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Kapellari warnt vor Naivität und Vereinfachung von Islam

Bischof Egon Kapellari
Bischof Egon Kapellari(c) (Clemens Fabry)
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Der Grazer Bischof sieht dialogbereite Gruppen ebenso wie muslimische Parallelgesellschaften. Die Kirche bewege sich langsam vorwärts, sei aber heute "kein kleines Fischerboot", sondern ein "Riesentanker".

"Die Kirche bewegt sich, aber sie galoppiert nicht. Wir sind kein kleines Fischerboot mehr wie einst am See Genezareth, die Kirche ist ein Riesentanker," relativierte der steirische Bischof Egon Kapellari im APA-Gespräch aktuelle Erwartungen zur innerkirchlichen Entwicklung. Die Kirche sei lebendig "und wird sich immer wieder weiter entwickeln". Die Fixierung auf sogenannte heiße Eisen wie Zölibat, Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene oder Frauenordination gebe es fast nur in deutschsprachigen Ländern. Man werde sich an diesen Themen "weiter abarbeiten". Fundamentaler sei die Frage, "ob Gott ist und wer er ist". Ohne tiefe Verankerung in dieser Frage werde die Kirche flach und "es wird ihr bald die Luft ausgehen". Im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen sagte Kapellari, die Kirche habe gelernt, damit "sehr offen umzugehen".

Die katholische Kirche sei das älteste Globalinstitut der Welt, so der Diözesanbischof von Graz-Seckau. "Wie die Gesellschaft überhaupt ist sie heute sehr plural", manchen erscheine es als "Mission impossible", sie in Einheit zusammenzuhalten: "Die Kräfte zur Einheit haben aber tiefe Wurzeln und werden schließlich stärker sein als viele Stimmen in der veröffentlichten Meinung," meinte Kapellari.

Betreffend die Schwierigkeiten für eine Ehe auf Dauer oder eine lebenslange Verpflichtung zum Zölibat sagte der Bischof, "wenn ein Versprechen nicht gehalten werden kann, muss die Gemeinschaft versuchen zu helfen und Wunden zu heilen. Alle Narben kann sie aber nicht glätten. Es gibt auch immer einen Selbstbehalt für jene, die eine freiwillig übernommene Verpflichtung aufgeben. Freilich kann der Selbstbehalt nicht in jedem Fall gleich groß sein." Was den Zölibat angehe, habe er sich nie im Wegschauen bei Problemen geübt und er habe den Priestern und Priesterversammlungen immer als verpflichtendes Mindestprogramm den Titel eines Buches von Vaclav Havel vor Augen gehalten: "Versuch in Wahrheit zu leben".

"Unentschuldbares Verdrängen" bei Missbrauch

Zu den Missbrauchsfällen sagte der Bischof, früher habe man das meiste nicht verdrängt, sondern einfach nicht gewusst. Dennoch: "Es hat aber auch unentschuldbare Verdrängungen gegeben." In einer Zeit "häufiger ungerechter Verallgemeinerungen" müsse betont werden, dass nur ein sehr geringer Prozentsatz von Priestern und anderen kirchlichen Verantwortlichen in Missbrauchsprobleme verwickelt waren bzw. sind. Das sei keine Entschuldigung auch nur für einen einzigen Fall, betonte Kapellari. Trotzdem müsse die Gesellschaft auf diese Probleme auch in Familien und in weltlichen Sozialeinrichtungen deutlicher hinschauen. "Kirchlicherseits wurde eine verbindliche Rahmenordnung zur Behandlung von behauptetem oder wirklichem Missbrauch und für Prävention erstellt. Auch in der Priesterausbildung befasst man sich verstärkt mit diesem Thema. Eine Vollkaskoversicherung für die Zukunft haben wir aber ebenso wenig wie die Gesellschaft im Ganzen."

"Islam ist sehr vielgestaltig"

Zum Thema Islam versuchte Kapellari eine differenzierte Einschätzung: Naivität sei hier ebenso fehl am Platz wie "schreckliche Vereinfachungen". "Der Islam ist sehr vielgestaltig. Es gibt Kooperationsbereitschaft bei vielen einzelnen Muslimen und auch bei einigen Gemeinschaften. Es gibt bekanntlich aber auch Parallelgesellschaften, deren rasches Anwachsen eine große Gefahr für die Stabilität von Zivilgesellschaften in Ländern wie dem unseren wäre."

Das Wort Dialog im Verhältnis zwischen Christen und Muslimen werde bei Christen manchmal zu idealistisch verstanden, so der Bischof warnend. In Wahrheit müsse es mindestens um die Festlegung von Regeln zur Koexistenz gehen. Die christlichen Kirchen tun in Österreich dazu sehr viel. Wichtig ist dem Bischof auch die Reziprozität im Verhältnis zwischen Christen und Muslimen. "Wenn Muslime hierzulande wegen mangelnder Religionsfreiheit in muslimisch geprägten Ländern kritisiert werden, dann können diese Muslime in aller Regel nichts dafür. Sie können aber einzeln und in ihren hiesigen Gemeinschaften öffentlich sagen, dass sie Christenverfolgungen in ihren Herkunftsländern scharf verurteilen und für mehr Religionsfreiheit eintreten."

Sorge um Christen in Syrien

Weltweit würden derzeit rund 200 Millionen Christen besonders auch wegen ihres Glaubens diskriminiert und oft auch blutig verfolgt. Der Umsturz in Ägypten etwa habe bewirkt, dass die Kopten als Minderheit von zehn Millionen weiterhin und sogar noch mehr benachteiligt werden, und die Krise in Syrien könnte dazu führen, dass auch dort das bisher friedliche Miteinander von Muslimen, Aleviten und Christen (letztere machen ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung Syriens aus und genossen bisher den Schutz des Assad-Regimes) zulasten der Christen entscheidend gestört werde.

Was seine persönliche Zukunft betreffe - seine Amtszeit wurde erst im Jänner vom Papst um zwei Jahre "nunc pro tunc" verlängert -, so hofft der Bischof, dass es ihm zeitgerecht gewährt werde zu emeritieren. Er werde sich dann wie bisher seelsorgerisch auch vielen Einzelnen zuwenden können und noch mehr Zeit dafür haben. Auch werde entsprechend einem Buchtitel von Heinz Nußbaumer "Der Mönch in mir" mehr Zeit für Gebet und Kontemplation gegeben sein. Keinesfalls werde er in die Diözese hineinregieren. Sein Vorgänger Bischof Johann Weber habe dies auf beispielhafte Weise ebenfalls nicht getan. Auf Spekulationen betreffend einen Nachfolger als Diözesanbischof ließ sich Kapellari nicht ein.

(APA)