Brüderbindung der Klitschkos: »Eine gut inszenierte Show«

Brüder haben eine viel körperbetontere Beziehung zueinander als Schwestern, sagt der deutsche Geschwisterforscher Hartmut Kasten.

Welche Geschwisterkonstellationen verstehen sich besser, welche schlechter?

Hartmut Kasten: Ein enger Altersabstand unter zwei Jahren – und das gleiche Geschlecht – schafft viel mehr Gemeinsamkeiten, aber gleichzeitig auch dunkle Impulse, etwa Eifersucht oder Rivalität. Ist der Altersabstand größer – oder das Geschlecht ungleich –, verschwindet auch das große Vertrauen, die große Intimität. Man hat auch nicht mehr so viele Anlässe zu konkurrieren.

Ändert sich das mit dem Alter?

Geschwisterbeziehungen wandeln sich, je nachdem, welche Freundschaften, Partnerschaften, Beziehungen man hat. Wenn man etwa nichts mit dem Partner des Bruders oder der Schwester anfangen kann, kommt es vielleicht zu Spannungen, die zur Distanzierung führen. Irgendwann rauft man sich aber doch zusammen. Man sagt ja auch, Blut ist ein dicker Saft.

Woran liegt das spezielle Verhältnis, das Brüdern häufig zugeschrieben wird?

Brüder öffnen sich einander nicht so weit, haben nicht diese Intimität, die altersmäßig eng benachbarte Schwestern entwickeln können. Bei Brüdern spielt sich alles mehr auf einer rauen, körperlichen Ebene ab. Man rauft schon mal, macht aber auch den berühmten Schulterschluss, grenzt sich gegen die Eltern ab. Bei Brüdern läuft es mehr im Bereich der sichtbaren, greifbaren, manifesten Ereignisse. Das Sich-Austauschen, Füreinander-Öffnen, so wie es Schwestern machen, das kriegen Brüder nicht hin.

Fast schon das Klischee einer engen Brüderbindung gibt es bei den Klitschkos.

Was von den Klitschko-Brüdern über die Medien rüberkommt, ist nicht deren Beziehungsqualität, sondern eine Rolle, die die beiden exzellent spielen. Ich weiß nicht, ob da nicht vieles Show ist. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass sie aus einem Elternhaus kommen, in dem ihnen eine große Dosis an Verbundenheit eingeimpft wurde.

Es gibt auch den gegenteiligen Fall, dass Brüder zu Rivalen werden, etwa die Milliband-Brüder in England. Wie kommt das?

Man fragt immer so trivial, wo die Rivalität herkommt. Da gibt es verschiedene Antworten. Es gibt etwa aus der interkulturellen Geschwisterforschung Hinweise, dass die Rivalität zwischen Geschwistern genetische Wurzeln hat. Wenn man sich als gleichartig erlebt, beginnt man automatisch, sich zu vergleichen. Wenn man schlechter abschneidet, versucht man, besser zu werden. Das erleben regelmäßig kleinere Brüder, die aus einem kompetitiven Elternhaus kommen.

Woran liegt es dann, dass man entweder so eng ist oder sich auseinanderentwickelt?

Wenn die Eltern darauf achten, dass die Geschwister einvernehmlich miteinander auskommen und das auch in der Partnerschaft vorleben, färbt das auf die Kinder ab. Zu späteren Zeitpunkten kommen andere Einflüsse dazu. Etwa, wie sich die Freunde, die Peers, verhalten. Da treten die Geschwister in den Hintergrund.

Haben Erstgeborene einen Vorteil, weil sie sich eine Rolle aussuchen können, die der andere dann nicht mehr übernehmen kann?

Sie haben Vorteile, wenn sie als Vorbild aufgebaut werden – dann genießen sie auch Privilegien. Aber es kann auch passieren, dass der Ältere deshalb dann immer funktionieren muss. Und dass beim Jüngeren alles durchgeht. Heute ist das nicht mehr so ausgeprägt, weil die Eltern mehr auf die individuellen Eigenarten der Kinder achten und entsprechend fördern. Deshalb kann man heute Fragen, ob Persönlichkeitseigenschaften mit dem Geburtsrang zusammenhängen, klar verneinen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2011)

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