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Korrektes Sprachwerkzeug

Endlich wird Gendern einfacher! Aber gibt es eigentlich Nachweise, dass das große I schon irgendwem im wirklichen Leben geholfen hat?

Die Welt hat sicher aufgeatmet, als Frauenstaatssekretärin Gabriele Heinisch-Hosek kürzlich gemeinsam mit Microsoft das weltweit erste Gendering-Tool für den PC vorgestellt hat. Es prüft Texte und macht Vorschläge zu weiblichen und männlichen Endungen, Titeln sowie Fachausdrücken.

Endlich, kann man nur sagen. Leider konnte ich das Ding nicht installieren, aber ich bin sicher, es hätte mir einige drückende Fragen beantwortet. Etwa, wann es korrekt ist, Neutra zu gendern. Die MitgliederInnen sind ja schon alltäglich. Aber auf der Homepage der Bildungsberatung Berlin lese ich auch von „VorbilderInnen für junge Menschen“. Im Internet findet man auch IdolInnen. Auch „EkelInnen“ habe ich gegoogelt, aber da kommen nur Sachen wie „unser Opa mit seinen drei Ekelinnen“, und das klingt ja wieder eher frauenfeindlich.

Aber es ist noch viel komplizierter. Macht man aus seinem Herz keine MörderInnengrube (oder MörderIngrube)? Flucht man korrekt: Zum/r HenkerIn! (oder zur/m)? Und ist das Pamphlet der „AK Polizeigewalt Karlsruhe“ mit dem Titel „Fußballfans sind keine VerbrecherInnen“ in Ordnung? Für Fans müsste es doch ebenso wie für Manager eine weibliche Form geben, z.B. Fanin, so wie die Filmstarin.

Heißt es AnwaltsassistentInnen oder AnwältInnenassistentInnen? Und ist es korrekt, was ich auf einer Seite der grünen Jugend Deutschland lese: „Wir haben gestern angefangen, Euren Kreisverbänden auf die Anrufbeantworterinnen zu quatschen“? Fällt das noch unter das, was Heinisch-Hosek gesagt hat: „Sprache ist nicht nur Kommunikationsmittel, sie schafft Realität. Und in dieser Realität müssen Frauen und Männer gleichermaßen sichtbar sein“? Da klingt die VorständIn logisch. Aber wie macht man die Männer gleichermaßen sichtbar, wenn von einer Ordonnanz, einer Koryphäe oder einfach einer Person die Rede ist?

Mehr noch als all diese Fragen interessiert mich, ob das Ganze wirklich Sinn hat. Vielleicht sind trotz aller I-erei die Frauen in der Realität weiterhin wenig sichtbar, dafür halt mehr in der sprachlichen Fiktion. Ich wüsste gern, ob eine einzige Frau leichter einen Job bekommen hat, weil

man ihren Titel heute Dr.inabkürzt. Oder ob eine einzige Frau vom Lebensgefährten besser behandelt wird, seit es ein TäterInprofil gibt. Gibt es dazu empirische Studien? Fühlen sich Frauen mit all dem überhaupt wohl? Oder ist der ganze Lohn der Sprachverhässlichung bloß, dass es leichter fällt, im wirklichen Leben der alte Macho zu bleiben, weil man ja eh in der Ausdrucksweise so gendersensibel ist? Und: Was für reale Krämpfe entstehen, wenn Sprache tatsächlich Realität schaffen sollte, aus einer verkrampften Sprache?

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2011)