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Neustart mit Schönheitsfehler für Österreichs Muslime

Fuat Sanac, neuer Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, will sich aus der Politik heraushalten. Doch der Rückzug ins Religiöse wäre ein schwerer Fehler.

 

Es ist ein Neustart mit einem Schönheitsfehler, den die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) gestern, Sonntag, hingelegt hat. Ja, die Ära von Anas Schakfeh an der Spitze der Muslime-Vertretung ist beendet. Eine Ära, die Kritiker als intransparent und autoritär bezeichnen. Insofern muss man seinem Nachfolger als Präsident, Fuat Sanac, zugutehalten, dass er die IGGiÖ modernisieren und professionalisieren will. Ob er es allerdings auch schaffen wird, eine Welle der Modernität für Österreichs Muslime einzuläuten, das scheint eher zweifelhaft. Denn aus seinen bisherigen, medial verbreiteten Aussagen lässt sich eher herauslesen, dass der gebürtige Türke die Muslime des Landes in ein neues religiöses Biedermeier führen will.

So sagt Sanac unter anderem, dass er die Islamische Glaubensgemeinschaft ausschließlich als eine religiöse Institution begreift. Und dass er sich als Präsident künftig aus der Politik heraushalten will. Doch genau im Rückzug ins Religiöse liegt ein gefährlicher Trugschluss. Denn gerade bei gesellschaftspolitisch relevanten Fragen kann sich eine religiöse Vertretung nicht einfach zurücklehnen und allfällige Konflikte negieren. Vor allem, wenn es religiös geprägte Traditionen sind, die in die gesellschaftliche Realität hineinreichen und dort politischen Zündstoff liefern. In der islamischen Tradition gibt es nun einmal die eine oder andere Frage, die konkrete Auswirkungen auf das Zusammenleben von Menschen im Alltag hat – und auf die Chancen von Kindern aus muslimischen Familien. Dazu gehört auch die Teilnahme an gemeinsamen Aktivitäten, etwa am zuletzt heftig diskutierten Schwimmunterricht in der Schule.

Das Berufen auf Sitte und Tradition, das immer noch Eltern dazu bringt, ihren Töchtern die Teilnahme an solchen gemeinsamen und gemeinsamkeitsstiftenden Tätigkeiten zu verwehren, ist ein Problem. Genau bei Problemen wie diesen wäre die IGGiÖ gefordert, offensiv zu agieren und offen in die politische Diskussion darüber miteinzusteigen. Da kann Fuat Sanac so oft er will gebetsmühlenartig wiederholen, dass in Österreich Gesetze gelten, an die man sich zu halten hat. Denn so lange im Hinterkopf mancher Eltern immer noch überholte Vorstellungen aus Sitte und Tradition – die oft mit dem Islam selbst gar nichts zu tun haben – den Ton angeben, wird ein solcher Appell bestenfalls zähneknirschend zur Kenntnis genommen. Insofern hat die IGGiÖ einen gesellschaftspolitischen Auftrag zu erfüllen. Und der ist eben nicht damit erfüllt, besorgte Eltern nur an die Direktion der Schulen zu verweisen, wie es beim Schwimmen in der Schule derzeit praktiziert wird.

Stimmt schon: Im persönlichen Gespräch lassen sich viele Ängste ausräumen und Lösungen für konkrete Probleme finden. Doch ein Dachverband, der sich die Vertretung aller Muslime Österreichs auf die Fahnen geschrieben hat, sollte wohl auch fähig und willens sein, öffentlich Aussagen für eine Versöhnung westlicher Werte und gelebter Tradition islamisch geprägter Menschen zu tätigen. Und sich dabei auch auf positive Beispiele berufen, die Menschen ermutigen, Dinge zu tun, die sie bisher aus Rücksicht auf alte Traditionen nicht zu tun gewagt haben. Aus theologischer Sicht sollte das kein Problem sein. Immerhin ist durch Überlieferungen belegt, dass der Prophet Mohammed selbst auch Sport mit Frauen betrieben hat. Das wäre ein offensiver Ansatz, der in der politischen Debatte vielen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen könnte. Genau darum muss die IGGiÖ massiv in den politischen Diskurs einsteigen. Und das mit durchaus vorhandenen Argumenten, die den Muslimen eine Stütze sein können.


Ein Rückzug in das Religiöse, wie Sanac ihn durch seine Aussagen vermuten lässt, führt hingegen nur zu einer weiteren Abschottung der Muslime, zu einem bangen Pflegen alter Traditionen inmitten einer scheinbar feindlichen Welt. Und zu einem frömmelnden Zugang zur Religion, der sich nur auf das akribische Verfolgen von Geboten und die Einhaltung von Verboten reduziert – und dabei den Anschluss an die weltliche Realität vollständig verpasst.

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2011)