Die ehrwürdige Kreiszahl soll vom Thron gestürzt und durch eine schönere, praktikablere und realitätsnähere ersetzt werden.
Griechenland? Gaddafi? Welthistorisch sind das Fliegenschisse – pardon: Fußnoten –, die morgen vergessen sind, spätestens übermorgen. Das Ewige haust anderswo, in den Gesetzen der Natur und der Mathematik: Der Umfang eines Kreises – wie klein oder groß er auch sei – ist gleich dem Durchmesser mal einer Konstante. Die liegt ungefähr bei drei, das wussten schon Assyrer und Ägypter, auch König Salomon zeigte seine Weisheit: „Und er machte ein Meer (ein rundes Wasserbecken), gegossen von einem Rand zum andern zehn Ellen weit, und eine Schnur dreißig Ellen lang war das Maß ringsum.“ (1. Könige, 7, 23) Präziser näherte sich Archimedes der Konstante, die weder in ganzen Zahlen noch in Brüchen und Wurzeln ausgedrückt werden kann.
Sie hat kein Ende: 3,14159 lauten die ersten Stellen, immer neue kamen hinzu, Ludolph van Ceulen opferte 30 Lebensjahre, bevor er den Rekord 1596 auf 35 Dezimalstellen getrieben hatte; im Januar 2010 – da hatte man das Unsagbare der Kürze halber längst Pi genannt: π – lag er bei 2,7 Billionen. Aber nicht nur Mathematiker sind im Wettstreit, auch Gedächtniskünstler messen sich: Den Weltrekord im Memorieren von π hält seit 2005 der Chinese Chao Lu: 67.890 Nachkommastellen fehlerfrei in 24 Stunden und vier Minuten.
Die Zahl nimmt wirklich kein Ende, sie ist über die Mathematik hinaus gewuchert, seit 1988 gibt es einen Pi-Tag – 14. März (3.14) –, 2009 erhob ihn das US-Parlament (in einer nicht bindenden Entscheidung) zum „National Pi Day“. An dem gibt es keinen Truthahn, sondern pi(e): Kuchen. Selbst auf der Suche nach Außerirdischen wird die Kreiszahl mit Radiosignalen ins All geschickt: Wer sie empfangen kann, muss auch π kennen.
Aber mit all dem Endlosen soll es nun zu Ende sein, Pi soll gestürzt werden, ein neuer König auf den Thron: Tau, exakt doppelt so groß wie Pi, 6,28 etc. etc. etc. Denn diese Kreiszahl ist nicht der Quotient aus Umfang und Durchmesser, sondern der aus Umfang und Radius. Auch diese Zahl hat schon ihren Tag, er war gerade, am 28. Juni (6.28): „Am Tau-Tag gibt es doppelt soviel pi(e)“, versprach Michael Hart, Physiker und nach Selbstdefinition „führender Anti-Pi-Propagandist der Erde“, der seine Revolution mit einem „Tau-Manifest“ unterfüttert hat. Zwar könne man mit π völlig korrekt rechnen, aber: „Ästhetisch ist Pi hässlich und verwirrend. Und das wirkliche Problem liegt darin, dass es ein Botschafter der Mathematik ist. Wenn jemand irgendetwas über sie weiß, dann kennt er Pi.“
Und damit etwas Falsches: „Beim Kreis geht es nicht um den Durchmesser, sondern um den Radius“, argumentiert Hart, „er besteht aus allen Punkten, die den gleichen Abstand zum Zentrum haben.“ Wohl wahr. Aber könnte man nicht der Einfachheit halber beim Altgedienten bleiben und zwar nicht π mal Daumen rechnen, wenn es um den Umfang eines Kreises geht, aber doch mit π mal 2 (Radien)?
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2011)