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Mit den Ohren eines anderen

100 Jahre Individualpsychologie: über den Aufbruch der sozialen Vernunft im Wien der Zwischenkriegszeit – und was Alfred Adlers Plädoyer fürs Gemeinschaftsgefühl mit dem heutigen „Code of Cool“ zu tun hat.

Alfred Adlers Asche wurde vor Kurzem nach Wien überführt. Wäre schön, wenn auch politisches Feuer zurückgekommen wäre. Adler (1870 bis 1937) setzte auf „Ermutigung“ des Individuums, auf „Gemeinschaftsgefühl“ und auf die Ertüchtigung der Menschen zur Schaffung einer Gesellschaft, die ein Gemeinschaftsgefühl auch rechtfertigt. Seine Schule, die er zuerst „freie Psychoanalyse“ nannte, später dann „Individualpsychologie“, zeichnete sich dadurch aus, dass sie als gesellschaftliche Praxis wirkte. 1926 schrieb Adler: „Die Individualpsychologie erblickt ihre Aufgabe darin, dass ihre Lehren über die Grenze der Krankenbehandlung und der individuellen Erziehung hinaustreten, dass sie Prophylaxe werden und Weltanschauung. Im Banne des Kosmos, verhaftet auf dieser nicht überreichlich spendenden Erdkruste, verknüpft durch die Schwäche seines Organismus, noch mehr durch seine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft in Sprache, Vernunft, Ethik, Ästhetik und Erotik, zwingt das Leben den Menschen zur Antwort auf zwangsläufig entwickelte Fragen. Sein Mut, sein Optimismus und seine trainierte Leistungsfähigkeit sind notwendige Antworten auf eine reale Not, die auch ein dauerndes Gefühl der Minderwertigkeit als wesentlichen Inhalt seines Seelenlebens unterhält.“

Heute stoße ich in Begegnungen mit Menschen auf eine breit geteilte Erzählung: „Hauptsache, das Leben verläuft ruhig; am besten, man arrangiert sich irgendwie; hohe soziale Ansprüche lohnen nicht, Aufbegehren wäre vergebens, ja verderblich.“ Je nach Aggressionspegel finden sich dann Grundstimmungen wie Gleichgültigkeit, Depression, hoffnungsloser Groll, gereizte Zufriedenheit, rachsüchtige Demut. Die Ambition, zur Geltung zu bringen, was man sein will, oder andererseits das beherzte Zurückweisen unwürdiger Zumutungen, Courage und Selbstachtung also, muss ich lange suchen.

Eine pädagogische Tradition hat uns selbstaffirmative Regungen generell als Selbstliebe, Überheblichkeit oder Egoismus schmähen gelehrt, Demut und Bescheidenheit hingegen hoch zu loben. Besonders gewürdigt wird der Mensch in seiner Bedürftigkeit, in seiner Abhängigkeit – als Opfer. Hilflosigkeits- und Demutssuggestionen machen Menschen willfährig und animieren Konsumbedürfnisse. Thymótische Regungen treten schließlich nur mehr in toxischen Formen zutage, als Ressentiment oder Rachsucht. Leisetreten kennzeichnet über weite Strecken auch die öffentlichen Auftritte unserer Volksvertreter, Energie begegnet uns von dieser Seite vornehmlich in Form feindseliger Hetze.

Eine aktuelle Façon leidenschaftsgebremster Selbstverhinderung stellt die geradezu normative Coolness unter Jugendlichen dar. Ein „Code of Cool“ regelt die Affekte (meist männlicher) Jugendlicher und prägt deren Kommunikation. Sie erscheinen abgehoben, abweisend, apathisch – zumindest für Außenstehende. Cool zu bleiben oder zu chillen sind geläufige Imperative. Initiative und Engagement gelten als ehrenrührig. So immunisieren sie sich gegen Betroffenheit, verhindern den Blick in ihre Beweggründe und spiegeln Souveränität vor.


