Ein Freund? Ein Feind? Ein Bruder!

Wladimir und Vitali Klitschko
Wladimir und Vitali Klitschko Ap (Michael Gottschalk)
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Die einen hassen einander, die anderen sind unzertrennlich - das Verhältnis zwischen Brüdern gibt es in allen Extremen. Dass es oft in Richtung Bruderzwist geht, liegt am natürlichen Konkurrenzverhalten.

David und Edward Miliband sind Brüder. Und doch verbindet die beiden eine heftige und offene Feindschaft. Als David vergangenen Herbst kurz davor stand, die Führung in der britischen Labour-Partei zu übernehmen, tauchte plötzlich Edward auf – und holte sich aus dem Windschatten des älteren Bruders heraus die Parteiführung. Für die Kameras umarmten sich die beiden, lächelten ein wenig – und David verließ die Politik. Um bald wieder zurückzukehren und nun seinerseits am Sessel von Edward zu sägen.

Bruderhass, Bruderzwist, Bruderkonflikt – das Motiv der verfeindeten Brüder ist eines der ältesten in der menschlichen Geschichte. Von biblischen Geschichten wie jener um Kain, der seinen Bruder Abel erschlägt, bis zum römischen Gründungsmythos, in dem Romulus seinen kleinen Bruder Remus tötet. Wobei derartige Konflikte nicht immer tödlich enden – Jakob und Esau etwa lösten ihren Disput um das Erbe ihres Vaters Isaak auch ohne Blutvergießen. Das dahinterliegende Motiv, der Kampf der Brüder um Erbe, Macht und Einfluss, lebt in den verschiedensten Variationen weiter.

Wladimir und Vitali Klitschko sind auch Brüder. Doch sie sind alles andere als Feinde. Die beiden ukrainischen Boxer treten offensiv als Duo auf, bei Boxkämpfen, bei denen der eine den anderen unterstützt, in Werbespots, in denen sie ihr freundschaftlich-brüderliches Verhältnis zur Schau stellen – und zuletzt sogar in einem Kinofilm. Sie sind weit davon entfernt, auch nur annähernd in Zusammenhang mit dem Wort Bruderzwist genannt zu werden.


Ungleiche Brüderpaare. Sie sind einander gar nicht so unähnlich, die beiden Brüderpaare. Der eine ist jeweils knapp fünf Jahre älter als der andere. David und Edward besuchten beide dieselbe staatliche Schule im Norden von London und studierten im Abstand von einigen Jahren in Oxford. Vitali und Wladimir wiederum promovierten beide in Sportwissenschaft. Und sowohl die zwei Brüder Miliband als auch die beiden Klitschkos versuchten sich in derselben Nische – die einen eben als Politiker, die anderen als Profiboxer. Doch während der britische Labour-Parteichef und sein Bruder auf Kriegsfuß miteinander stehen, gehen Vitali und Wladimir gemeinsam durch dick und dünn. Woher kommt dieser Unterschied im Verhältnis zweier Brüder?

„Es gibt keine Systematik, auch keine sicheren Prognosen, wie sich Geschwisterbeziehungen entwickeln“, sagt der Schweizer Geschwisterforscher Jürg Frick. „Da gibt es so viele verschiedene Faktoren.“ Lange Zeit untersuchte man etwa die Geburtsreihenfolge als markantes Merkmal. So wie der US-Wissenschaftshistoriker Frank Sulloway, der das ungleiche Geschwisterpaar Armand und François Arouet als Anlass für eine Studie nahm. Armand war ein frommer Mann, François ein Rebell, der unter seinem Schriftstellernamen Voltaire zu einer Speerspitze der Aufklärung wurde.

Wie, so fragte sich Sulloway, konnten sich diese beiden Brüder so stark auseinanderentwickeln? Er fand eine Antwort in der Rivalität zwischen Geschwistern. Anhand der Auswertung von 10.000 Lebensläufen aus 500 Jahren kam er zu dem Ergebnis, dass Erstgeborene nach der Geburt von Geschwistern dazu neigen, sich eine familiäre Nische in der Identifizierung mit der Autorität der Eltern zu suchen. In weiterer Folge, so Sulloway, müssten die Spätergeborenen sich eine andere Nische suchen. Das sei eben oft die Rolle des Rebellen. Derartige komplementäre Geschwisterpaarungen lassen sich in vielen Familien finden. Ist ein Kind zum Beispiel handwerklich begabt, wird das andere häufig eher ein Kopfmensch. Fachleute bezeichnen dieses Phänomen als „Deidentifikation“.


Moderat oder radikal. Im Grunde findet sich genau dieses Muster auch bei den Milibands. Auf der einen Seite steht der moderate, auf die politische Mitte ausgerichtete David. Auf der anderen der linke Edward, der davon sprach, der Partei seine Radikalität wieder zurückgeben. Auch bei den Klitschkos mag es Unterschiede in der Persönlichkeit geben. Der ältere Vitali etwa ist der Stabilere, seit 15 Jahren verheiratet. Wladimir, der Sprunghafte, hielt hingegen nur zwei Jahre als Ehemann durch, zuletzt war er mit der 13 Jahre jüngeren Schauspielerin Hayden Panettiere liiert. Doch erwuchs aus all den kleineren und größeren Unterschieden keine Rivalität, sondern eine brüderliche Freundschaft.

