dich nicht einmal mit meiner Frau bekannt machen. Ich bin jetzt zurück und versuche mich von den Anstrengungen zu erholen, geistig und körperlich war es für mich doch zu viel. Am Samstag werd ich ja 85.“

Zwei Wochen später antwortet ihm Karnitschnigg. Sie ist enttäuscht, hatte sich erwartet, dass sie einander in Ruhe und länger wiedersehen könnten. Im selben Brief sagt sie ihrem Robert endgültig adieu: „Dies ist wohl das Letzte, was wir einander geben, was wir einander nehmen können. Du hast deine Familie, hast ein erfülltes Leben gehabt – ich wünsche dir von Herzen alles, alles Gute und Liebe. Leb wohl, Robert, deine Trude.“ Der Briefwechsel könnte hier zu Ende sein. Aber zwei Wochen später, am 1. Mai, antwortet ihr Haas, entschuldigend, nachfragend, neugierig: „Ja, mein liebes Mädchen, ,es geht wohl anders, als man meint‘, sagt Eichendorff so schön in seinem Gedicht. Du darfst nicht böse oder verletzt sein; ich war nicht ich selbst in Wien. Zu viel aufregende Arbeit für so einen alten Kracher, Enttäuschungen mit der Museumsdirektion et cetera, et cetera. Also verzeih, dass ich dich nicht wieder sprechen konnte und so verwirrt war.“ Und er ergänzt: „Ich wüsste gern über dein Leben von 1935 an – durch den Krieg und so. In alter Liebe, dein Robert.“ Trude Karnitschnigg lässt sich mit ihrer Antwort Zeit, Haas insistiert nicht weiter. Doch dann, am 24. Juli, schreibt sie ihm. „Ich schrieb dir einen Abschiedsbrief, der letzte, dachte ich. Da antwortetest du so lieb und gütig; da stand wieder der alte Robert vor mir und meinte, wir könnten doch wenigstens schriftlich in Verbindung bleiben. Ja, von Herzen gern.“ Und sie kommt auf einen wunden Punkt zu sprechen, den beide nur zaghaft berühren: das Jahr 1938, den Nationalsozialismus, den Krieg. Diese Ereignisse haben, mehr noch als die Auflösung der Liebesbeziehung wenige Jahre zuvor, eine Wand zwischen die beiden Lebensgeschichten geschoben. Karnitschnigg: „Nun denke ich, ich hätte dich irgendwie beleidigt, getroffen, vielleicht habe ich mich ungeschickt ausgedrückt als ich schrieb: Wenn du gut weggekommen bist (1938), deine Arbeiten retten und wieder Fuß fassen konntest, dann hättest du, abgesehen vom Verlust der Heimat, ein leichteres Leben gehabt als wir hier, unter Bomben, Hunger und zehn Jahren Russen. Hat dich dies gekränkt? Es war doch nicht böse gemeint, ich wäre froh, du hättest es leichter gehabt. Also, bitte, lieber Robert, erzähle mir einmal kurz, wie dein Lebensweg verlaufen ist.“ Haas wenige Wochen später, am 24. August: „Du willst wissen, was seit 1938 geschehen ist, und dazu bräuchte ich viel Zeit. So viel ist geschehen, Gutes und Böses, meist Gutes, weil ich ja ein Glückspilz bin.“ Und er erzählt von seinen Eltern, die es schafften, nach Palästina zu entkommen, von seinem Bruder Georg, dem Paläontologen, der in Jerusalem Professor wurde, vom Bruder Paul, dem Lebensmittelchemiker, der ebenfalls in Palästina Fuß fassen konnte. Und dann von sich selbst, von der Flucht nach London, wo er ein halbes Jahr auf das Visum nach Amerika warten musste, von seinem schwierigen beruflichen Neuanfang in New York, von seiner Frau und den Kindern. Und von seinen Freunden, von denen fast keiner mehr lebt. Er schließt: „Verzeih die schlechte Handschrift. Es geht nicht mehr so gut wie eh und je, alles Liebe, dein Robert.“

Karnitschnigg am 1. September: „Ich glaube, wir sind aus der Zeit die einzig Übriggebliebenen, Clemens Holzmeister starb vor Kurzem, 97 Jahre alt, wer ist noch da? Von meinen Bekannten niemand mehr, nur Carry Hauser, wie du schreibst. Ich glaube, ich bin so eine Art lebende Brücke in die Vergangenheit.“ Eine lebende Brücke in die Vergangenheit. Damit hatte sie wohl den Kern ihrer Wiederannäherung getroffen. Beide zehren von ihren gemeinsamen Erinnerungen, die nun stückweise wieder auftauchen. Beide beschwören den Verlust, die Trennung, sie meinen ihre persönliche Trennung, aber dahinter steht wohl auch das Wissen um die tiefe Spaltung der österreichischen Gesellschaft, die Zerstörung und Verfolgung der jüdischen Kultur, die das Jahr 1938 herbeiführte. Über dem Briefwechsel schwebt das große Trauma der österreichischen Geschichte, der Nationalsozialismus. Robert und Trude gehen aufeinander zu, aber sie bleiben einander auch fremd. Weil der eine gehen musste und die andere blieb.