Coolness vergibt Chancen

Die coole Verweigerung von Teilen der Jugend ist nicht allein deshalb besorgniserregend, weil Totstellen auf höchsten psychischen Alarm hinweist. Coolness vergibt Chancen auf Erneuerung. Sie bremst nicht nur individuelle Entwicklung, sie friert auch gesellschaftliche Dynamik ein. Soziale Abstinenz der Jugend liefert den Lauf der Welt der weit verbreiteten depressiven Verantwortungsdiffusion Erwachsener aus sowie den partikulären Interessen derer, die an den Schalthebeln sitzen und nicht wollen, dass die Karten neu gemischt werden. Aber nicht alle Jugendlichen sind unterkühlt. Vor allem wollen Jugendliche eines nicht sein: Opfer. „Opfer“ ist zu einem beliebten Schmähwort unter Jugendlichen geworden – mit gutem Grund. Narzissmus, Größenfantasien und ein gerüttelt Maß an Aggression stellen notwendige Motoren für eine Entwicklung der Jugendlichen in Richtung Autonomie dar. Sie liefern Motivation und Kraft, die Welt infrage zu stellen und die Verunsicherung auszuhalten, die damit einhergeht.

Die Motoren der Adoleszenz können allerdings zum Stottern kommen, Ausfälle haben, zuweilen kracht es. Turbulenzen der Adoleszenz gehen nämlich nicht nur mit Neugier, Kritik und Größenwahn einher. Das Scheitern an hochfliegenden Ideen mobilisiert auch Scham und Angst. Deshalb sind Jugendliche versucht, bei zu großen Schwierigkeiten ihr Suchen und Experimentieren einzustellen. Die Verlockung ist dann groß, sich Gurus anzuschließen. Gewaltbereite, rechtsradikale Jugendliche sind extreme Beispiele für in diesem Sinne missglückte Adoleszenz. Sie haben in aller Regel keinen Einlass in den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess gefunden und sind so nicht in der Lage, ihren Narzissmus über die Herstellung eines anerkannten Produktes zu befriedigen. Das macht sie zur leichten Beute für irreale Verheißungen, die ihr Geltungsbedürfnis zu versöhnen imstande sind, und Gewalt wird zu einem probaten Mittel, sich effektiv zu erweisen.

Alfred Adler hat erkannt, wie filigran das Selbstwertgefühl der Menschen ist – nicht nur das von Kindern und Jugendlichen –, und wie viel davon abhängt, welche Bedingungen das Ego vorfindet, um sich zu bilden. Adler hat sein Menschenbild sukzessive von dogmatischen Axiomen befreit und hielt seine Theorie stets offen. So blieb sie bis heute für aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse anschlussfähig: Der Mensch besitzt keine speziellen körperlichen Werkzeuge, ist weitgehend instinktentbunden und deshalb auf intentionale Steuerung seines Verhaltens angewiesen. Dabei kommt ihm sein nahezu unbegrenzt lernfähiges Gehirn zugute, das seine kognitiven Funktionen durch Erfahrung und Tätigkeit entwickelt. Die Kehrseite dieser Weltoffenheit des Menschen ist eine Orientierungs- und Verhaltensunsicherheit, seine lange Abhängigkeit von Pflege und Erziehung, eine lebenslange Angewiesenheit auf Gemeinschaft.

Adler sah den Motor für menschliches Handeln und damit für persönliches Wachstum in einem lebenslangen Kampf um Kompensation. Zunächst haben sich die Menschen vieles einfallen lassen müssen, um ihre konstitutionelle Schwäche und Unsicherheit zu überwinden. Ihre Kultur fungiert ihnen als „zweite Natur“. Darüber hinaus haben Menschen mit individuellen organischen „Minderwertigkeiten“ zu kämpfen. Durch „Überkompensation“ bringen sie es dabei mitunter zu ganz außerordentlichen Leistungen. Schließlich hat jeder Mensch persönlich mehr oder weniger mit sozialen Defiziten zu schaffen, im persönlichen wie im klassenspezifischen Milieu.

Adler sah das Verhaltensmovens des Menschen nicht wesentlich als Resultat innerer Konflikte zwischen einem biologischen Trieb und dessen Abwehr, wie das damals in der „Mittwochgesellschaft“ bei Sigmund Freud diskutiert wurde. Adler versuchte den „Lebensstil“ eines Menschen aus dessen Werden im Spannungsfeld all seiner Lebenszusammenhänge zu verstehen. Er analysierte, auf welchen mitunter vertrackten Wegen sich gesellschaftliches Sein im Bewusstsein wie im Unbewussten von Menschen niederschlägt und so deren Verhalten leitet – immer mit dem Ziel, „Minderwertigkeitsgefühle“ abzuwehren. Adler dekonstruierte den Freud'schen Triebbegriff. Er fasste den „Trieb“ als Kunstprodukt auf, das aus der dynamischen Stellung des Individuums zu den Bedingungen seines Lebens resultiert und also vielfältige Formen annehmen kann. Der „Trieb“ quasi als Symptom der existenziellen Auseinandersetzung, das war eine sehr moderne Modellannahme. Adler hebt hervor, dass der Mensch seine Lebensprobleme nur auf der Grundlage eines gut ausgeprägten „Gemeinschaftsgefühls“ lösen kann. Gemeinschaftsgefühl drückt sich darin aus, dass „Geltungsstreben“ Befriedigung findet, indem das Individuum Probleme löst, die auch für andere solche darstellen, und das im Sinne der Allgemeinheit. Das setzt Empathie voraus. Adler schlägt deshalb als „vorläufig zulässige Definition“ für Gemeinschaftsgefühl vor: „mit den Augen eines anderen zu sehen, mit den Ohren eines anderen zu hören, mit dem Herzen eines anderen zu fühlen“.


