Da capo: Das Orakel der Tentakel

Bei der Fußball-WM der Frauen will man in Sachen Prognosen der Spielausgänge an die der Männer anschließen: Gleich acht Kraken sind im Dienst.

Wenn er den Fluss Halys überschreite, werde er ein „großes Reich zerstören“, beschied Pythia, das Orakel in Delphi, dem Lyderkönig Krösus. Der zog siegesgewiss los über den Halys und gegen die Perser unter Kyros II., er zerstörte damit sein eigenes Reich: Delphi behielt (wie) immer recht, es lag an der Vieldeutigkeit seiner Prophezeiungen. Die war von alters her ein Trick all derer, die in die Zukunft sahen und dazu den Blick entweder auf die Sterne richteten – die Sitte hat sich bis heute erhalten, vor allem in kleinformatigen Postillen – oder auf die Innereien frisch geschlachteter Tiere.

Oder auf ihre eigenen Träume oder die anderer, selten sprach einer so klar wie der Prophet Daniel, als er Belsazar sein baldiges Ende androhte. Dabei kam ein zweiter probater Trick mit ins Spiel, diese Prophezeiung war ein Stück weit eine „self fulfilling prophecy“. Erst sie aktivierte die Mörder: Belsazar ward aber in selbiger Nacht von seinen Knechten umgebracht.

So war das in alten Zeiten, in denen die Pythia ihre Weisheit aus betäubenden Dämpfen zog und Daniel seinen Kontakt zu Jahwe nutzte, so ist das heute natürlich nicht mehr, es kam die Aufklärung, es kam die Wissenschaft, es kam die völlig objektive Prognose. Mit einem Wort, es kamen die sogenannten Analysten, die ohne mit der Wimper zu zucken ihre falschen Prognosen von gestern – „Aktienkurse werden steigen, weil Ölpreise fallen“ – nicht einfach widerrufen – „Aktienkurse werden fallen, weil Ölpreise fallen“–, sondern noch einfacher übertönen und vergessen machen wollen.

Aber so kurz ist das Gedächtnis nun auch wieder nicht, irgendwann hatte man genug vom Kaffeesud und von den Glaskugeln, von den Statistiken und Professorentiteln. Nur, das Bedürfnis, Künftiges kommen zu sehen, war damit natürlich nicht aus der Welt. Umso größer die Erleichterung, als sich statt all der vagen und wankelmütigen Menschen die Natur selbst zu Wort meldete, und zwar auf einem Feld, das emotional geladener ist als das antiker Kriegszüge und moderner Börsenräubereien: Paul, der Krake, war Herr der Fußball-WM 2010, er tastete sich mit seinen acht Tentakeln und noch mehr Bedacht von Prognose zu Prognose, die Deutschen lernten ihn erst lieben und dann fürchten: Er sagte alle Spiele richtig voraus und ließ selbst Meeresbiologen, die um die Klugheit der Kraken wissen, das Blut erstarren.

Aber nun, wo die Frauen um die Macht (im Weltfußball) kämpfen, ist er nicht mehr, Paul verstarb im Oktober 2010. Wer kann ihn ersetzen, soll man ihm vielleicht in einer Séance nachstellen? Nein, deutsche Aquarien hatten eine andere, unselige Idee, die der Wiederholung, in der Masse Klasse aufwiegen sollte: Gleich acht Kraken stehen bzw. schwimmen bzw. tasten nun im Dienst. Es kam, wie es kommen musste: Auch viele Kraken verderben den Brei. Man hätte es vorhersagen können. Nur drei tippten beim ersten Spiel der Deutschen richtig.

E-Mails: juergen.langenbach@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2011)

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