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Neue Hoffnung für Kinder mit Rheuma

Symbolbild
(c) Bilderbox
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1700 Rheumapatienten in Österreich sind jünger als 17 Jahre. Jeder Zehnte leidet an der schwersten Form der Krankheit, der systemischen juvenilen Arthritis, die Herz und Lunge angreift und zum Tod führen kann.

Wenn Kinder vor allem am Morgen müde und weinerlich sind, körperliche Belastung meiden und über heiße, geschwollene Gelenke klagen, sollten Eltern hellhörig werden. Denn das könnten Symptome einer entzündlichen rheumatischen Erkrankung sein. In Österreich leiden rund 1700 Kinder an juveniler idiopathischer (also: Ursache unbekannt) Arthritis, einer chronischen, schmerzhaften Gelenksentzündung. Je früher die Therapie beginnt, desto besser sind die Chancen, dass keine Gelenksschäden bleiben. Denn bei der Mehrzahl der Kinder verschwinden die Beschwerden bis zur Pubertät, zerstörte Gelenke aber bleiben.
Etwa jeder Zehnte dieser 1700 Betroffenen leidet an der schwersten Form, der systemischen juvenilen Arthritis, die für zwei Drittel aller Todesfälle bei kindlichem Rheuma verantwortlich ist. Dabei kommt es neben den Gelenksentzündungen auch zu schweren Fieberschüben, Hautausschlägen, Blutarmut, Leber- und Milzschwellungen sowie Entzündungen von Herz und Lunge. Anti-entzündliche Medikamente wirken oft nicht ausreichend. Das gilt auch für die bisher für Kinder zugelassenen biologischen Medikamente.

 

Erfolg bei 85 Prozent der Kranken

Beim letzten Europäischen Rheumatologenkongress Eular in London wurde eine weltweite Studie mit dem ersten biologischen Medikament vorgestellt, das den betroffenen Kindern helfen kann. Der monoklonale Antikörper Tocilicumab, in Europa als RoActembra auf dem Markt, blockiert die Andockstellen für Interleukin-6 und verhindert so die schädliche Wirkung dieses Entzündungsstoffes. Tocilicumab ist seit einigen Jahren für Erwachsene mit rheumatoider Arthritis zugelassen. Bei Kindern scheint es besonders gut zu wirken, wie eine weltweite Studie an 112 Kindern zwischen zwei und 17 Jahren zeigt.
Ein Teil der Kinder bekam zwölf Wochen lang alle zwei Wochen eine Infusion mit dem Antikörper, die Vergleichsgruppe erhielt ein Scheinmedikament. In der Verumgruppe verschwanden bei 85 Prozent Fieber und Gelenksbeschwerden, bei der Placebogruppe nur bei 24 Prozent. In einer offenen Studie werden die Kinder weiter beobachtet. Bisher waren die Nebenwirkungen mild. Daher wurde Tocilicumab in den USA im April auch für Kinder zugelassen, für Europa (und Österreich) wird die Zulassung für Kinder ab zwei Jahren dieser Tage erwartet.

Medikament zum Schlucken

Ein weiteres Highlight des Kongresses, an dem 16.000 Rheumatologen teilnahmen, war die Präsentation erster Studien mit neuen Rheumamedikamenten zum Schlucken. Eine Substanz heißt Tofacitinib und hemmt die „Janus-Kinase“, ein Enzym, das eine wichtige Rolle bei der Entzündungskaskade spielt. Laut den vorgestellten Daten hat Tofacitinib eine vergleichbar gute Wirkung auf das Immunsystem wie die kompliziert hergestellten biologischen Antikörper.
Der Rheumatologe Univ.-Prof. Dr. Winfried Graninger von der Medizinischen Universitätsklinik in Graz befürchtet allerdings, dass die Patienten die Tabletten nicht regelmäßig einnehmen, im Gegensatz zur Verabreichung eines Arzneimittels per Infusion oder Spritze. „Außerdem fehlen noch die Langzeitdaten, was die Sicherheit betrifft. Es besteht immer die Sorge, dass Substanzen, die in das Immunsystem eingreifen, nicht nur überaktive Immunzellen beeinflussen, sondern auch Krebszellen triggern könnten.“ Für die bisher üblichen biologischen Medikamente, die als Infusion oder Spritze verabreicht werden, gibt es Erfahrungen bezüglich Langzeitsicherheit bereits seit rund 15 Jahren.
Für den Rheumatologen Univ.-Doz. Dr. Ludwig Erlacher vom Wiener Sozialmedizinischen Zentrum Süd war ein weiterer Höhepunkt des Londoner Kongresses die Präsentation von Studienergebnissen zu einer neuen Therapie gegen die Rheumaerkrankung Lupus erythematodes. „Das ist eine zwar seltene, aber besonders schwere Autoimmunerkrankung junger Frauen, die die Haut und alle inneren Organe betreffen kann“, erklärt Erlacher. „In den USA und voraussichtlich in wenigen Wochen auch in Europa ist jetzt als erstes biologisches Medikament der Antikörper Belimumab zugelassen, der einen Wachstumsfaktor der B-Lymphozyten hemmt. Das bedeutet gleichzeitig die erste neue Therapie seit mehr als fünfzig Jahren“, betont der Experte.

 

Raucher erkranken früher

Neben den vielversprechenden neuen Medikamenten kann man rheumatische Erkrankungen auch mithilfe des Lebensstils beeinflussen. Dass Rauchen das Risiko erhöht, an Rheuma zu erkranken, und die Wirkung von Therapien abschwächt, wurde schon früher betont. In London sorgte eine neue Analyse von mehr als 700 Patienten mit Spondyloarthritis, auch als Morbus Bechterew bekannt, für Aufsehen: Demnach bricht die Krankheit bei Rauchern im Durchschnitt um eineinhalb Jahre früher aus und verläuft auch viel schwerer.
Im Gegensatz zum Rauchen ist regelmäßiger, aber mäßiger Alkoholkonsum nicht schädlich, sondern sogar hilfreich. Ein bis zwei Gläser Wein oder Bier täglich lindern Beschwerden und verringern offenbar auch das Risiko, an entzündlichem Rheuma zu erkranken. „Wichtig ist eine möglichst frühe Diagnose, um durch eine schnelle Therapie irreparable Gelenksschäden zu verhindern“, fordert Rheumatologe Ludwig Erlacher und beklagt: „Derzeit dauert es in Österreich immer noch mehr als zwei Jahre vom ersten Symptom bis zur richtigen Diagnose.“
„Ziel der Behandlung der rheumatoiden Arthritis ist die komplette Remission“, sagt Winfried Graninger. Das bedeutet, dass der Patient möglichst keine Krankheitsaktivität mehr aufweist. Die biologischen Medikamente haben die Behandlung entzündlichen Rheumas so verbessert, dass betroffene Patienten heute viel besser damit umgehen können und Invalidität und Verkrüppelung viel seltener vorkommen.

Sommercamp

Für Rheumakinder gibt es im Sommer eine spezielle Kur mit Ergo- und Physiotherapie, die heuer vom 18. Juli bis 7. August in Warmbad/Villach stattfindet. Veranstalter ist unter anderem das Österreichische Jugendrotkreuz. Kontakt: 01/58900-376, christine.keplinger@roteskreuz.at