Aufklärer und Schubert-Sänger

Das ist eine hohe Kunst, die trainiert werden muss, und zwar in Gemeinschaften, in denen Empathie Sinn hat. So war für Adler der Kampf um eine solidarische Gesellschaft auch stets eine Selbstverständlichkeit. Er war von seiner Gymnasialzeit an politisch organisiert und leistete aufklärerische Feldarbeit. Arbeitern gab er Unterricht, publizierte in fortschrittlichen Magazinen, im Diskutier- und Singverein „Veritas“ war er als Sänger von Schubert- und Schumann-Liedern sehr gefragt. Im Rahmen des „österreichischen Studentenverbandes“ engagierte er sich für Sozialismus, moderne Literatur, für ein von Traditionsbelastungen befreites Theater und für neue Musik. Später verstand er nicht nur seine ärztliche und psychotherapeutische Praxis als gesellschaftliche Aufgabe und behandelte viele Patienten gratis, er setzte sich auch politisch für ein soziales Gesundheitswesen ein, für eine aufgeklärte Pädagogik, für eine freie Schule sowie für die Verbesserung von Arbeits- und Wohnverhältnissen.

Besonders exklusiv war sein Engagement in der Frauenfrage. Im Vorrang der Männlichkeit sah Adler den „Krebsschaden unserer Kultur“. Er hatte eine marxistische Frauenrechtlerin geheiratet, Raissa Timofena Epstein, russische Emigrantin und Vertraute Trotzkis. Sein publizistisches Engagement und seine soziale Vernetzung sicherten Adler breiten Einfluss. 1902 folgte er der Einladung Sigmund Freuds zu dessen „Mittwochgesellschaft“ und wurde Gründungsmitglied der „Psychoanalyse“. Aufgrund seiner doch sehr von der Freud abweichenden Praxis entwickelte Adler schließlich aber eine eigenständige Theorie über die Entwicklung der Psyche und die Behandlung psychischer Störungen. Seine Ambitionen zielten nicht bloß auf Verstehen ab, sondern auf Ich-Stärkung und soziale Aktivierung.

Nach dem Ersten Weltkrieg beteiligt sich Adler gleich an der Neuorganisation der Gesellschaft. Er wurde in Wien in den Arbeiterrat kooptiert. So bestimmte Adler an der Seite führender Politiker mit, wie in Wien ein Gemeinwesen mit Wohlfahrt, Bildungswesen und Sicherheitssystem aufzubauen sein würde. In seiner Profession verband Adler Sozialmedizin, Krankheitsprophylaxe und psychoanalytische Konzepte. Es ging ihm um die Herstellung von Gesundheit. Er profilierte sich in der psychoanalytisch-therapeutischen Lebenshilfe und in der Volksbildung. Der Bedarf an Ratsuchenden und Ausbildungswilligen übertraf alle Erwartungen, und Adler bildete mit der Zeit ein Imperium an Erziehungsberatungsstellen mit Ausbildungsmöglichkeiten für Erziehungsberater. Individualpsychologen arbeiteten im klinischen Bereich, wirkten an Volkshochschulen, in Schulen und Vereinen wie Caritas und Kinderfreunde. Es gab ein individualpsychologisches Ambulatorium, Alice Friedmann und Stefanie Horowitz hatten ein individualpsychologisches Kinderheim gegründet, Sofie Lazarsfeld eine Ehe-, Familien- und Sexualberatungsstelle.