Doch so plausibel Sulloway seine Theorie auch darlegt, dürfe man doch nicht den Fehler machen, die Geburtsreihenfolge mit Charaktermerkmalen gleichzusetzen, warnt Jürg Frick. Zwar liege es auf der Hand, dass Erstgeborene früh Verantwortung für jüngere Geschwister übernehmen und so in eine dominante Rolle als Beschützer hineinwachsen. Doch spielten daneben auch viele andere Dinge eine große Rolle. So scheint etwa die Zahl der Kinder die erlebte emotionale Wärme zu beeinflussen – je mehr Kinder, desto „kälter“ werden Mutter und Vater erlebt, so eine Studie der Universität Leipzig aus dem Jahr 2007. Und das Verhalten der Eltern ist ein wichtiger Faktor, der auch Rivalität und Eifersucht hervorbringen kann.

Auch der Altersunterschied zwischen den beiden Geschwistern spielt eine bedeutende Rolle. Tendenziell gilt: Je kleiner der Altersabstand, desto intensiver die Beziehung – allerdings in beide Richtungen, und damit auch in puncto Rivalität. „Tendenziell“, das ist ein Wort, das Jürg Frick sehr häufig verwendet, um Phänomene zu beschreiben. Schließlich ließen sich für alle genannten Punkte auch Gegenbeispiele finden. Etwa das innige Verhältnis zwischen John F. und Robert Kennedy – zwischen dem 35.Präsidenten der USA und seinem Bruder lagen acht Jahre. Und auch der jüngste Bruder Edward, ganze 15 Jahre jünger, war John F. stets ein treuer Wegbegleiter, unter anderem als Helfer im Wahlkampf.


Brüder als Marken. Beispiele von Brüdern, die so wie die Kennedys ein gutes Team bilden, gibt es unzählige. Die Kaczynski-Brüder bekleideten etwa gleichzeitig die höchsten Ämter in Polen – Jaroslaw als Ministerpräsident, sein 45 Minuten jüngerer Zwillingsbruder Lech als Präsident. In der Unterhaltungsindustrie wurden erfolgreiche Brüderpaare sogar zu Marken – von den Warner Brothers bis zu den Marx Brothers, zum Beispiel.

Viel häufiger ist allerdings der Fall, dass ein Geschwisterteil im Schatten des anderen steht. Etwa Ralf Schumacher, der zwar in der Formel 1 einige Erfolge feiern konnte, aber nie aus dem Windschatten seines Bruders Michael, des siebenfachen Weltmeisters, treten konnte. Georg Ratzinger wird damit leben müssen, dass nicht er, sondern sein jüngerer Bruder Joseph zum Papst Benedikt XVI. gewählt wurde. Und Florian Lauda kam auch nur in größerem Ausmaß in die Medien, als er seinem Bruder, dem dreifachen Formel-1-Weltmeister Niki, eine Niere spendete.

Die Popularität erhöhe die Distanz zwischen Geschwistern, sagt der deutsche Familienforscher Hartmut Kasten. Es sei denn, derjenige, der nicht im Rampenlicht steht, findet für sich eine andere Nische, in der er sich bestätigen kann. Dass der Bruder ein Superstar ist, muss also nicht zwangsläufig beim anderen zu Problemen führen.

Doch sollte man die Beziehung von Geschwistern ohnehin nicht immer nur problemzentriert betrachten. „Geschwister können auch eine große Ressource sein, eine Hilfe“, sagt Geschwisterforscher Frick. Und generell würden Geschwister eine große Rolle in unserer Biografie einnehmen. So gebe es etwa Studien, dass Brüder und Schwestern unter anderem die Berufswahl beeinflussen können. „Und das geht bis zur Partnerwahl.“

Generell, so Frick, seien Geschwister für die meisten Menschen viel bedeutsamer, als sie das selbst wahrnehmen. Immerhin hat man mit ihnen in der Regel die längste Beziehung. Eltern sterben, Freunde kommen und gehen, Beziehungen gehen in die Brüche – Geschwister dagegen hat man oft lebenslang. Selbst, wenn der Kontakt im Erwachsenenalter abnimmt.


Neues Potenzial für Konflikte.
Das tut er nämlich meistens. Schon in der Pubertät entstehen erste Risse im Geschwistergefüge, wenn eine Clique oder eine Partnerschaft die Geschwisterbeziehung zunehmend in den Hintergrund drängt. Bei Erwachsenen fehlen dann meist die Gemeinsamkeiten, aber auch die Konfliktpunkte, an denen man sich reiben kann. Ein enger Kontakt kommt oft erst viel später wieder zustande, etwa durch Ereignisse wie Krankheit oder Tod der Eltern. Dann vertieft sich die Beziehung zueinander wieder – aber es entsteht dadurch auch neues Potenzial für Konflikte. So wie zum Beispiel beim Schauspieler Albert Fortell und seinem Bruder Marius Fortelni. Sie streiten vor Gericht um die Hinterlassenschaft ihrer Mutter. Und auch, wenn die beiden Männer mit den Brüdern Miliband nicht allzu viel gemeinsam haben, eine Übereinstimmung gibt es doch. Sie verbindet eine heftige und offene Feindschaft.


buchtipps

Hartmut Kasten
Geschwister. Vorbilder, Rivalen, Vertraute. 5.Auflage 2003. Reinhardt Verlag, München. 18,4Euro

Jürg Frick
Ich mag dich, du nervst mich! Geschwister und ihre Bedeutung für das Leben. Huber Verlag, Bern 2009. 25,7 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2011)

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