Die Welternährungsorganisation FAO konnte in Rom das Ende einer Plage feiern, die die Weltgeschichte so mitgeformt hat wie keine andere Krankheit, auch keine des Menschen.
Als Dschingis Khan im 13. Jahrhundert nach Westen zog, hatte er eine Geheimwaffe im Tross: asiatische Rinder. Viele trugen ein Virus im Leib, das ihnen nichts tat, aber infizierte andere Rinder umsinken ließ wie die Fliegen: 80 bis 90 Prozent der Befallenen sterben in kurzer Zeit an der vom Virus verursachten Krankheit, der Rinderpest.
Ob der Khan das gewusst und seine Rinder willentlich als Biowaffe eingesetzt hat, ist unklar. Sicher aber ist, dass damit eine Krankheit nach Europa gelangt ist, die die Weltgeschichte formte wie keine zweite, auch keine des Menschen: Die Rinderpest brachte Hunger, der Revolutionen vorbereitete – in Frankreich, in Russland –, sie entvölkerte halb Afrika und gab dem Kontinent ein neues Gesicht. In Nordafrika war sie früh – manche vermuten sie hinter der fünften Plage Ägyptens, aber das Virus entwickelte sich erst um das Jahr 1000 herum aus den Masern –, der Süden aber mit seinen endlosen Rinderherden war lange durch die Sahara geschützt. Bis 1887 italienische Truppen Eritrea überfielen, sie hatten Rinder mit Pest dabei. Die breitete sich rasend bis nach Südafrika aus, zwei Drittel der Massai verhungerten. Die toten Menschen und Tiere lagen „so dicht, dass die Geier vergaßen, wie man fliegt“, erinnerte sich ein Überlebender. Aber auch die wurden weiter dezimiert: Weil die Savannen nicht mehr beweidet wurden, verbuschten sie und boten dem nächsten Schrecken Raum, der Tsetse-Fliege, die Schlafkrankheit überträgt.
Dort, in Afrika, hielt sich die Rinderpest auch bis zuletzt, andernorts hatte man sie früh bekämpft, mit rigorosen Maßnahmen und Einfallsreichtum. Erste bedrohten im 18. Jahrhundert im Vatikanstaat all die mit dem Tod, die sich nicht an die strikte Isolation und das sofortige Schlachten befallener Tiere hielten: Papst Clemens XI. hatte seinen Leibarzt Lancisi mit Abhilfe beauftragt, der ersann extreme und wirksame Quarantäne: Der Vatikan bekam die Krankheit vom Hals, in protestantischen Staaten Europas, wo der Rat Roms unerbeten war, starben 200 Millionen Rinder.
Zweiter Erfolg nach den Pocken
Dagegen ersannen niederländische Bauern 1705 eine Medizin, sie tauchten Tuchfetzen in Spucke kranker Tiere und nähten sie in aufgeschnittene Haut gesunder ein. Das waren die ersten Impfungen, 50 Jahre vor denen, mit denen Philipp Jenner als Begründer des Impfens in die Geschichte einging: Er entwickelte die Impfung gegen Pocken, in den 1980er-Jahren feierte die Medizin damit einen bisher einmaligen Triumph: Die Pocken wurden ausgerottet.
Das gab der Impfkampagne gegen die Rinderpest neuen Auftrieb: 1979 hatte man sie abgebrochen, man hielt die Krankheit für besiegt, in den 80er-Jahren kehrte sie zurück. Man nahm einen neuen Anlauf, mit einem Impfstoff, der nicht gekühlt gelagert werden muss, man lehrte die Hirten selbst das Spritzen. Das war vor allem in Afrika nötig, in dessen ewigen Kriegen die Krankheit sich hielt. Und es war erfolgreich: Der weltweit letzte (bekannte) Fall war der eines Wildbüffels in einem Nationalpark in Kenia.
Das war 2001. Seitdem beobachtete man. Am Dienstag konnte bei der Welternährungsorganisation FAO in Rom gefeiert werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2011)