Ein Jahrhundert lang produzierte Nokia Gummi, Papier und Kabel. Dreißig Jahre später lieferten die Finnen jedes zweite Handy weltweit. Doch mit Apples iPhone nahmen Nokias goldene Zeiten ein jähes Ende.
Apple weiß doch gar nicht, wie man Handys baut“, höhnte Anssi Vanjoki noch vor drei Jahren im finnischen Espoo. Der Mann war damals Handychef des Weltmarktführers Nokia und daran gewöhnt, in Sachen Mobilfunk eine gewisse Deutungshoheit zu haben. Seit Anfang der Neunziger haben die Finnen die Konkurrenz vor sich her getrieben. Von zehn Handys weltweit kamen damals sechs aus dem Hause Nokia. Warum sollte Vanjoki also nervös werden, nur weil ein Computerkonzern aus Kalifornien ein Jahr zuvor das iPhone auf den Markt gebracht hat?
Drei Jahre später ist Feuer auf dem Dach. Seit das iPhone auf dem Markt ist, interessiert sich kaum jemand für Nokia-Geräte. Der Marktanteil der Finnen ist auf ein Viertel geschrumpft. Statt mit neuen Modellen kommt Nokia nur noch mit Job-Rotations in der Chefetage, Massenkündigungen und Gewinnwarnungen in die Schlagzeilen. „Wir stehen auf einer brennenden Ölplattform“, schrieb Stephen Elop seinen 132.000 Mitarbeitern im Februar, kurz nach seiner Ernennung zum Nokia-Chef, ins Stammbuch. Der einst so siegessichere Anssi Vanjoki hat noch vor der Ankunft des Kanadiers das Weite gesucht.
Klopapier und Gummistiefel. Mit Stephen Elop steht der erste Nichtfinne an der Spitze des 136 Jahre alten Betriebs, der im Lauf der Zeit von Gummistiefeln bis zu Fernsehern schon fast alles produziert hat. Der Ex-Microsoft-Manager soll Nokia ein weiteres Mal verwandeln – zum Softwareanbieter.
Der Konzern erfindet sich beileibe nicht zum ersten Mal neu. Bis aus der Papierfabrik, die Fredrik Idestam 1865 im kleinen Örtchen Nokia gründete, der Marktführer im Mobilfunkgeschäft wurde, schnupperte das Unternehmen in viele Branchen. Die ersten Jahre produzierte Nokia nämlich Toilettenpapier, später Autoreifen, noch später Elektrokabel. Als Nokia Anfang der Neunziger die ersten Mobiltelefone mit GSM-Standard auf den Markt brachte, hatte das Unternehmen auch noch Videorekorder im Angebot. Bald darauf setzte sich GSM in weiten Teilen der Welt durch, und für den Konzern brachen goldene Zeiten an. „Nokia ist das beste Unternehmen Europas“, titelten die Gazetten begeistert. Doch als immer kleinere Computerchips immer mehr Leistung brachten, wollten die Kunden plötzlich mehr, als Nokia zu bieten hatte.
Telefonieren konnten damals alle. Das Handy sollte zum kleinen Computer mutieren. Es ist nicht so, dass Nokia diesen Trend verschlafen hätte. Im Gegenteil: Die Firma brachte 1996 den Communicator, das erste Smartphone, auf den Markt. Kostenpunkt: 10.000 Euro. 2004 stellte Nokia das erste Handy mit Touchscreen vor. Drei Jahre bevor Apple dieser Technologie mit dem ersten iPhone zum Durchbruch verhelfen und die Handywelt revolutionieren sollte. Bahnbrechende Erfindungen waren dafür nicht nötig. „Apple weiß einfach, was man stehlen muss“, erzählt Guy Kawasaki, ein Internet-Investor, der bis vor Kurzem selbst noch die Werbetrommel für den Konzern aus Cupertino gerührt hat. Dennoch, neben den neuen Smartphones wirkten Nokiageräte, die immer noch vorrangig zum Telefonieren gebaut waren, plötzlich wie Relikte aus vergangenen Zeiten.
Digitales Taschenmesser. Da hilft es wenig, dass Nokia immer noch die meisten Handys weltweit ausliefert (Schätzungen schwanken zwischen 25 und 33 Prozent). Das große Geld verdienen die Finnen damit nicht. Apples iPhones stehen hingegen nur für vier Prozent des globalen Handymarkts, sichern dem Konzern aber die Hälfte des gesamten Profits der Branche. Anders als gewöhnliche Handys dürfen Smartphones selbst im Gratisland Österreich etwas kosten. Schließlich leisten sich die Kunden hier keinen Telefonapparat, sondern – dank tausender Zusatzprogramme – ein digitales Schweizermesser.
Auch diesen Trend hat Nokia früh erkannt. 2007 eröffneten die Finnen den Ovi-Store, einen Online-Shop für Handyprogramme. Apple kam mit seinem App Store erst ein Jahr später. Und dennoch: Während Ovi floppte, ist der App Store mit seinen 425.000 Programmen heute wohl das beste Argument für ein Handy mit Apfellogo.
Waren bislang zumindest die Schwellenländer ein sicherer Markt für Nokia, droht dem Unternehmen nun auch auf der Billigschiene Konkurrenz: Asiatische Hersteller wie Huawei, Media Tek oder Samsung können gute Handys längst billiger fertigen. In Europa verkaufte Samsung zuletzt schon mehr Mobiltelefone als Nokia.
Im Herbst 2010 zog der Konzern die Reißleine und engagierte Stephen Elop. Seit der Ankunft des Kanadiers rumort es im Gebälk des finnischen Unternehmens. Das hauseigene Handybetriebssystem Symbian, bis vor einem Jahr noch Marktführer, stellte Elop bald kalt. In Scharen verließen alt eingesessene Nokia-Manager daraufhin den Konzern. Statt eine Kooperation mit Googles offenem Betriebssystem Android zu suchen, dockte Elop bei seinem früheren Brötchengeber Microsoft an. Künftig sollen Handys von Nokia mit Windows Phone 7 laufen. Es ist, als würden zwei Betrunkene versuchen, sich gegenseitig zu stützen, monierten Kritiker damals. Tatsächlich ist Windows Phone 7 noch ein Nischenprodukt. Die ersten Nokia-Handys mit der Windows-Software werden erst Anfang 2012 in größerer Stückzahl auf den Markt kommen – nach dem Weihnachtsgeschäft.
Dennoch hat die Allianz allein schon angesichts der schieren Anzahl an Microsoft- und Nokia-Kunden einen gewissen Charme: Bis 2015, so schätzen die Marktforscher von IDC, könnte Microsoft zur Nummer zwei auf dem mobilen Softwaremarkt werden. Wie viel bis dahin passieren kann, weiß Nokia wohl am besten: Vor vier Jahren brachte Apple das iPhone auf den Markt und wurde damit zur zweitwertvollsten Firma der Welt. Nokia hat unterdessen zwei Drittel seines Wertes verloren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2011)