Alfred Adler unterstützte von Anfang an die „Freie Schule“, er wollte sie von ideologischen und religiösen Zwängen befreit sehen. Nach dem Krieg rückten Aufklärung und Schulung der Bevölkerung noch stärker in den Mittelpunkt seines Interesses. Albert Einstein hatte ihn mit Pazifisten wie Romain Rolland zusammengebracht, was ihn 1919 zur massenpsychologischen Studie „Die andere Seite“ motivierte, einer Abrechnung mit Krieg und Gewalt. Adler war kein naiver Pazifist. Er wirkte im Internationalen Friedensverein „Clarté“, dessen Ziel die klassenlose, jedoch nicht die klassenkampflose Gesellschaft war. Dauernder Friede werde erst in einer harmonischen Gesellschaft mit vergesellschafteten Produktionsmitteln möglich sein.

Im Wien der Ersten Republik herrschte ein Kulturkampf um die Jugend. Alle hatten die Bedeutung der Jugend für die Zukunft erkannt. Experimentalpsychologie und Psychoanalyse hatten neue Erkenntnisse über kindliche Entwicklung gebracht, Architektur, Kunst und Politik erstellten Szenarien einer tauglicheren Welt für Heranwachsende. Eugenie Schwarzwald hatte bereits vor dem Krieg die erste gemeinsame Volksschule für Buben und Mädchen gegründet sowie das erste Mädchengymnasium. Da ging es um Gewaltfreiheit, um die Förderung von Fantasie und Gestaltungskraft jedes Kindes. Oskar Kokoschka, Adolf Loos, Arnold Schönberg, Egon Wellesz und Hans Kelsen unterrichteten da, Anna Freud, Else Pappenheim, Hilde Spiel und Helene Weigel zählten zu den Schülerinnen. Nun requirierte Schwarzwald die Kaiservilla in Bad Ischl für die Kinderhilfe. An ihren Sommerlagern nahmen auch Kinder Alfred Adlers teil. In Wien beschlagnahmten auf Initiative der Individualpsychologin Hermine Weinreb der Verein „Freie Schule“ und die Kinderfreunde die Räume und Gärten von Schloss Schönbrunn, um eine Lehrerbildungsanstalt mit Lehrschule einzurichten. Otto Felix Kanitz, ebenfalls Individualpsychologe, hatte in Gmünd eine „Kinderrepublik“ organisiert. Von da zog er am 19. August 1919 mit etwa 100 Kindern nach Wien in das verwaiste Schloss. In der „Schönbrunner Erzieherschule“ wurden die Grundlagen der modernen Pädagogik gelegt und auch gelebt – Erziehung zur Eigenverantwortung, offener Meinungsaustausch, Teamarbeit, Förderung der Kreativität und sportliche Betätigung. Das Who's who der fortschrittlichen Intelligenz jener Wiener Jahre unterrichtete da: Alfred Adler, der Sozialphilosoph Max Adler und seine Frau, die Ärztin Jenny Adler, der Historiker Karl Kautsky, die Frauenpolitikerin Marianne Pollak, der Pianist Rudolf Serkin. Das revolutionäre Projekt scheiterte zwar bereits 1924 an Geldnot, die Absolventen der Schönbrunner Schule bildeten aber in der Folge den Grundstock für alle Erziehungs- und Schulexperimente in Wien.

Ein Kampf um die Einführung einer reformpädagogischen Gemeinschaftsschule in Österreich scheiterte an klerikalen und konservativen Reformgegnern. In Wien konnten allerdings über den Umweg von Schulversuchen experimentelle Unterrichtsformen erprobt und schließlich in das Gesamtkonzept aufgenommen werden. So gab es etwa „Montessori-Schulen“ und „Waldschulen“. Alfred Adler unterrichtete am Pädagogischen Institut der Stadt Wien. Ferdinand Birnbaum, Franz Scharmer und Oskar Spiel bekamen in einer Bubenhauptschule die Gelegenheit zu einem groß angelegten Schulversuch. In der „Individualpsychologischen Versuchsschule“ sollten Kinder unter anderem einen demokratischen Lebensstil üben. Die Schulversuche wurden wissenschaftlich breit publiziert. So wurde Wien zum Mekka in Unterrichtsfragen. Internationale Austauschaktionen verbreiteten den guten Ruf der „Wiener Schulreform“, hinter der Otto Glöckel stand, Wiener Stadtschulratspräsident bis zu seiner Verhaftung 1934. Die Protagonisten der Individualpsychologie bewegten sich auf allen Ebenen des wissenschaftlichen wie des öffentlichen Lebens und waren auch medial mit Themen aus Justiz, Literatur, Medizin und Politik präsent. Adleriana-Gruppen entstanden in ganz Europa und in Nordamerika, nicht zuletzt aufgrund der vielen Vortragsreisen Alfred Adlers. Ab 1929 hielt sich Adler vorwiegend in Amerika auf. Er kam aber immer wieder nach Europa und tourte am Volant des eigenen Cabriolets von Lehrtätigkeit zu Lehrtätigkeit. 1934 entzogen die Austrofaschisten dem genuin individualpsychologischen Wirken in Österreich den Boden. Alfred Adler starb am 28. Mai 1937 in Schottland.

