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Mexiko: Der Pyrrhussieg im Drogenkrieg

(c) APA (Polizei)
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Die Zahl der Drogenkartelle hat sich in fünf Jahren verdoppelt, Unbeteiligte geraten zwischen die Fronten. Der Druck auf den Präsidenten wächst, seine Strategie zu ändern.

Mexico city. Juan Francisco Sicilia war zur falschen Zeit am falschen Ort. Dies kostete den 24-jährigen Sohn des mexikanischen Dichters Javier Sicilia sowie sechs weitere Menschen vor drei Monaten das Leben. Sie wurden von Angehörigen der Drogenmafia „Kartell des Südpazifik“ erschossen. Sechs Opfer von jährlich mehreren tausend – doch ihr Tod hat eine neue Bewegung losgetreten, an deren Spitze der Poet und Journalist Sicilia steht.

Im Schloss Chapultepec in Mexico City hat kürzlich Präsident Felipe Calderón den Dichter empfangen. Das Treffen war alles andere als ein Ritual gegenseitiger Ehrbezeugungen. Vielmehr offenbarte es den Graben, den der Drogenkrieg quer durch die mexikanische Gesellschaft gerissen hat.

Seit sich Calderón nach seinem Amtsantritt Ende 2006 zum frontalen Kampf gegen das organisierte Verbrechen entschlossen hat und dazu auch die Armee einsetzt, sind dem Gemetzel rund 40.000 Menschen zum Opfer gefallen: vorwiegend Angehörige verfeindeter Kartelle, daneben Soldaten, Polizisten und Justizbeamte. Aber immer häufiger auch Unbeteiligte wie Juan Francisco Sicilia.

 

Unterschätzte Kartelle

Der Schriftsteller, der in Begleitung mehrerer Angehöriger von Verschwundenen und Ermordeten erschienen war, fragte Calderón geradeheraus: „Sind wir der Kollateralschaden Ihres Krieges?“ Binnen weniger Wochen ist Sicilia zum Wortführer jener wachsenden Anzahl von Mexikanern geworden, die dem Staatsoberhaupt drei Vorwürfe machen: Erstens sei die Armee ungeeignet, um im Innern für Ordnung zu sorgen. Zweitens sei es verantwortungslos, einen Krieg gegen die Drogenmafia zu beginnen, ohne Justiz und Polizei zu reformieren. Drittens habe Calderón die Schlagkraft des organisierten Verbrechens sträflich unterschätzt.

Calderón antwortete wie immer: Da die Drogenmafia innerhalb staatlicher Institutionen wie ein Krebsgeschwür wuchere, musste er energisch handeln, auch mithilfe der Armee. Zeit für langwierige Reformen habe er keine gehabt. Verantwortlich für den Drogenkrieg seien nicht die Ordnungskräfte, sondern die Verbrecher – und die USA, die für Mexikos Kartelle nicht nur der wichtigste Absatzmarkt seien, sondern auch der Ort, wo sie ihre Waffenarsenale relativ unbehelligt füllten.

Calderóns Rechtfertigungen treffen theoretisch zu. In der Praxis jedoch zeigt sich, dass sein Vorgehen gegen die Drogenmafia zu scheitern droht. Während die Zahl der Toten Jahr für Jahr steigt, agieren die Kartelle mit einer Brutalität jenseits aller Vorstellungskraft.

Ein erfolgreich geführter Kampf müsste aber nach gewisser Zeit zumindest eine Trendwende erzwingen. Nun weist Calderón unermüdlich darauf hin, wie viele Drogenbosse in seiner Amtszeit verhaftet oder erschossen wurden. Auch dies ist richtig: Von den 37 Capos, die vor zwei Jahren auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher standen, sind 21 ausgeschaltet.

 

Immer mehr Entführungen

Paradoxerweise wirken sich die Erfolge der Ermittler für die Bevölkerung eher negativ aus. Nach der Verhaftung eines Anführers zerfällt ein Kartell häufig in Untergruppen, die sich eigene Territorien sichern. Dies führt zu einer geografischen Ausdehnung der Kriminalität. Da es den kleineren Verbrecherbanden schwerfällt, Drogen in die USA zu schmuggeln, behelfen sie sich mit Aktivitäten, die die Bevölkerung direkt treffen: Entführungen, Überfälle, Schutzgelderpressung. Gab es 2006 sechs Kartelle, so sind es heute mindestens zwölf. Ereigneten sich damals in 53 Gemeinden zwölf oder mehr Morde pro Jahr, sind es mittlerweile 200 Gemeinden. Die Zahl der Entführungen hat sich seit 2006 verdreifacht.

 

Neuer „präventiver Ansatz“

Niemand verlangt von Calderón, den Kampf gegen die Drogenmafia aufzugeben. Stattdessen werden die Stimmen lauter, die ihn auffordern, seine „repressive Strategie“ zugunsten eines „präventiven Ansatzes“ zu revidieren. Nicht mehr die Zerschlagung der Kartelle soll im Vordergrund stehen, sondern die Verminderung der Gewalt.

Der Staat ginge dann vor allem gegen jene Gruppen vor, die besonders grausame Taten begehen und die Zivilbevölkerung terrorisieren. Oberstes Ziel wäre nicht mehr, möglichst viele Verbrecher zu bestrafen, sondern lediglich die schlimmsten.

Als der Dichter Sicilia nun den Präsidenten aufforderte, sich für die Toten des Drogenkriegs zu entschuldigen, antwortete das Staatsoberhaupt: „Ich bereue einzig, bisher nicht resoluter gehandelt zu haben.“

Zu einem Strategiewechsel wird es im Kampf gegen Mexikos Drogenkartelle – wenn überhaupt – erst unter Calderóns Nachfolger kommen. Und der tritt sein Amt erst im Dezember 2012 an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2011)