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Kirchenschenkung: Christoph Schönborns Albtraum

Kirchenschenkung Christoph Schoenborns Albtraum
Kreuz(c) Fabry Clemens
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Wie tickt der Priester, der es wagt, sich dem Willen des Kardinals zu widersetzen? Weshalb kämpft Tadeusz Cichon in Rom mit allen Mitteln des Kirchenrechts gegen die Aufgabe seines Gotteshauses?

Sieht so ein katholischer Kirchenrebell aus? Er trägt stets römisch korrekt das Kollarhemd – außer vielleicht er wandert, duscht oder schläft gerade. Die schmalen Schultern hängen leicht nach vorne, wenn der 53-Jährige bedächtig auf sein Gegenüber zugeht. Die Stimme ist sanft, alles andere als laut, manche würden sie monoton nennen.

Seine für einen Single eher großzügig dimensionierte Wohnung ist bieder eingerichtet. Die Wände der Zimmer sind mit Bücherregalen verstellt oder großflächig mit goldgerahmten Reproduktionen frommer Gemälde El Grecos verhängt. Dazwischen die eine oder andere Marien-Ikone. Gästen wird Kaffee und Kuchen angeboten, bevor der in Krakau Geborene vielleicht später stolz ein Foto präsentiert: Es zeigt selig lächelnd den damaligen Kardinal Karol Wojtyla, den späteren Johannes Paul II., daneben ihn selbst als Ministranten.

Rebell wider Willen? Sieht so ein katholischer Rebell aus? Sieht so jemand aus, der katholischen Autoritäten ins Angesicht widerspricht? Ja, er sieht genau so aus. Wer sind schon ein gegen die Kirchenspitze wütender Ex-Laienchef Herbert Kohlmaier oder ein Reformen einfordernder Priestersprecher Helmut Schüller gegen diesen Mann, der aus Polen kam: Tadeusz Cichon.

Er leitet jene kleine, in ihrer 250-jährigen Kirchengeschichte bisher unbedeutende Pfarre im katholischen Problembezirk (gibt es in Wien auch andere?) Ottakring, auf die es Schönborn abgesehen hat. Der Kardinal will die Pfarrkirche Neulerchenfeld verschenken – natürlich nicht an irgendeinen Investor, sondern an die serbisch-orthodoxe Geschwisterkirche. Während den Katholiken nach jahrzehntelanger Austrittsbewegung mittlerweile ein, wie es dem Ordinariat scheint, Überangebot an Kirchen zur Verfügung steht, müssen sich 93.000 Serbisch-Orthodoxe mit drei Gottesdienststätten begnügen.

Kardinal Schönborn hat dem serbisch-orthodoxen Patriarchen Irinej I. bei dessen Wien-Besuch im vergangenen September die Übergabe der Kirche Neulerchenfeld in die Hand versprochen, im Jänner eine entsprechende Absichtserklärung und später das offizielle Dekret unterzeichnet. Dieser Tage sollten Gotteshaus und angrenzendes Pfarrhaus geräumt werden, die Gemeinde der benachbarten Pfarre Maria Namen einverleibt werden.

Sollten. Allein: Cichon wehrt sich dagegen. Mit allen Mitteln, die ihm das Kirchenrecht gibt. Zuletzt hat der Priester in Rom sogar Berufung gegen die Entscheidung seines Erzbischofs eingelegt. Ein äußerst seltener Akt zivilen Ungehorsams in der katholischen Kirche. „Skandalös“, „ungeheuerlich“, heißt es rund um den Stephansplatz.
„Totschläger“-Argument. Cichon hat in seiner Begründung, die er in den Vatikan an die Kleruskongregation geschickt hat, den „Totschläger“ ausgepackt. Er sieht durch Schönborns Dekret das Heil der Seelen („salus animarum“) gefährdet.