Alfred Adler war ein Aufklärer. Er analysierte, wie soziale Lebenslagen, entsprechende Notwendigkeiten und Konflikte die Mentalitäten von Menschen prägen und sich so in deren Körper einschreiben, dass letztlich ganz unterschiedliche Typen von Menschen in Erscheinung treten. Ihm war klar, dass die sehr differierenden Erscheinungsformen und Fähigkeiten der Menschen nicht deren „Natur“ geschuldet sind, sondern Ergebnis differierender Lerngeschichten darstellen. Adler war ein Avantgardist des Trainingsgedankens, überzeugt davon, dass prinzipiell alle alles lernen könnten, würden sie die geeigneten Lernanlässe vorfinden. Er erkannte, was heute die moderne Hirnforschung bestätigt: dass sich unser Gehirn in der Weise entwickelt, wie wir es gebrauchen. Deshalb galt seine Ambition der Ermächtigung von Menschen zu einer Praxis der Selbstbestimmung. Adler kannte die fatalen Effekte von Erfahrungen der Ohnmacht, der Demütigung und entsprechender Schamgefühle. Unter diesem Gesichtspunkt analysierte er den Werdegang Mussolinis und die Kriegsbegeisterung so vieler. Adler wusste, dass „Selbstbestimmen“ und ein ambitioniertes Leben mit fast allem korreliert, was uns gut und teuer ist, Unterwerfung und Passivität hingegen mit vielem einhergeht, das wir fürchten.

In diesem Lichte wäre die große Depression zu betrachten, die sich zeitgeistig in unserer Gesellschaft breitmacht. Ohnmachtserzählungen sind Herrschaftsmythen, die dazu führen, dass das Volk mut- und tatenlos bleibt. Der „Code of Cool“ ist im Grunde ein Code von Unterworfenen, die sich in dieser Position einfrieren. Sprösslinge der euphemistisch „Eliten“ Genannten bekommen ja Mut genug mit, von zu Hause und dann in ihren „Elite“-Schmieden, wo sie alles andere entwickeln als ein Gemeinschaftsgefühl.

Die Erfolge wie die Vernichtung der sozialpolitischen Reformen im Wien der Ersten Republik sollten zu denken geben. Das gesamte geistige Wien war damals auf der Seite des sozialen Fortschritts. Auch Sigmund Freud befand 1927 messerscharf: „Wenn aber eine Kultur es nicht darüber hinausgebracht hat, dass die Befriedigung einer Anzahl von Teilnehmern die Unterdrückung einer anderen, vielleicht der Mehrzahl zur Voraussetzung hat, so ist es begreiflich, dass diese Unterdrückten eine intensive Feindseligkeit gegen die Kultur entwickeln, die sie durch ihre Arbeit ermöglichen, an deren Gütern sie aber einen zu geringen Anteil haben. Es braucht nicht gesagt zu werden, dass eine Kultur, welche eine so große Zahl von Teilnehmern unbefriedigt lässt und zur Auflehnung treibt, weder Aussicht hat, sich dauernd zu erhalten, noch es verdient.“

Wir leben heute im achtreichsten Land der Welt, dem viertreichsten Europas. Reichtum und Armut haben ein Ausmaß angenommen, wie es die heute lebenden Generationen bisher nicht gekannt haben, und wir schauen einem einseitig geführten Klassenkampf gegen die Deklassierten zu. Die Bildungspolitik hat nicht den mutigen Einstieg aller in ein Leben in Selbstbestimmung im Blick. Verschulung, Selektion, Gleichschaltung und Kontrolle sind angesagt, nicht eigensinnige Dynamik von Erkennen, Verstehen, Begreifen und Gestalten wie in der Reformpädagogik vor 100 Jahren.

Es ist an der Zeit, den Geist des aufgeklärten Wien wiederzubeleben. Die Demokratie ist auch heute wieder gefährdet. Wir sollten die Folgen von Entmutigung und Demoralisierung bedenken und für Spielregeln kämpfen, die Gemeinschaftsgefühl nahelegen. Wir wissen, wie es geht. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2011)

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