Letzte Bissen aus dem Meer

Paul Greenbergs sachkundige Darstellung, wie die Verwandlung wilder Tiere in Nahrung den Fischen zusetzt.

In den Supermärkten werden die Fischregale immer länger, aber breiter wird das Angebot nicht, es gibt vor allem Lachs, Wolfsbarsch, Kabeljau und Thun. Diese vier Fische beherrschen den Markt beziehungsweise werden von ihm beherrscht. Paul Greenberg sieht sie als „Archetypen“ des Umgangs des Menschen mit dem Leben im Wasser. Greenberg ist Journalist und Angler, der in seiner Vita ganz harmlos nachvollzog, was die Menschheit in der ihren mit bösen Folgen tat: Beide folgten dem Fisch von Kindesbeinen, erst in Flüssen und Seen, dann an den Küsten, dann immer weiter auf das offene Meer.

Das beginnt mit dem Fisch, der auf Indogermanisch schlicht „Fisch“ heißt – „laks“ – und einst die Flüsse und Schüsseln so füllte, dass Dienstmädchen gegen den täglichen Lachs auf dem Teller in Streik traten. Das Problem erledigte sich, als die Flüsse verbaut wurden, in den USA begann es 1789 am Connecticut, die Fischerei brach zusammen, ein Fluss folgte dem anderen. Aber noch 1940 bilanzierte ein US-Innenminister, der „Gesamtnutzen“ der Wasserkraftwerke sei „so groß, dass die gegenwärtigen Lachsbestände dafür geopfert werden müssen“. Das wurden sie, 1960 kamen Nachfolger, in Norwegen gelang die Zucht, 1,5 Millionen Tonnen produziert sie heute, Wildlachs kommt auf 0,5.

Ein besonders begehrter kommt aus dem Yukon in Alaska, wo die indigenen Yupik alljährlich auf den Königslachs warten. Sein Fang ist streng reglementiert: Wandern zu wenige Tiere, dürfen sie nur von den Yupik verzehrt werden, der Verkauf ist verboten. Aber der Handel findet Wege: Greenberg ist auf einem Fischerboot mitgefahren, das sich mit einem Öltanker trifft und einen Königslachs gegen „zwei Fünfkilotüten tiefgefrorene Hähnchenteile für 19,99 Dollar“ tauscht.

So vertrackt ist die Welt. Aber nicht nur bei den Yupik. „Heuchler“ muss sich Greenberg von seiner Tochter nennen lassen, als er in der „New York Times“ einen flammenden Appell gegen Thunfischverzehr publiziert und beim Sushi doch nicht widerstehen kann. Ein Eiferer ist er nicht, auch deshalb folgt man ihm gern – und ungern – auf seinem und der Menschheit Weg vom Lachs in den Flüssen zum Wolfsbarsch an den Küsten (er wurde fast ausgerottet, dann gelang die Zucht) und dem Kabeljau im Ozean, wo er sich selbst in Schutzgebieten kaum erholt.

Das alles wird mit hoher Sachkunde erzählt und mit dem Herzblut des Anglers, dem immer weniger am Haken bleibt. Greenberg lässt kein Problem aus – der Pro-Kopf-Verbrauch an Fisch stieg von zehn
Kilogramm 1960 auf 18 Kilo 2005; die Fischereiflotten verdoppelten ihre Tonnage; nur ein Prozent der Weltmeere ist geschützt –, und er tastet nach Lösungen, sieht sie in Aquakulturen mit geeigneten Fischen. Die heutigen Kulturen, mit Lachsen etwa, sind es nicht, sie vernichten Fisch, brauchen für ein Kilo Fleisch drei Kilo Futter: Fisch. Und Thunfische sind es schon gar nicht: Was als „Zucht“ daherkommt, sind gefangene und aufgezogene Jungfische, die sich nie reproduzieren können. Und den verbleibenden alten – bis 4,5 Meter lang und 700 Kilo schwer – wird weltweit nachgesetzt, ein Blauflossenthun bringt in Japan zehntausende Dollar.

Hier hilft für Paul Greenberg nur ein Fangverbot, es gibt einen Präzedenzfall, den Bann der Waljagd, der die Meeressäuger nicht nur körperlich schützte, sondern auch in eine andere Kategorie (zurück-)führte: „Wale sind zu schützenswertem Wildtier geworden. Thunfisch aber bleibt Essen. Würde man ihn mit dem gleichen Schutz bedenken wie Tiger, Löwen und Wale, könnte dies die öffentliche Wahrnehmung von Fischen verändern.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2011)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.