Auf den ersten Blick für kirchenintern wenig Versierte eine läppische Formulierung. Tatsächlich jedoch spricht Cichon nicht weniger als das Grundprinzip des Kirchenrechts an. Dem hat sich, wie es im letzten Kanon des Codex Iuris Canonici formuliert wird, alles andere unterzuordnen. Ein ziemlich gravierender Vorwurf also, den der kleine Moderator, der sich nicht einmal Pfarrer nennen darf, weil er kirchenrechtlich noch immer zur Erzdiözese Krakau gehört, dem Kardinal von Wien macht. Aber er weiß sich von seiner (polnischen) Gemeinde getragen. Die Kirche ist bei der Sonntagsmesse um elf Uhr in polnischer Sprache voll, manchmal stehen Feiernde bis auf die Straße. „Ich beneide den Herrn Kardinal nicht und spreche ihm keine schlechten Absichten zu, sicher nicht“, formuliert er sorgsam. Aber: „Sollte die Kirche verschenkt werden, kommt es zu pastoralem Schaden. Die Gemeinde würde zerstört werden.“

Cichon vereint gleich mehrere Eigenschaften, die ihn für Schönborn so gefährlich machen: Er ist fromm, papstergeben, Pole und kann sich (deshalb) auf gute Verbindungen nach Rom verlassen. Kurz gesagt: Er ist Schönborns personifizierter Albtraum. Denn Cichon steht auch für jene Art von Widerstand, die dem Erzbischof bevorstehen könnte, wenn er die angekündigten Strukturreformen verwirklichen will: Zusammenlegungen von Pfarren, Verschenken weiterer Kirchen und Pfarrhöfe eingeschlossen. Gibt der Vatikan Cichon in den nächsten Wochen recht, könnten auch andere von Veränderungen betroffene Gemeinden auf den Geschmack kommen. Der Wutbürger von gestern könnte zum Wutkatholiken von morgen werden.

Menetekel für Reformen. Cichon ist sich, so unscheinbar er auftritt, seiner über Neulerchenfeld hinausgehenden Bedeutung durchaus bewusst, wenn er meint: „Auch in anderen Pfarren ist die Verunsicherung groß. Keine Pfarre kann sicher sein. Wenn nicht einmal eine blühende Pfarre verschont bleibt, wer ist dann noch sicher? Welche Kirchen werden als Nächstes verschenkt?“ Ja, Kardinal Schönborn hat definitiv pflegeleichtere Priester in den 660 Pfarren seiner Erzdiözese Wien als Cichon.

Der sonst betont korrekte Priester, der jedes Mal, wenn er beim Tabernakel vorbeigeht, eine Kniebeuge macht, scheut nicht davor zurück, den Widerstand in das Innere der Kirche zu tragen. Vorne im Altarraum ist eine Vatikan-Flagge über ein unübersehbares Bildnis des seligen Johannes Paul II. drapiert. Aber gleich nach dem Eingang hängen zwei Transparente von der Orgelempore. Die Botschaften sind nicht gerade der Bibel entnommen: „Katholiken, die nicht in die Kirche gehen, sind am billigsten!!!“ Und: „Wir Katholiken brauchen diese Kirche!“ Was treibt diesen Mann an? Weshalb verstößt er gegen das Gehorsamkeitsgelübde, auf das Schönborn erst am Freitag bei der Weihe von acht Männern zu Priestern im Stephansdom ausdrücklich hingewiesen hat? Cichon denkt nicht lange nach. Sanft meint er: „Der Herr Kardinal kann mich jederzeit entlassen, dann ist es kein Problem für mich, dann muss er die Verantwortung tragen.“ Bis dahin trägt er die Verantwortung. Und die ist groß. Denn Cichon sieht in seiner Gemeinde Besonderes wirken. „Hier ist der Geist Gottes spürbar, Gott ist am Werk.“

Es klingt reichlich kokett, wenn er erklärt: „Ich möchte kein Rebell sein. Ich möchte dem Herrn Kardinal seine Arbeit nicht schwer machen.“ Mag sein. Tatsächlich tut der einfache Priester aus Polen genau das. Mit Erfolg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2011)