Im Herbst 1983 wird der Briefwechsel intensiver. Oft schreiben sie einander mehrmals im Monat. Dazwischen ruft Haas sie immer wieder an. Er fragt nach ihren finanziellen Verhältnissen, sie erzählt von ihrem verstorbenen Mann, ihrer Rente und dem Haus, das sie mit ihrer Schwester bewohnt. Und von ihrer Opernbegeisterung seit früher Jugend, ihrer Begeisterung für Placido Domingo. „Töricht in meinem Alter? Aber er hat eine wunderbare Stimme und ist sehr attraktiv. Lach mich nicht aus, bitte!!“

Haas teilt die Liebe zur Musik. Er schickt Karnitschnigg Schallplatten und einen Bildband zu Placido Domingo. Und: Er erkundigt sich nach dem Aussehen seiner alten Wiener Werkstätte. „Ich lege auch das Foto der Officina bei und die Skizze eines Lageplanes, solltest du wirklich so lieb sein nachzuforschen.“

Am 15. September kommt Haas dann auf ihre verflossenen Liebesbeziehungen zu sprechen, auf einen Rivalen, den er damals „Nebenbulle“ nannte, auf Sergius Pauser, dem eine Liaison mit Karnitschnigg nachgesagt wurde. Freimütig bekennt sie in ihrem nächsten Brief: „Ja, andere Männer gab's, dein Nachfolger war (wie auch die anderen) deiner würdig, ein Graf Herberstein, groß, blond, blauäugig, ein ,schöner Mann‘; der letzte Mann vor meiner Eheschließung mit Dr. Roderich Wurdinger war der Chefredakteur der illustrierten Zeitschrift ,Film‘, die Willi Forst herausgab. Ich arbeitete als Übersetzerin, da ich neben Englisch und Französisch ja auch noch Schwedisch und Italienisch übersetzen konnte.“ Und auch sie fragt nach seinen Beziehungen: „Meine ,Nachfolgerin‘, Olivia, was war und ist mit ihr?“

„Heute fängt's an, ein bisschen winterlich zu werden, der erste Schnee fiel, vorher regnete es nach sechs Monaten Dürre, die Donau war nicht mehr schiffbar, es war der trockenste und heißeste Sommer seit 123 Jahren.“ Dies berichtet Trude Karnitschnigg am 1. Dezember. Und sie setzt fort: „Hast du dein Atelier bei deiner Wohnung? In welchem Teil New Yorks? Hast du manchmal Heimweh? So vieles möchte ich dich fragen, dir erzählen.“

Die Rückkehr in die Jugend ist für beide eine emotionale Achterbahn, faszinierend und gefährlich zugleich. Es ist eine große Vertrautheit da, und doch ist der Boden, auf dem sie sich bewegen, schwankend. Beide wissen, dass sie die Brüche der Vergangenheit nicht kitten können, nicht ihre eigenen und nicht die der großen Geschichte. Und sie wissen auch, dass es für eine nochmalige Begegnung in Wien zu spät ist. So bleiben die Briefe. Sie sind das Vehikel für die gemeinsame Reise ins Märchenland, wie Haas ihre Vergangenheit an einer Stelle benennt.

Am 15. Dezember 1983 kommt Haas noch einmal auf ihre Jugendliebe zurück. Und während er schreibt, kommt er, zurückblickend, wieder ins Schwärmen: „Vielleicht stimmt das gar nicht: Du bist nicht MEIN, du bist nicht LIEB zu mir, und du bist nicht mehr das MÄDCHEN von mir, da du mir mitteiltest, dass ich mehrere Nachfolger hatte – du auch. So leben wir in einem Märchenland, aber es war schön mit dir, nur wolltest du dich nicht entscheiden oder binden, oder wie man das nennen mag. Ich habe dich aber in so guter und warmer Erinnerung, auch in erotischen Dingen. Hier ist mein Christkindl für dich, ich hoffe, ich hab es gut getroffen. Happy New Year! Dein Robert.“ Der Sendung liegen Schallplatten von Placido Domingo bei.

Am Heiligen Abend 1983 berichtet sie ihm, dass es ihr gesundheitlich schlechter gehe, Kreuzschmerzen, der Rücken. Und wieder kommt sie in ihrem Brief auf Olivia, die „Nachfolgerin“, zurück. „Robert, was war mit Olivia, der Amerikanerin, die bei dir arbeitete? Sagtest du mir nicht eines Tages: ,Ich habe mich in Olivia verliebt‘ – war das das Ende? Ach Robert, wie alt war ich damals, 30 oder 32, hätte ich allein bleiben sollen, hattest du das erwartet?“

Ihr Zustand verschlechtert sich, am 1. Februar 1984 schreibt sie nach New York: „Es geht mir derzeit nicht gut, mein altes Rückenleiden, meine Wirbelsäule ist elend, ich habe arge Schmerzen. Das Wetter ist auch so wechselnd, sehr feucht, nicht kalt, meist Glatteis, ich gehe schon drei Tage nicht aus, bin ein bisschen schwankend und habe Angst vor einem Sturz. Aber bald kommt der Frühling mit Sonne und Wärme – dann ist ja auch alles besser.“

So weit sollte es nicht kommen, am 14. Februar, sie liegt im Krankenhaus, diktiert sie ihrer Schwester ein paar kurze Zeilen an Haas: „Lieber Robert! Ich bin schwer krank. Es hat mich sehr gefreut, dass ich dich nach so langen Jahren wiedersehen konnte. Ich danke dir für deine Anrufe, das Buch, die Schallplatten und vor allem für deine lieben Briefe. Ich wünsche dir alles Gute, und wenn es so weit sein wird – einen sanften Tod.“ Einen Tag später, am 15. Februar 1984, stirbt sie.

Robert Haas überlebt seine Trude um mehr als ein Jahrzehnt. Nach Wien kehrt er nicht mehr zurück. Er stirbt am 5. Dezember 1997 in New York. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2011)