Mäusemännchen werden durch die Chemikalie BPA weniger aktiv und weniger attraktiv für Mäuseweibchen.
1950 zeigten Experimente an Hühnern in den USA, dass DDT im Futter der Mütter – DDT ist ein Insektizid und wurde breit eingesetzt – die sekundären Geschlechtsmerkmale der Söhne veränderte: Die Kämme blieben klein und matt, man vermutete eine „hormonähnliche Wirkung“ des DDT. Das war wieder vergessen, als DDT das Wappentier der USA, den Weißkopfseeadler, in höchste Not brachte: Sein Balz- und Brutpflegeverhalten geriet durcheinander, die Eierschalen wurden zu dünn, der „Silent Spring“ drohte.
So nannte die Journalistin Rachel Carson ein einflussreiches Buch, das die Ausrottung der Vögel durch Chemikalien an die Wand malte und die grüne Bewegung begründete. Die hatte beim Seeadler Erfolg: Der DDT-Einsatz wurde verringert (und später verboten). Auch darüber ging die Zeit hinweg, aber der Spuk zeigte sich immer wieder: Ende der 1980er starben an Englands Küsten Meeresschnecken aus, weil die ganze Population vermännlicht worden war – durch Tribetylzinn, TBT, man schützte damit Schiffe vor Algenbefall. Zugleich gab es ein Robbensterben in der Ostsee, Immun- und Reproduktionskraft der Tiere waren geschwächt, vermutlich durch Dioxine und PCBs (etwa in Transformatorenölen).
Pille verweiblicht Fischmännchen
Dann kamen Fische in Gewässern unterhalb von Kläranlagen: In Berlin waren viele Männchen verweiblicht, in Lissabon keine. Damit rundete sich das Bild: Berlin ist protestantisch, viele Frauen nahmen die Pille, im katholischen Lissabon war sie tabu. Deshalb geriet dort ihr Wirkstoff, das Sexualhormon Östrogen, nicht ins Abwasser. Das und viele andere Chemikalien, die keine Hormone sind, aber so wirken, fasste man nun unter einem Namen zusammen – „Umwelthormone“ bzw. „endokrine Disruptoren“ –, die Forschung blühte auf. Man entdeckte den Schrecken allerorten – Alligatoren in Florida hatten verkürzte Penisse, Inuitkinder in Alaska einen geminderten IQ –, hunderte Chemikalien kamen in Verdacht. Über ihnen wuchs die Forschung sich zu Tode und brachte widersprüchliche Befunde. Nun nimmt sie einen neuen Anlauf, der sich auf ein Kriterium konzentriert – sexuelle Selektion – und auf eine Chemikalie, Bisphenol A (BPA), es findet sich etwa in Innenbeschichtungen von Konservendosen und in Thermopapier. Von diesem BPA hat Cheryl Rosenfeld (University of Missouri) trächtigen Mäusen Dosen ins Futter gerührt, die auf den Menschen umgerechnet in den USA als ungefährlich gelten. Dann hat sie an den Jungen alles beobachtet, was mit sexueller Selektion zu tun hat: Körperlich zeigte sich nichts, die Jungen beiderlei Geschlechts waren normal.
Aber das Verhalten der Männchen war gestört. Für gewöhnlich streifen sie auf der Suche nach Weibchen umher, haben eine gute Orientierung. Beides ging den Männchen, die im Uterus BPA ausgesetzt waren, partiell verloren. Und wenn sie doch auf Weibchen stießen, waren sie für diese weniger attraktiv. „Unser Befund, dass BPA-Exposition in der Embryonalentwicklung die kognitiven Fähigkeiten und Verhaltensweisen schwächt, die Männchen für die Reproduktion brauchen, hat breite Implikationen für andere Arten“, schließt Rosenfeld, „unsere eigene eingeschlossen.“(Pnas, 27.6.)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2011)