Raus aus der Hauptstadt: Ein schmaler Band mit Erzählungen russischer Jungautoren wirft einen Blick auf das weite Land hinter den Toren der Metropole.
Der Moloch Moskau hat auf den knapp 200Seiten erstmal gar nichts zu melden. Nur ein einziges Mal spielt die russische Hauptstadt in einem neuen Sammelband mit Erzählungen junger russischer Autoren eine entscheidende Rolle, und dann eine unrühmliche. Als sich Arbeiter aus dem Ural auf dem „Leningrader Bahnhof“ in Moskau einfinden, um den zweiten Teil ihrer Reise nach Paris anzutreten, ist das Gelände derart überfüllt, dass es kein Durchkommen zum Bahnsteig gibt. Der Zug fährt ohne die Männer ab. Aus der Traum von der Ausreise. Halbherzig sieht man sich ein paar Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt an, um danach unverrichteter Dinge ins heimische Perm zurückzukehren.
Ein neuer Erzählband junger Autoren, der vor Kurzem in der Edition Suhrkamp erschienen ist, spielt an Orten, von denen man in der (ins Deutsche übertragenen) russischen Gegenwartsliteratur bisher kaum etwas gehört hat. An Orten, die von Moskau oft mehr als eine Tagesreise entfernt liegen.
Gewinner des „Debüt-Preises“. Verfasst wurden sie von Autoren, die in den vergangenen Jahren allesamt Gewinner des sogenannten „Debüt-Preises“ gewesen sind. Das ist eine seit 2000 bestehende Auszeichnung für junge Talente unter 25Jahren. In Russland hat man bereits einen Sammelbegriff für die ausgezeichneten Jungautoren gefunden – „Generation Debüt“. Jedes Jahr werden 30.000 bis 50.000Manuskripte eingeschickt, und zwar aus allen Ecken des Landes. Offenbar sind die Talente nicht nur in Moskau zu finden: Die bisherigen Preisträger kommen etwa aus Perm, der Hauptstadt der dagestanischen Republik Machatschkala, aus Kasan, Ufa, Jekaterinburg oder wurden gar im usbekischen Taschkent geboren.
Alltag in der Provinz. Wenn in den Beiträgen, die von der deutschen Slawistin Christiane Körner übersetzt und herausgegeben wurden, etwas Verbindendes zu finden ist, dann ist es wohl ihre Direktheit, Ehrlichkeit, ihre Gegenwart. Und dass es ein Leben außerhalb der Hauptstadt gibt, wo doch sonst ganz Russland vom Leben in der Hauptstadt träumt. Vom Alltag in den anderen Metropolen, ja auch in der Provinz wird hier ganz selbstbewusst geschrieben. Er bedarf keiner Erklärung, keiner Rechtfertigung.
Die Transformation vom Kommunismus zum Kapitalismus ist für die Autoren Fakt, die neuen Russen, der Glanz der Einkaufstempel, das Abstrampeln der einfachen Leute interessiert sie nicht besonders. Dafür erzählen sie von der unsicheren Zukunft, von der Schwierigkeit des Dialogs zwischen den Generationen. In der Erzählung „ICQ“ von Waleri Petschejkin versucht eine alte Dame Kontakt mit ihrer Schwester über einen Chat aufzunehmen. Das läuft natürlich schief. In der „Eisenbahn-Pastorale“ von Igor Saweljew fahren Freunde durchs Land, die Zugfahrt entpuppt sich aber als Horrortrip, die Freundschaftsbezeugung misslingt.
Am Eindringlichsten ist vielleicht Alissa Ganiewas Erzählung „Salam, Dalgat!“. Darin irrt ein junger Mann durch die dagestanische Hauptstadt Machatschkala, es wird viel geredet, aber wenig gesagt. Die Worte der Jungen perlen am Gegenüber ab wie Regentropfen auf einer Plastikfolie. Ein undurchschaubares Gewirr an Stimmen, Ideologien, Forderungen. Eine gemeinsame Sprache gibt es nicht mehr. Ganiewa verdichtet in diesem Stück das, was die russische Gesellschaft heute umtreibt: die Angst vor religiösem Extremismus, Arbeitslosigkeit, Migration – die Frage, wie man in Russland leben kann, gestellt von seinen Rändern her. Die dagestanische Hauptstadt liegt über 2000Kilometer von Moskau entfernt. Doch die Straßen Machatschkalas repräsentieren eine russische Dystopie, die schon Realität geworden ist.
Christiane Körtner (Hrsg.): Das schönste Proletariat der Welt. Junge Erzähler aus Russland. 209 Seiten, Edition Suhrkamp, 12,40 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2011)